Wenn das jetzt kein Bilderbuchprojekt fürs Come-together im politisch auseinanderdriftenden Europa ist: Ein Portugiese (Gitarrist und Sänger João Seixas), ein Spanier (Bassist und Sänger Alejandro Romero), eine Korsin (Leila Seguin, Querflöte) und ein Brite (Joshua Oldershaw, Drums) katapultieren sich aus dem babylonischen Klangraum ihrer Londoner Studenten-WG in ein gemeinsames musikalisches Abenteuer – jenseits von den ihnen bekannten kulturellen Ursuppen. Sie besuchen die weiten Auen von Folk und Bossa Nova, inspizieren psychedelisch ausgeleuchtete Salsa-Ländereien und landen so an den sonnenverwöhnten Küsten des Hippiebeats. Der Brite verlässt das Projekt, ein Perkussionist aus Ägypten (Youssef Ibrahim) und ein Keyboarder und Vokalist aus den USA (Elliott Arndt) kommen hinzu, so nehmen sie ihr Album Exitoca auf, und was soll man sagen: Jetzt haben sie ihrem hervorragenden Sommer-Singsang auch noch eine Beach-Boys-Note hinzugefügt. Wohin das weiter führen kann, ist gar nicht auszumachen.

Der Albumtitel spielt als Anagramm von Exotica erst einmal mit den Sehnsuchtsklängen aus der Easy-Listening-Welle der 1950er in den USA, verweist aber auch auf "die Idee einer Evakuierung aus der toxischen Atmosphäre des Brexit", wie die Band mitteilen lässt. In diesem Sound-Amalgam entstehen also lauter Zufluchtsorte des gemeinsamen Träumens, Utopien voller Schalalas und Flötenmelodien, der Streicherhimmel so nah. Was durchweg schön und warm und auch ein bisschen wunderlich klingt. Zwischen jubilierende Songs wie Steal My Phone und Goat Flokk setzt die Band eiernde Soundskizzen mit Field-Recordings und kleine Klang-Teaser für selbst ausgedachte Agentenfilme, durchsetzt von mäandernden Synthesizern und Saxofonen. Pop ist, wenn man sich in jedem Moment neu verlieren kann.

Die Videos dazu zeugen von kryptischen Verkleidungen, albernen Tänzen und mystischen Andeutungen. Bildstrecken wie Arrangements sparen nicht mit Irritationen, doch wo so viel Seltsames sich zusammenfindet und überlagert, entsteht wieder Harmonie – immer der Einswerdung mit dem Universum auf der Spur. Diese hell leuchtende Musik will keinen Ärger machen. Cristobal And The Sea gehen lieber mit märchenhafter Beschwingtheit auf Weltverbesserungs-Tour, die Skateboarderin im Video zu Goat Flokk zieht eine Spur von rosa Feenstaub auf der Straße hinter sich her. Kann ja Wunder wirken.

Cristobal And The Sea: "Exitoca" (City Slang)