Romantisch konnte es schon immer mal werden beim Kampf für Fortschritt und gegen die Verhältnisse, zumal im Reich der Theorie. Eros und intellektuelle Gemeinschaft liegen dort gar nicht so selten dicht beieinander; Faszination, Verzauberung und Inspiration durch Gedanken wirken dann sowohl auf das Werk als auch auf die emotionale Nähe. In Frankreich denkt man dabei an die Ikonen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, vielleicht auch an Michel Foucault und dessen Lebensgefährten Daniel Defert. Seit einigen Jahren erregt in Paris eine neue Gemeinschaft Aufsehen. "Für G., natürlich" lautet folgerichtig die Widmung in Didier Eribons Buch Gesellschaft als Urteil; "Für D. natürlich" heißt es in Geoffroy de Lagasneries Werk Verurteilen. Der strafende Staat und die Soziologie. Édouard Louis hat seinen zweiten Roman Im Herzen der Gewalt Letzterem gewidmet; auf dem Umschlag erklärt wiederum Eribon, der Roman mache den 24-jährigen Louis "zu einem der bedeutendsten Autoren seiner Generation". Französische Nahbeziehungen, offensiv transparent; alle drei Bücher sind soeben auf Deutsch erschienen.

Tatsächlich vereint die beiden Soziologen und den soziologisch ausgewiesenen Schriftsteller ein klassisches linkes Großprojekt: Kritik und Veränderung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Louis und de Lagasnerie veröffentlichten diverse politische Manifeste gemeinsam; im Frühjahr bei der Präsidentschaftswahl vor die Wahl "Le Pen oder Macron?" gestellt, bekämpfte das Terzett von links außen vehement Macron, "diesen schrecklichen Typen" (Eribon); für de Lagasnerie geht es beim Wählen ohnehin "eher um eine zynische taktische Geste". Eribons autobiografisches Buch Rückkehr nach Reims von 2009 wurde in Deutschland 2016 ein vielfach gefeierter Überraschungserfolg, jüngst sogar von Regisseur Thomas Ostermeier fürs Theater adaptiert. In Frankreich sind Herkunftserzählungen von Gelehrten ein Genre mit großer Tradition; fast jeder Denker, der etwas auf sich hält, reflektiert irgendwann essayistisch über sein Leben. Hierzulande gibt es so etwas selten, was die starke Resonanz erklären mag. Aber vor allem wirkte die Erzählung selbst: die anrührende Aufstiegsgeschichte des schwulen Intellektuellen Eribon, der aus einem proletarischen Milieu in der Provinz stammt, von dem er sich derweil entfremdet hat, für das er sich schämt – um sich ihm kritisch durchleuchtend zu nähern. Suggestiv war dabei Eribons Vorwurf an linke Parteien, dass sie ihre Anhänger seit den siebziger Jahren sukzessive verraten hätten, sodass diese heute meist Front National wählten. Diese irreführend simple Erklärung für einen allgemeinen europäischen Rechtsruck machte das Buch populär – wobei mit Eribon ausgerechnet ein Sozialwissenschaftler eine seltsam statische Unterschicht konstruierte, als ob in mehreren Jahrzehnten sich dieses Milieu nicht gewandelt hat, vielleicht schwächer, jedenfalls diffuser geworden ist.

Jetzt also der Nachfolgeband des 64-Jährigen: Gesellschaft als Urteil. Es ist erneut eine sehr persönliche Introspektion geworden: Wie Rückkehr nach Reims soll es eine Selbstanalyse sein, "die zugleich Gesellschaftsanalyse ist". Es ist eine Fortsetzung, allerdings entscheidend gedreht. Diesmal geht es ihm darum, wie er, der "Klassenflüchtling", der "soziale Überläufer", jener Autor von Rückkehr nach Reims werden konnte – ein Making-of also, den eigenen verborgenen Motiven und den gesellschaftlichen Dispositionen auf der Spur. Oft setzt er sich mit der Resonanz auf die Rückkehr auseinander, die man gelesen haben sollte.

Biografische Spuren analysiert er, leitmotivisch tauchen sie neben vielen anderen Beobachtungen und Gedanken auf: so jenes Foto von sich aus den sechziger Jahren, auf dem er seinen Vater abgeschnitten hatte, um seine Abstammung zu tilgen, jenes angedachte soziologische Interview, das der bewunderte Kollege Pierre Bourdieu mit Eribons Mutter führen lassen wollte – was Eribon aus Scham verhinderte. Zentral ist der Einfluss Bourdieus: Dessen eigener autobiografischer Soziologischer Selbstversuch wird für Eribon zur Inspiration. "Ich bin doch kein Schriftsteller", hatte Bourdieu ihm geantwortet, als Eribon zu einer anderen Art des Schreibens riet.