Dieses Buch nimmt eine Redewendung ernst, die oft benutzt, aber selten durchdacht wurde: Daten seien das neue Öl. Die Digitalindustrie sei für das 21. Jahrhundert, was die Ölindustrie für das vorangegangene war. Autor Malte Spitz besucht dafür mehr als 20 Orte und Gesprächspartner und gewinnt spannende Einsichten in die internationale Wirtschaftsgeschichte. Es lohnt sich sehr, ihn dabei zu begleiten.

Hängen bleiben zunächst die Parallelen zwischen den ersten Jahrzehnten der Ölwirtschaft und denen des Internets. Beide Industrien wurden nach einer Zeit voller Start-ups und Glücksritter von wenigen Superreichen und einigen, meist US-amerikanischen Konzernen dominiert. Beim Öl war es Standard Oil, das wegen seiner Größe vom Staat vor 100 Jahren zerschlagen wurde. Heraus kamen sieben neue Unternehmen, die sogenannten "Sieben Schwestern", die teils bis heute bestehen. Exxon Mobile ist eine von ihnen. Die Digitalindustrie bietet insofern ein ähnliches Bild, als dass auch dort sieben, acht Firmen herausragen: Apple, Amazon, Facebook, Google und Microsoft – ergänzt um IBM und die chinesischen Konzerne Tencent oder Alibaba. Je nach Zählung.

Spitz versammelt Perspektiven aus ganz unterschiedlichen Fächern: Er spricht mit führenden Forschern über künstliche Intelligenz, Robotik und Soziologie, trifft Sicherheitspolitiker, Unternehmer und Wagniskapital-Investoren. Das erleichtert dem Leser den Einstieg nicht unbedingt, aber je tiefer man in das Buch eintaucht, umso besser verbinden sich diese Perspektiven, und immer wieder führen sie zu klugen Einsichten: etwa wie mit den Folgen für Mensch und Umwelt in der Ölindustrie umgegangen wurde – und was sich daraus für die politische Gestaltung der Digitalwirtschaft lernen lasse.

Dabei ist der Autor nicht fortschrittskritisch, er würdigt, dass beide Industrien eine bis dahin unbekannte Freiheit und neuen Wohlstand brachten, die Ölindustrie und die daran anschließende Kunststoffproduktion den gesamten American Way of Life ermöglichten, eben nicht nur für die Reichen. Ähnlich umfassend wirkt die Digitalisierung, doch ist der Freiheitsgewinn hier kein physischer, sondern einer, der sich um den preiswerten Zugang zu Wissen, neuen Services, Kulturgütern und Unterhaltung dreht.

Nun ist Malte Spitz nicht bloß Autor, sondern außerdem Politiker im Parteirat von Bündnis 90/Die Grünen. Und so treiben ihn die Nachhaltigkeitsfragen im Digitalen um. Profitieren alle? Auch die nächsten Generationen? Und er notiert, dass sich die Regierungen ähnlich verhalten wie einst in der Ölindustrie. Dort förderten sie über Jahrzehnte nur das Wachstum, erst in den siebziger Jahren wurden die negativen Folgen der Ölwirtschaft skandalisiert. So lange, schreibt Spitz, sollte der Westen beim Digitalen nicht warten.

Von hier aus blickt das Buch nach vorn. Spitz regt an, die erkennbaren Risiken der Datenverarbeitung jetzt anzugehen. Oft kreisen seine Gedanken um automatisierte Entscheidungen, Algorithmen, denen zugestanden wird, das Leben von Menschen in wichtigen Momenten zu prägen. Spitz nennt Banken, Gesundheit, Jobs. Und er macht Vorschläge, die er aus der Umweltgesetzgebung ableitet. Erwähnt sei, dass er Transparenzberichte zum Umgang mit Daten fordert, vergleichbar den Umweltberichten vieler Konzerne. Er empfiehlt neue Aufgaben für Wettbewerbshüter und das sogenannte Top-Runner-Prinzip aus Japan, dem zufolge in Abständen die jeweils beste unternehmerische Lösung politisch zum Maßstab erklärt wird, den alle Wettbewerber übernehmen müssen. Und nicht zuletzt verweist Spitz darauf, dass Institutionen in der Ölwirtschaft wie die Internationale Energieagentur geholfen haben, das strategische Denken in westlichen Regierungen zu fördern. Dies sind nur einige von vielen möglichen Übertragungen in die Datenwirtschaft. Hätte die nächste Bundesregierung einen Digitalminister, er fände in dem Buch genug Stoff für eine Legislaturperiode.

Malte Spitz: Daten – das Öl des 21. Jahrhunderts? Hoffmann und Campe, Hamburg 2017; 248 S., 16,– €