"Kommen Sie nicht zum großen Hamburger Film-In! Es ist überfüllt, rauchig, alles voller Gläser und Flaschen", hieß es auf der Einladungspostkarte. "Sie haben es schwer, sich zu orientieren, oft laufen zwei Filme gleichzeitig." Mit dieser Warnung bewarb der Filmproduzent Werner Grassmann das Film-In, das vom 5. bis 7. Oktober 1967 in seinen Räumen an der Brüderstraße in der Hamburger Neustadt laufen sollte, in Anlehnung an die Sit-ins und Teach-ins der Studentenproteste.

Zweiundsiebzig Stunden lang ununterbrochen Filme, so war es geplant, und gerade die abschreckende Ankündigung machte die Medien heiß auf das "Happening". Die Bild-Zeitung schickte einen Reporter zu der "Flimmer-Orgie", der sich dem Dauergucken aussetzte, umgeben von Langhaarigen, die sich auf den Sesseln flätzten oder auf dem Boden saßen. Der Reporter sah eine exzentrische Mischung: Frankenstein-Filme und Kurzfilme des New American Cinema, B-Movies, von Zuschauern eingereichte Privataufnahmen. Zu Heimatfilmen oder Nazi-Wochenschauen liefen parallel Super-8-Pornofilme.

Was der Reporter nicht sehen konnte: dass die wunderliche Dauerschau am Vorabend der 68er-Revolte die Geburt eines Filmmilieus war, das Hamburg über Jahre zur deutschen Metropole des Experimentalkinos machte. "Das war so wichtig, weil wir zum ersten Mal zeigten, was alles möglich war", sagt Christian Bau, Hamburger Filmemacher, der damals dabei war. US-Experimentalfilmer wie Jonas Mekas oder Kenneth Anger zeigten mit ihren Kurzfilmen eine Do-it-yourself-Haltung, die man in Deutschland nicht kannte.

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"Vor dieser Zeit war Film ein unerreichbar teures Industrieprodukt", sagt Bau. "Nach dem Film-In erschien uns alles plötzlich machbar und beherrschbar, wir gingen einfach raus und filmten."

Der erste Tag des "Film-In" 1967: Hellmuth Costard am Projektor © Egon Teske/www.imlichtderzeit.de

Christian Bau gehört zum ersten Jahrgang einer neuen Filmklasse für "experimentellen Film", die die HfbK 1965 gegründet hatte. Mit der Regisseurin Maike Höhne hat er am vergangenen Wochenende zum 50-jährigen Jubiläum des Film-Ins eine Neuauflage im B-Movie auf St. Pauli veranstaltet. Die Veteranen trafen sich wieder und ließen mit heutigen Filmemachern Revue passieren, was alles an experimentellen Werken in Hamburg entstanden ist. Abermals liefen drei Tage lang Filme, die im regulären Kinoprogramm kaum zu sehen sind – eine Hommage an die Gründergeneration von 1967, als das Adjektiv "experimentell" noch kein Synonym war für "ungenießbar".

Im Gegenteil: Die Kurzfilme des "Anderen Kinos", wie es später getauft wurde, sind auch heute noch oft überraschend und witzig – etwa die zwanzigminütige Arbeit Der warme Punkt von Thomas Struck, die bei der ersten Hamburger Filmschau im Februar 1968 den Publikumspreis gewann. Die Filmidee ist so einfach wie effektiv: Bevor er den Film drehte, ließ Struck, damals 25 Jahre alt, das Material so vorbelichten, dass beständig ein heller Punkt durch das Bild wandert. Im Film passiert nichts weiter, als dass Struck und sein Freund Hellmuth Costard durch Planten un Blomen spazieren und darüber sinnieren, wo und wie dieser Punkt auf den Bildern auftaucht, in denen sie gerade die Hauptrolle spielen. "Nach meiner Rechnung müsste er jetzt da oben sein", sagt Struck, mit der Stoppuhr in der Hand. "Jetzt müsste er ganz schnell von links nach rechts kommen." Ein Film über einen mutwillig hergestellten Materialfehler – und ein anarchisches, Erzählkonventionen durchkreuzendes Vergnügen.

Frauen waren Exoten im Kreis der Hamburger Experimentalfilmer. Eine der wenige Ausnahmen: Christiane Gehner. Die spätere Fotochefin des Spiegels spielt in ihrem Kurzfilm Programmhinweise eine adrette Fernsehansagerin, die beim Moderieren plötzlich über Orgasmusschwierigkeiten und ihr persönliches Unglück als Frau in einer männerdominierten Gesellschaft spricht: "Ich weiß nicht, ob ich mich nicht doch lieber den Ansprüchen der Männer fügen soll, denn schlimmer als die Unterdrückung ist die Isolation."