Wir kennen uns seit drei Jahren. "Herr Präsident, lieber Emmanuel", sprach ich den französischen Präsidenten im Audimax der Pariser Sorbonne-Universität an. Der hatte am Dienstag vor einer Woche gerade seine große Europa-Rede beendet. "Lieber Freund", antwortete mir Emmanuel Macron. Ich zuckte zusammen. "Lieber Freund" ist auf Französisch eine Anrede, die ein Vorgesetzter seinem Untergebenen gegenüber verwendet. Macron schuf also Distanz. Plötzlich war mir klar, was sein scheinbar vertrautes "Liebe Angela!" gegenüber der Bundeskanzlerin bedeutete. Von wegen deutsch-französische Freundschaft. Knallhart wird zwischen Paris und Berlin gerungen. Das sollte ich nun zu spüren bekommen.

Macron hatte in seiner Rede laut gerufen: "Ich sehe nur neue Horizonte, ich habe keine roten Linien!" Das war natürlich eine Antwort auf FDP-Chef Christian Lindner, der in der Berliner Elefantenrunde drei Tage zuvor eine "rote Linie" gegen eine europäische Transferpolitik gezogen hatte, die seiner Meinung nach letztlich dazu dienen würde, Frankreichs Staatsschulden zu finanzieren. Ich fragte nun Macron: "Indem Sie nur neue Horizonte sehen, treten Sie auf den roten Linien einiger Deutscher herum. Glauben Sie wirklich, auf diese Art Deutschland überzeugen zu können?"

"Niemand hat den Völkern je Träume verschafft, indem er ihnen rote Linien aufgezeigt hat", antwortete Macron, den Blick fest auf mich gerichtet. "Europa ist ein Kontinent der Eroberungen, Europa ist kein Kontinent der roten Linien, verzeihen Sie, wenn ich Ihnen das so sage."

So bekam ich einen Vorgeschmack, welche Auseinandersetzung uns Deutschen und der Kanzlerin bevorsteht. Schon knickt FDP-Chef Lindner ein. "Wir sollten nicht die roten Linien in den Vordergrund stellen, sondern die gemeinsamen Horizonte. Macron ist ein Glücksfall", biederte er sich in Bild am Sonntag dem Franzosen an. Schon steht Angela Merkel auf dem Cover des englischen Nachrichtenmagazins The Economist im Schatten von Macron. Das aber werden wir Deutschen alle, wenn wir jetzt nicht sowohl das vertraute Gespräch als auch die öffentliche Debatte mit den Franzosen suchen. Denn es geht gerade um die Zukunft Europas und die Frage, ob die deutsch-französische Freundschaft trotz aller Interessengegensätze hält.

Also machte ich mich in Paris auf den Weg. Gilbert Cette – Wirtschaftsprofessor und Frankreichs bekanntester Arbeitsrechtsexperte – empfing mich in seiner Wohnung im Marais-Viertel. Unsere Familien sind befreundet, aber dieses Mal gab es Streit. Dabei hatte Gilbert meine Kritik an der Europa-Rede Macrons zunächst nachsichtig kommentiert: "Im Grunde hast du recht, es war ein großer Fehler Macrons, nicht von der Schuldenproblematik zu sprechen, vor allem, weil er sich ja an die Deutschen wandte. Aber auch, weil viele Franzosen das ebenso geschätzt hätten", sagte Gilbert. Tatsächlich kam in Macrons Europa-Rede kein Satz über den Abbau des französischen Schuldenbergs von mehr als 2000 Milliarden Euro vor, was in Frankreich Mitte 2016 genau 98,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entsprach. Nach den Maastricht-Kriterien müsste dieser Wert unter 60 Prozent des BIP liegen. Wie kann Macron groß die Zukunft Europas planen, ohne ein Wort über seine Altlasten zu verlieren?

"Deutschland ist kein Modell, sein Erfolg ist nicht exportierbar", sagt der Ökonom Gilbert Cette

Trotzdem nahm mir Gilbert den Einwand übel. Er kennt die deutschen Vorbehalte gegenüber einem schnellen Ausbau Europas nur zu gut. Also ging er in die Offensive: "Hör mal, was habt ihr Deutschen aus französischer Sicht heute zu bieten? Gabriel und Schulz waren Männer ohne Vision für Europa. Trotz ihres beruhigenden Wahlsiegs letzten Sonntag hat Merkel auch keine Vision. Macron aber hatte diese Woche viele klare Botschaften: zum Beispiel das Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Mit Ungarn und Polen wird alles nichts. Mit 27 Ländern auch nicht. Also gehen wir voran, Deutsche und Franzosen, und dann werden die anderen schon folgen. Schau dir die neue Schienen-Allianz zwischen Alstom und Siemens an. Früher waren wir es, die Franzosen, die solche Projekte stoppten. Weil wir die nationale Souveränität über den Rest stellten, musste auch der TGV französisch sein. Weil wir die Nation wichtiger nahmen, lehnten wir es früher ab, den Deutschen im Europarat mehr Stimmen zu überlassen, obwohl Deutschland mehr Einwohner hat als Frankreich. Mit alldem ist jetzt Schluss. Macron sprach genau genommen in der Sorbonne nur über ein Thema: die europäische Souveränität und wie wir sie in Zukunft teilen. Er sprach über neue, gemeinsame Steuern, die ein neues, gemeinsames Budget finanzieren sollen. Und was höre ich von dir: Bedenken!"

Gilbert redete sich in Rage. Er ist einer der Architekten der großen französischen Arbeitsmarktreform in diesem Herbst. Keiner hat so konsequent wie er die Schwächen des 3000-seitigen französischen Arbeitsgesetzbuches aufgedeckt und Abhilfe empfohlen. Dafür erhielt er höchste französische Orden und fühlte sich doch im Geiste oft auf deutscher Seite, bei Schröder, Hartz und Merkel, die aus seiner Sicht mit der Agenda 2010 und ihrer Fortführung neue Arbeits- und Bildungsanreize geschaffen hatten, die in Frankreich fehlten. Also half Gilbert seinem Land wie kaum ein anderer, von Deutschland zu lernen. Trotzdem ist er heute kritischer: "Eure Spitzenbeamten aus dem Finanzministerium und Spitzenökonomen waren bis zur Jahrtausendwende kaum zu hören, weil ihnen die Kriegsschuld nachhing. Aber heute geben sie allen Lektionen. Dabei sage ich ihnen: Deutschland ist ein Erfolg, aber kein Modell, sein Erfolg ist nicht exportierbar. Länder mit großen Exportüberschüssen jedoch haben die Pflicht, ihre Volkswirtschaften zu stimulieren, damit auch andere von der zusätzlichen Nachfrage profitieren können. Genau das tut Deutschland nicht."

Ich hielt dagegen. Acht Millionen neue Bürger hat Frankreich seit Einführung des Euro 1999 registriert, Deutschland nur zwei Millionen. Mitte des Jahrhunderts wird es mehr Franzosen als Deutsche geben. Wie sollen wir Deutschen da nicht im Sinne unseres bisherigen Finanzministers sparen und auf unsere Renten schielen? "Du musst auf einer höheren Ebene denken", antwortete Gilbert. "Wir müssen unsere Bevölkerungen zusammendenken, dann wächst die Zahl der Europäer, und es lohnt sich, die Ersparnisse in ihre Zukunft zu investieren." Da war er nun ganz bei Macron.