Zu Beginn, bevor es losgeht, ein kleines Spiel. Ein paar Sätze, Sie entscheiden bitte jeweils, ob der Satz wahr ist oder falsch.

Satz 1: "Reis existiert."

Satz 2: "Alle Leser der ZEIT essen täglich ein Eis."

Satz 3: "Jene Streifen, die Flugzeuge am Himmel hinter sich herziehen, sind gar keine Kondensstreifen, sondern Chemie, ausgebracht von einer geheimen Weltregierung, um das Wetter zu manipulieren und/oder Menschen zu vergiften."

Wie bitte?, sagen Sie jetzt. Haha, so ein Quatsch! Satz 3 ist genauso falsch wie Satz 2. Nur ist die Sache komplizierter. Anders als bei Satz 2 gibt es nämlich gar nicht so wenige Leute, die glauben, dass Satz 3 wahr ist. Und woher wissen Sie eigentlich, dass er falsch ist?

Schon gut. Es ist nervig, sich mit Unsinn auseinanderzusetzen. Darum geht es aber in diesem Text. Darum und um die komplizierte Frage, wie Wissen funktioniert. Es geht um Wahrheit und Lüge. Und um ein Experiment.

Das Experiment begann im März 2017. Der Leiter war ich, es assistierten Joachim Curtius, Professor für Meteorologie, sowie Jörg Sieber, Triebwerksingenieur. Die Probanden waren Michael Pfeiffer aus Freiburg und Brigitte Berchtold aus München – beide davon überzeugt, dass Satz 3 wahr ist. Sogenannte Chemtrailer. Chemtrail – das ist eine Verschmelzung der englischen Worte "chemistry" und "contrail", Kondensstreifen. Die Frage des Experiments war: Kann man die Probanden dazu bewegen, ihre Haltung zu Satz 3 zu ändern? Kann man ihre Überzeugung ins Wanken bringen, indem man sie mit wissenschaftlich gesicherten Fakten, mit Experten konfrontiert?

Auf die Idee war ich gekommen, weil seit vergangenem Jahr plötzlich all diese seltsamen Begriffe kursierten, "Lügenpresse", "Fake-News" oder "alternative Fakten". AfDler behaupteten vor jubelnden Mengen, Merkel wolle das deutsche Volk durch Migranten ersetzen. Geschichtsklitternde Finis Germania-Bücher verkauften sich wie geschnitten Brot. Mit meinem Experiment wollte ich verstehen, warum die Wahrheit auf einmal verhandelbar schien.

Falls Sie jetzt finden, Chemtrails seien ein zu versponnenes Thema für einen seriösen Versuch, hier ein paar Zahlen: 2011 fand eine akademische Studie heraus, dass in den USA und Großbritannien ganze 17 Prozent der Befragten bereit waren, an Chemtrails zu glauben. Und bei einer deutschen Internetumfrage aus dem August 2017 sagten das knapp 15 Prozent der 30.000 Teilnehmer. Chemtrails sind eine gängige Theorie, nicht weniger gängig als die Idee von den "Reichsbürgern".

Chemtrailer im Netz zu finden war leicht; sie von der Teilnahme an meinem Experiment zu überzeugen schwer. Ich habe über Monate Leute angeschrieben und zu überreden versucht. Etwa 450 Nachrichten und E-Mails gingen hin und her. Viele Chemtrailer, die mir antworteten, beschimpften mich als Vertreter eines "Mainstream-Mediums", als "Sprachrohr der Kartelle". "Mann, Mann, was ist nur aus euch Journalisten geworden.....?? Betreibt ihr ÜBERHAUPT noch so etwas wie RECHERCHE…??" Goebbels, schrieb mir eine Dame, wäre stolz auf meine Zunft gewesen.

Überraschenderweise reagierten auch die Experten unenthusiastisch. Ein Meteorologe zum Beispiel schrieb, Chemtrails seien "so schlimmer Unsinn", dass er damit keine Zeit verschwenden wolle. Die Chemtrailer seien zudem eine "aggressive Community". Am Ende sagte der Frankfurter Professor Joachim Curtius zu, wie mir schien aus idealistischen Gründen. Curtius, Fachmann für Wolkenbildung und atmosphärische Partikel, schrieb: "Ich sehe die Gefahr, dass unsere Gesellschaft das über Jahrhunderte erarbeitete Ideal der rationalen, faktenbasierten Entscheidung über den Haufen wirft." Ich war offenbar nicht allein mit meiner Sorge.

Meine Probanden entdeckte ich auf der Internetseite Blauer Himmel Deutschland, einer Plattform, auf der Chemtrailer sich austauschen und Fotos von Wolken und ihren Protestdemos hochladen. "Nachdem ich von jeher der Meinung war, dass alles auf der Welt seine Daseinsberechtigung hat", antwortete mir aus München Brigitte Berchtold, "bin ich mit den ›Mainstream-Medien‹ nicht auf Konfrontationskurs." Na also. Auch Herr Pfeiffer, Leiter der Ortsgruppe Freiburg, sagte höflich zu, allerdings nicht, ohne mich an meine Rolle als Mitarbeiter einer "Propaganda-Institution der Regierenden" zu erinnern.

Der erste Versuch fand am 17. Mai statt. Ich traf Frau Berchtold gegen 14 Uhr in der Eingangshalle des Frankfurter Hauptbahnhofs. Frau Berchtold, 62, auffällig pechschwarzes Haar, hatte eine riesige Gucci-Sonnenbrille im Gesicht. Sie trug eine enge Schlaghose mit Leopardenprint und High Heels. Sie sprach ein breites Münchnerisch und wirkte wie die Figur eines Helmut-Dietl-Films. Wir setzten uns in ein Café und warteten auf Herrn Pfeiffer, dessen Zug erst später eintreffen sollte. Frau Berchtold erzählte mir von "Human Design", einer "Wissenschaft der Differenziertheit", mit der sie sich befasse. Es ging um I Ging, Kabbala, Astrologie. "Ein wichtiger Bestandteil dieser Wissenschaft ist das Wissen um Neutrinos", sagte Frau Berchtold. "Die Himmelsräder verdrehen sich 2027. Wir gehen ins Rad des schlafenden Phönix." Ich verstand nicht viel. "Ich habe immer gewusst, ich bin nicht wegen mir auf der Welt", sagte dagegen Frau Berchtold. "Das war für mich als Kind schon klar: Meine Mutter war Trinkerin, mein Stiefvater Spieler. Ich bin so richtig scheiße großgeworden, im Heim und so weiter." Mit 17 Jahren bin ich weg von alldem, und alles war gut. Sie lachte. Taffe Frau.

2006 musste sie das Fitnessstudio, das sie in München betrieben hatte, verkaufen. "Die ganzen Ketten", sagte sie, "die waren mein Verderben." Danach fing sie an, sich mit Esoterik zu beschäftigen. Ein Bekannter erzählte ihr von Human Design. Sie war sofort elektrisiert. Wenig später durchsuchte sie das Internet nach Chemtrails. Sie hatte auf ihrer Gartenliege gelegen und bemerkt, dass sich Kondensstreifen wie eine Milchglasscheibe vor die Sonne schoben. Da dachte sie: Was ist das? Das sind doch keine Wolken!