Zu Beginn, bevor es losgeht, ein kleines Spiel. Ein paar Sätze, Sie entscheiden bitte jeweils, ob der Satz wahr ist oder falsch.

Satz 1: "Reis existiert."

Satz 2: "Alle Leser der ZEIT essen täglich ein Eis."

Satz 3: "Jene Streifen, die Flugzeuge am Himmel hinter sich herziehen, sind gar keine Kondensstreifen, sondern Chemie, ausgebracht von einer geheimen Weltregierung, um das Wetter zu manipulieren und/oder Menschen zu vergiften."

Wie bitte?, sagen Sie jetzt. Haha, so ein Quatsch! Satz 3 ist genauso falsch wie Satz 2. Nur ist die Sache komplizierter. Anders als bei Satz 2 gibt es nämlich gar nicht so wenige Leute, die glauben, dass Satz 3 wahr ist. Und woher wissen Sie eigentlich, dass er falsch ist?

Schon gut. Es ist nervig, sich mit Unsinn auseinanderzusetzen. Darum geht es aber in diesem Text. Darum und um die komplizierte Frage, wie Wissen funktioniert. Es geht um Wahrheit und Lüge. Und um ein Experiment.

Das Experiment begann im März 2017. Der Leiter war ich, es assistierten Joachim Curtius, Professor für Meteorologie, sowie Jörg Sieber, Triebwerksingenieur. Die Probanden waren Michael Pfeiffer aus Freiburg und Brigitte Berchtold aus München – beide davon überzeugt, dass Satz 3 wahr ist. Sogenannte Chemtrailer. Chemtrail – das ist eine Verschmelzung der englischen Worte "chemistry" und "contrail", Kondensstreifen. Die Frage des Experiments war: Kann man die Probanden dazu bewegen, ihre Haltung zu Satz 3 zu ändern? Kann man ihre Überzeugung ins Wanken bringen, indem man sie mit wissenschaftlich gesicherten Fakten, mit Experten konfrontiert?

Auf die Idee war ich gekommen, weil seit vergangenem Jahr plötzlich all diese seltsamen Begriffe kursierten, "Lügenpresse", "Fake-News" oder "alternative Fakten". AfDler behaupteten vor jubelnden Mengen, Merkel wolle das deutsche Volk durch Migranten ersetzen. Geschichtsklitternde Finis Germania-Bücher verkauften sich wie geschnitten Brot. Mit meinem Experiment wollte ich verstehen, warum die Wahrheit auf einmal verhandelbar schien.

Falls Sie jetzt finden, Chemtrails seien ein zu versponnenes Thema für einen seriösen Versuch, hier ein paar Zahlen: 2011 fand eine akademische Studie heraus, dass in den USA und Großbritannien ganze 17 Prozent der Befragten bereit waren, an Chemtrails zu glauben. Und bei einer deutschen Internetumfrage aus dem August 2017 sagten das knapp 15 Prozent der 30.000 Teilnehmer. Chemtrails sind eine gängige Theorie, nicht weniger gängig als die Idee von den "Reichsbürgern".

Chemtrailer im Netz zu finden war leicht; sie von der Teilnahme an meinem Experiment zu überzeugen schwer. Ich habe über Monate Leute angeschrieben und zu überreden versucht. Etwa 450 Nachrichten und E-Mails gingen hin und her. Viele Chemtrailer, die mir antworteten, beschimpften mich als Vertreter eines "Mainstream-Mediums", als "Sprachrohr der Kartelle". "Mann, Mann, was ist nur aus euch Journalisten geworden.....?? Betreibt ihr ÜBERHAUPT noch so etwas wie RECHERCHE…??" Goebbels, schrieb mir eine Dame, wäre stolz auf meine Zunft gewesen.

Überraschenderweise reagierten auch die Experten unenthusiastisch. Ein Meteorologe zum Beispiel schrieb, Chemtrails seien "so schlimmer Unsinn", dass er damit keine Zeit verschwenden wolle. Die Chemtrailer seien zudem eine "aggressive Community". Am Ende sagte der Frankfurter Professor Joachim Curtius zu, wie mir schien aus idealistischen Gründen. Curtius, Fachmann für Wolkenbildung und atmosphärische Partikel, schrieb: "Ich sehe die Gefahr, dass unsere Gesellschaft das über Jahrhunderte erarbeitete Ideal der rationalen, faktenbasierten Entscheidung über den Haufen wirft." Ich war offenbar nicht allein mit meiner Sorge.

Meine Probanden entdeckte ich auf der Internetseite Blauer Himmel Deutschland, einer Plattform, auf der Chemtrailer sich austauschen und Fotos von Wolken und ihren Protestdemos hochladen. "Nachdem ich von jeher der Meinung war, dass alles auf der Welt seine Daseinsberechtigung hat", antwortete mir aus München Brigitte Berchtold, "bin ich mit den ›Mainstream-Medien‹ nicht auf Konfrontationskurs." Na also. Auch Herr Pfeiffer, Leiter der Ortsgruppe Freiburg, sagte höflich zu, allerdings nicht, ohne mich an meine Rolle als Mitarbeiter einer "Propaganda-Institution der Regierenden" zu erinnern.

Der erste Versuch fand am 17. Mai statt. Ich traf Frau Berchtold gegen 14 Uhr in der Eingangshalle des Frankfurter Hauptbahnhofs. Frau Berchtold, 62, auffällig pechschwarzes Haar, hatte eine riesige Gucci-Sonnenbrille im Gesicht. Sie trug eine enge Schlaghose mit Leopardenprint und High Heels. Sie sprach ein breites Münchnerisch und wirkte wie die Figur eines Helmut-Dietl-Films. Wir setzten uns in ein Café und warteten auf Herrn Pfeiffer, dessen Zug erst später eintreffen sollte. Frau Berchtold erzählte mir von "Human Design", einer "Wissenschaft der Differenziertheit", mit der sie sich befasse. Es ging um I Ging, Kabbala, Astrologie. "Ein wichtiger Bestandteil dieser Wissenschaft ist das Wissen um Neutrinos", sagte Frau Berchtold. "Die Himmelsräder verdrehen sich 2027. Wir gehen ins Rad des schlafenden Phönix." Ich verstand nicht viel. "Ich habe immer gewusst, ich bin nicht wegen mir auf der Welt", sagte dagegen Frau Berchtold. "Das war für mich als Kind schon klar: Meine Mutter war Trinkerin, mein Stiefvater Spieler. Ich bin so richtig scheiße großgeworden, im Heim und so weiter." Mit 17 Jahren bin ich weg von alldem, und alles war gut. Sie lachte. Taffe Frau.

2006 musste sie das Fitnessstudio, das sie in München betrieben hatte, verkaufen. "Die ganzen Ketten", sagte sie, "die waren mein Verderben." Danach fing sie an, sich mit Esoterik zu beschäftigen. Ein Bekannter erzählte ihr von Human Design. Sie war sofort elektrisiert. Wenig später durchsuchte sie das Internet nach Chemtrails. Sie hatte auf ihrer Gartenliege gelegen und bemerkt, dass sich Kondensstreifen wie eine Milchglasscheibe vor die Sonne schoben. Da dachte sie: Was ist das? Das sind doch keine Wolken!

"Früher sah der Himmel anders aus"

Herrn Pfeiffer trafen wir am Bahnhof. Ein kleiner, untersetzter Herr mit gestutztem Vollbart, der deutlich jünger aussah als seine 71 Jahre. Herr Pfeiffer ging sehr langsam, seit einem Bandscheibenvorfall musste er orthopädische Schuhe tragen. Seine runde Brille beschlug. Er wirkte nervös. Dieser Mann war mir für das Experiment fast wichtiger als Frau Berchtold. Denn während sie sich vor allem auf ihre Intuition berief, hatte er mir in seinen Mails wissenschaftliche Erörterungen geschickt. Es ging darin um atmosphärische Voraussetzungen, Luftfeuchtigkeit, Temperatur.

Wir fuhren im Taxi zur Universität Frankfurt. Kein Streifen am Himmel. "Sind Sie aufgeregt?", fragte ich die beiden. "Überhaupt nicht", sagte Frau Berchtold. Herr Pfeiffer sagte, er glaube nicht, dass er heute etwas erfahren würde, das seine Meinung ändern könnte.

Dann standen wir vor Curtius’ Tür. Der Professor, 48 Jahre alt, lachte aufgeräumt. Er bat uns an seinen kleinen Konferenztisch, auf dem Kaffee, Wasser und Kekse standen. Herr Pfeiffer zog einen Stapel Papiere hervor. Es konnte losgehen.

Professor Curtius: "Flugverkehr hat, seit es Jetflugzeuge gibt, Kondensstreifen hinterlassen."

Frau Berchtold: "Aber nicht solche!"

Curtius: "Doch, auch solche."

Herr Pfeiffer: "Nein. Ich bin über 70 Jahre alt, ich weiß, dass der frühere Himmel total anders ausgesehen hat. Das war ein sattes Blau, da waren keine Streifen."

Das war des Pudels Kern. Die zwei zentralen Fragen der Chemtrailer lauteten: Wieso ist der Himmel an manchen Tagen blau, und an anderen Tagen sieht man die Streifen? Es gibt doch immer Flugverkehr! Und wieso verschwinden manche Streifen, und andere bleiben stehen? Ihre Vermutung: An manchen Tagen werden Chemikalien ausgebracht, an anderen nicht. Kondensstreifen verpuffen, Chemtrails nicht.

Curtius versuchte nun, diese Phänomene möglichst einfach zu erklären. Es war trotzdem schwer, ihm zu folgen. "Wasserdampfgehalt W oder E ... Clausius-Clapeyron-Gleichung ..." Frau Berchtold rollte mit den Augen. Was der Professor letztlich sagte, ging in etwa so: Beim Verbrennen von Kerosin im Flugzeugtriebwerk entsteht Wasserdampf. Wenn es kalt genug ist, bilden sich Wölkchen – wie die vor dem Mund beim Ausatmen im Winter. Manchmal ist die Umgebungsluft in großer Höhe derart kalt und still, dass sich die Wölkchen nicht auflösen. Anders gesagt: Ob sich Kondensstreifen am Himmel halten, hängt von der Atmosphäre ab. Der Professor wies darauf hin, dass normale Wolken am Himmel ja auch irgendwo anfangen und irgendwo aufhören. Die Phänomene am Himmel seien inhomogen, weil die Atmosphäre inhomogen sei.

Herr Pfeiffer: "Ich sehe aber auch Kondensstreifen, die aufhören und dann weitergehen. Und das hängt mit der Luftschicht zusammen?!"

Professor Curtius: "Ja, natürlich!"

Pfeiffer: "Gibt es denn auch vertikale Luftschichten?"

Curtius: "Ja. Luftschichten variieren."

Das war sehr einfach. Für mich eine hinreichende Erklärung. Aber Herr Pfeiffer wehrte sich. Er fragte nach chemischen Elementen, atmosphärischer Durchmischung, Eisübersättigung. Der Professor antwortete grausam mühelos. Es wurde deutlich, dass Pfeiffer zwar Papers zu dem ganzen Thema gelesen hatte – sie im Gegensatz zu Curtius aber nicht verstanden hatte, oder bloß zum Teil. Es war, als diskutierte ein Papagei mit einem Philosophen, in dem Sinne, dass einer, der eine Sprache nur imitieren kann, mit einem Meister dieser Sprache redet. Pfeiffers Begriffe von Quelle und Beweis schienen auch eher beliebig. "Eine Abschlussarbeit von Schülerinnen aus Zürich" zitierte er, als sei das eine begutachtete Studie. Er zeigte Fotos vom Himmel.

Pfeiffer: "Was sagen Sie dazu? So sah der Himmel früher aus, und jetzt sieht er so aus."

Curtius: "Ja, aber ... Man kann doch nicht vier Bilder von früher und vier Bilder von heute nebeneinanderlegen und ..."

Pfeiffer: "Warum nicht?"

Frau Berchtold wollte immer wieder wissen, warum die Wissenschaft nichts gegen die Streifen unternehme. Bevor wir uns verabschiedeten, richtete der Professor noch eine Frage an seine Gäste.

Curtius: "Sehen Sie eigentlich irgendeine Möglichkeit, dass ich Ihnen was erzähle und Sie sagen: Da hat er recht?"

Pfeiffer: "Nein, weil Sie alle vergattert sind, die ganzen Meteorologen sowieso. Und übrigens: Stimmt es, dass die Meteorologen vom Militär und nicht der Regierung bezahlt werden?"

Curtius: "Dies hier ist eine Stiftungs-Uni. Ich unterstehe also weder dem Staat noch dem Militär. Aber wenn alle Regierungsangestellten vergattert sind, sagen dann auch alle Lehrer die Unwahrheit?"

Pfeiffer: "Die Staatsschullehrer ja. Kann ich zustimmen."

Wir gingen dann. Herr Pfeiffer wirkte auf der Rückfahrt frustriert. Bevor wir ausstiegen, sagte er aber etwas Wichtiges. "Wenn ich einen Wissenschaftler infrage stellen will, dann müsste ich sein ganzes Wissen, all die Experimente nachvollziehen können. Das kann ich aber nicht als Normalsterblicher. Das heißt, ich muss ihm einfach glauben." Das geht uns ja fast allen so. Die Clausius-Clapeyron-Gleichung ist nicht jedermanns Sache. Die meisten von uns vertrauen dem Wissenschaftler aber. Wir wissen, dass seriöse Studien begutachtet worden sind. Dass Wissenschaftler ständig diskutieren und verifizieren. Wir akzeptieren, dass es Laien und Spezialisten gibt. Wieso tat Herr Pfeiffer das nicht? Er erzählte von der Todesnacht von Stammheim, den toten RAF-Terroristen. Er hatte damals einen Artikel im stern gelesen, der die Version vom Selbstmord in Zweifel zog. "Das war für mich der Knackpunkt, da habe ich plötzlich alles infrage gestellt. Danach war ich misstrauisch gegenüber allem, was von oben kommt." Wenn Stammheim eine Lüge war, so sein Denken, dann kann alles eine Lüge sein.

"Wenn das Herz nicht mitgeht, kann der Fakt nicht stimmen"

Nachdem wir uns am Bahnhof von Frau Berchtold verabschiedet hatten, gingen wir noch etwas essen. Herr Pfeiffer sagte: "Man sollte mit dem Herz denken und mit dem Verstand fühlen." Mein Verstand fühlte nicht, was er sagte. Herr Pfeiffer erzählte von der Politik: "Es gibt nur die Kapitalistische Einheitspartei Deutschlands. CDU, CSU, SPD, FDP, Linke." Für ihn alles eins: "Die Unterschiede sind marginal und werden zur Schau gestellt." Und dann ging es rund. Herr Pfeiffer redete nun von den Leuten, die wirklich die Macht hätten, von Schattenorganisationen, die eine neue Weltordnung herbeiführen wollten. "Ganz oben steht der schwarze Papst. Das Oberhaupt der Jesuiten. Aber über dem schwarzen Papst stehen die Reptiloiden. Die arbeiten seit 1928 mit der US-Regierung zusammen. Die Reptiloiden sind Wesen der vierten Dimension." Ich machte große Augen. Herr Pfeiffer lächelte freundlich. "Ist klar, dass Sie da nicht mitgehen."

Wenn ich bedächte, fuhr er fort, dass man 94 Prozent der Wirklichkeit nicht erkennen könne – "dunkle Energie und Materie ... Da kann sich alles Mögliche tummeln". Herr Pfeiffer glaubte übrigens auch, dass in Syrien und der Ukraine alles anders läuft als von den Medien dargestellt. Dass Atomkraftwerke in erster Linie existieren, um waffenfähiges Material zu gewinnen. Herr Pfeiffer war in einer anderen Welt unterwegs als ich.

Als Jugendlicher hatte er Bankkaufmann gelernt. Er gründete dann eine Familie und machte das Abitur nach, studierte Politologie, Philosophie, Psychologie. Seine Frau arbeitete. "Das Studium hat unheimlich Spaß gemacht, aber danach hab ich keinen Job gekriegt", erzählte er. Er sei in die Langzeitarbeitslosigkeit geraten, seine Frau hätte ihn verlassen. "Aber mir wurd’s nie langweilig. Mich hat seit meiner Jugend die Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigt, nach Gott. Das ist bis heute so."

Das Leben war für ihn offenbar nicht immer leicht gewesen, aber Pfeiffer hatte darin eine Ordnung entdeckt. Die Geschicke der Welt gehorchten einer geheimen Logik, nichts war außer Kontrolle oder unverständlich, sondern alles hatte seinen Grund, und der ließ sich enträtseln. Für mich, sagte ich ihm, sei die Welt Chaos. Niemand kontrolliere alles. Das Weltgeschehen sei das Ergebnis des Fortwurstelns aller Menschen durcheinander. Alles, sagte dagegen Herr Pfeiffer, sei Teil eines göttlichen Plans, an dessen Ende die Bösen bestraft würden.

Seine Ordnung der Dinge war allerdings nur um den Preis eines komplizierten Gebildes von Zusatzannahmen möglich. Ich dachte an Wilhelm von Ockham, den Franziskanermönch, der im 14. Jahrhundert das berühmte "Ockhamsche Rasiermesser" erfand: "Wesenheiten dürfen nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden." Anders gesagt: Die einfachste Erklärung ist die beste. Für Herrn Pfeiffer, schien mir, war die schönste Erklärung die beste.

Vielleicht, dachte ich, sind Verschwörungstheorien einfach eine Folge davon, dass Gott tot ist. Es gab einmal eine Gewissheit im Abendland, die hieß Gott. Die Wissenschaften haben diese Gewissheit zerlegt, aber keine neue herstellen können. Verschwörungstheorien handeln nicht von Gott. Aber die meisten postulieren: Alles ist geordnet.

Es war schwierig, sich mit Herrn Pfeiffer auseinanderzusetzen. Er entglitt mir ständig, leugnete Dinge, die ich für Tatsachen hielt. Am Ende wollte ich wissen, was denn für ihn eine glaubwürdige Informationsquelle sei. "Ich hab meine eigene Art, das zu testen", sagte er. "Mit dem Herzen. Wenn das nicht mitgeht, kann der Fakt nicht stimmen."

Ich fuhr nach Hause und hatte Lust, das Experiment abzubrechen. Es schien mir sinnlos, mit Frau Berchtold und Herrn Pfeiffer weiter zu diskutieren. Ich hatte auch den Eindruck gewonnen, dass sowohl Herr Pfeiffer als auch Frau Berchtold harte Leben gehabt hatten. Beruflich steckten sie in Sackgassen, irgendwann hatten sie begonnen, sich mit seltsamen Dingen zu befassen. Vielleicht, dachte ich, sind randständige Wirklichkeitsbilder eben tatsächlich eine Sache von Leuten, die am Rand stehen. Wenn man das Gefühl hat, von der Gesellschaft abgelehnt zu werden, fängt man vielleicht auch irgendwann an, deren Diskurs abzulehnen.

Zum Abschied hatte Herr Pfeiffer allerdings etwas gesagt, das mir Hoffnung machte. "Natürlich", hatte er gesagt, "kann es sein, dass ich zu 20, 25 Prozent falschliege." Und weil das so sei, versuche er immer, "das Neue aufzunehmen und mein Weltbild anzupassen".

Zu unserem zweiten Versuch traf ich die Probanden am 4. Juli. Frau Berchtold holte Herrn Pfeiffer und mich am Münchner Hauptbahnhof ab. Wir fuhren in die Peripherie. "Wenn man jetzt der Logik folgt, dass sich Chemtrails nicht mehr auflösen, weil es neue physikalische Gesetze gibt, dann hätte man heute keinen Flugverkehr über München", sagte Frau Berchtold. Das war offenbar ihr Resümee aus dem letzten Treffen mit Curtius.

"Ich hab ein paar Flugzeuge beobachtet, da kam überhaupt nix raus", sagte Herr Pfeiffer. "Eben, da kann ja was nicht stimmen", sagte Frau Berchtold. Sie lachte.

Wir waren unterwegs zur Münchner Triebwerke Union MTU, einem Jetturbinen-Hersteller. Vielleicht, dachte ich, wären die Antworten des Ingenieurs eines staatsfernen Flugzeugbauers für die beiden glaubwürdiger. Herr Pfeiffer war in kampfeslustiger Stimmung. Er hatte sich in der Zwischenzeit noch mal mit Werner Altnickel ausgetauscht, dem Guru der deutschen Chemtrail-Szene. "Entscheidend sind die Gründe für das Ausbringen von Chemtrails, die habe ich jetzt rausgekriegt", sagte er erregt. "Die Priorität ist anscheinend die Wettermanipulation, vom Militär als Waffe eingesetzt. Als Nebeneffekt schrumpft die Bevölkerung. Dabei spielt auch die Pharmaindustrie eine Rolle, weil die Leute krank werden und die Industrie dann entsprechende Umsätze macht." Ich erwiderte, dass die Weltbevölkerung doch wachsen würde. "Das ist ja mehr in Afrika, Südamerika, Asien", sagte Herr Pfeiffer.

Ich wollte von Frau Berchtold wissen, was sie glaube, was hinter den Chemtrails stecke. "Das Programm, Herr von Kittlitz. Die genetische Matrix. Und die sieht eine letzte große Mutation vor. Unter anderem verändert sich Kanal sechs-neunundfünfzig, und damit ist der genetische Imperativ abgezwackt, der die Fortpflanzung sichert. Der Mensch wird vom Universum nicht länger supportet. Er ist ein Auslaufmodell." – "Das erscheint mir etwas abenteuerlich, das Ganze", sagte Herr Pfeiffer spitz.

"Ich habe da andere Zahlen"

Die Pressesprecherin der MTU brachte uns in einen schmucklosen Konferenzraum, in dem bald unser Interviewpartner erschien. Jörg Sieber leitet das Innovationsmanagement bei der MTU. Ein Experte für Düsentriebwerke. Runde Brille, kurzärmliges, kariertes Hemd, grauer Haarkranz. Auch Sieber erklärte, dass die Bildung von Kondensstreifen von der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit abhänge. "Nein, mit Sicherheit nicht", sagte Herr Pfeiffer. "Wir haben genug Beweise, dass es nicht von der Wetterlage allein abhängt." Früher hätte es ja auch nicht so ausgesehen am Himmel!

Nun ja, der Luftverkehr habe stark zugenommen, sagte Sieber.

"Um insgesamt 15 Prozent", rief Herr Pfeiffer triumphierend. Sieber lächelte. "Der Luftverkehr verdoppelt sich alle 15 Jahre."

"Also, da habe ich jetzt andere Zahlen", sagte Herr Pfeiffer.

"Nee", lachte Sieber. "Davon hängt doch unser ganzes Wachstum ab. Ich kann Ihnen die Zahlen sofort geben."

"Ja gut, egal", sagte Herr Pfeiffer.

Frau Berchtold zog nun auch ein Papier hervor. "Ich hab hier eine Studie vom Bundesumweltamt zum Thema Geoengineering", sagte sie. Geo-Engineering ist einer der Lieblingsbegriffe der Chemtrailer. Er bezeichnet die Idee, Wetter und Klima technisch zu manipulieren. "Die schreiben hier das Gleiche wie die, in Anführungszeichen, Verschwörungstheoretiker", sagte Frau Berchtold. "Nämlich, dass über unseren Köpfen was ausgebracht wird."

Später schaute ich mir die Broschüre selbst an. Sie heißt Geo-Engineering: Wirksamer Klimaschutz oder Größenwahn? Nirgendwo steht, dass Geo-Engineering schon betrieben würde. Fast alle seriösen Klimaforscher halten Geo-Engineering für eine schlechte Idee. Es gibt einfach kein globales Programm zur Wettermanipulation. Aber auf den Chemtrail-Seiten wird die Broschüre als Beweis zitiert, dass das Wetter manipuliert wird.

Herr Pfeiffer fuhr jetzt weitere Internetquellen auf: Ted Gunderson, ehemaliger FBI-Chef von Südkalifornien, habe gesagt. Ein Pilot habe gebeichtet. Basen auf "relativ unbekannten" Inseln, Start- und Landebahnen. Einkerkerung und Tötung der ideologischen Gegner. Ich verlor langsam die Nerven. Der Ober-Chemtrailer Altnickel zum Beispiel würde doch leben, sagte ich Herrn Pfeiffer. "Ja", sagte er, "aber ich hab eine Aussage von einem Agenten vom MI6, der hat auf dem Sterbebett zugegeben, dass er die Lady Di umgebracht hat."

Am Ende zeigte Sieber uns noch das Turbinenmuseum der MTU, Pfeiffer und Berchtold schauten sich das alles interessiert an. Man bekam den technischen Fortschritt augenfällig illustriert. "Ich glaube, es muss eine andere Art von Fortschritt geben", sagte Herr Pfeiffer später im Auto. "Dass wir merken, dass wir mit allem zusammenhängen. Das Gefühl für die Einheit müssen wir finden. Dann gibt’s auch keine Kriege mehr." Frau Berchtold sagte: "Das mit der Mutation der Menschheit passiert jetzt. Wir gehen ja vom Kreuz der Planung in den Schlafenden Phönix." Herr Pfeiffer wurde wütend. "Du redest von Mutation. Aber die Evolution ist falsch. Das ist ein völlig falscher Weg. Wir sind hier auf die Erde gesetzt worden von den göttlichen Kräften!"

Ich habe später noch lange nachgedacht über diesen letzten Austausch im Auto. Mir wurde klar, was das Problem der Chemtrailer war. Warum solche Bewegungen einerseits niemals die Massen anziehen werden und auf der anderen Seite ein echtes Problem bedeuten für demokratische Gesellschaften. Beides hat mit Wahrheit zu tun. Wenn es keine allgemein gültige Wahrheit mehr gibt, auf die sich alle einigen können, dann gibt es auch keine Möglichkeit mehr, gemeinsam zu handeln.

Herr Pfeiffer und Frau Berchtold glaubten beide an Chemtrails, aber sie waren sich vollkommen uneins darüber, was dahintersteckte. Die Reptiloiden, die genetische Matrix. Weil alles, was sie vermuteten, Glaubensinhalte waren, würden sie sich nie darauf einigen können, was denn nun zu tun sei, um der Verschwörung am Himmel Einhalt zu gebieten.

Das Problem für die demokratische Gesellschaft ist unterdessen, dass alle, die sich in das Randständige verabschiedet haben, für das ernsthafte Ringen um eine bessere Welt verloren sind.

Wenn es aber stimmen sollte, dass Herr Pfeiffer und Frau Berchtold nur glauben, was sie glauben, weil sie ohnehin am Rand stehen, mithin Verlierer sind einer Gesellschaftsordnung, die den beiden keinen Platz zu bieten vermag, dann ist ihr absurder Kampf gegen Windmühlen umso tragischer.

Als ich das Experiment begann, dachte ich noch: Vielleicht doch auch okay, wenn man an Märchen glaubt. Und ich gönne beiden Probanden den Trost, den ihnen ihre Weltbilder spenden. Zugleich aber glaube ich inzwischen, dass ihre Einflüsterer nicht nur selbst ernannte Gegner unserer Gesellschaftsform sind, sondern deren ernst zu nehmende Feinde. Nebelwerfer, die von echten Problemen ablenken.

Vielleicht hätte man Herrn Pfeiffer und Frau Berchtold retten müssen, als sie in Schwierigkeiten gerieten, also bevor sie in den Parallelwelten des Internets verschwanden. Aber niemand hat ihnen gesagt: Es kommt schon alles in Ordnung. Da ist ein Platz für dich. Und jetzt, wo sie glauben, was sie glauben, wird das erst recht niemand tun. Sie werden bleiben, wo sie sind, und verletzt sein durch diesen Text und meine Deutung. Und das tut mir furchtbar leid, denn ich mochte die beiden ja gern, und sie sind ja auch nicht bös. Sie sind nur verloren.

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