Der Titel dieses Literaturmagazins (ZEIT Nr. 41/2017) mag manchen Leser, manche Leserin erstaunen: Frankreich schreibt wieder. Hat es denn jemals nicht geschrieben? Wer wie ich sein Leseleben in den siebziger und achtziger Jahren begann, der wurde von der französischen Gegenwartsliteratur so tief imprägniert, dass ihm die literarische Sendepause, die Paris in den nuller Jahren einlegte, vielleicht nicht aufgefallen ist. Man hatte ja noch genug damit zu tun, die letzten großen Werke des 2006 verstorbenen französischen Nobelpreisträgers Claude Simon zu lesen oder sich endlich mit dem Journal von Julien Green auseinanderzusetzen, dessen über 75 Jahre reichendes Tagebuch eines der umfassendsten und bedeutendsten der europäischen Literaturgeschichte ist. Und dann erschienen ja auch noch alle paar Jahre die wehmütigen Paris-Romane des Nobelpreisträgers Patrick Modiano, in denen man sich verlieren kann wie in einem labyrintischen Park. Nein, die französische Literatur war niemals weg.

Aber sie spielte eine immer kleinere Rolle. Dieses Schicksal teilt sie mit den meisten europäischen Nationalliteraturen, die in den vergangenen Jahrzehnten hinter dem Gebirge der angloamerikanischen Literatur langsam verschwanden, während die great American novel unsere Lesegewohnheiten mehr und mehr veränderte. Auch in Deutschland kann man die Namen der großen Autoren der sechziger, siebziger und achtziger Jahre im Schlaf aufsagen. Aber wer kennt die Autoren des neuen Jahrhunderts? Der Deutsche Buchpreis versucht seit einigen Jahren, in diesem Chaos Schneisen zu schlagen. Doch die schöne, schlimme Zeit, in der sich ein gutes Dutzend Herren das literarische Spielfeld aufteilten, kommt davon nicht zurück.

Frankreich geht es nicht besser. Die legendären Sartre-Jahre, in denen ein Reisender die gesamte französische Gegenwartsliteratur an einem Nachmittag im Café de Flore antreffen und zu ihrer Meinung über die aktuellen Weltkonflikte befragen konnte, sind lange vorbei. Damals war das literarische Paris ein Dorf, in dem jeder jeden kannte. Marguerite Duras kochte für Maurice Blanchot und Michel Leiris, Albert Camus spannte Arthur Koestler die Frau aus und prügelte sich mit Sartres Mitarbeiter Maurice Merleau-Ponty, der seinerseits mit Juliette Gréco tanzen ging. Im Zentrum des Geschehens thronte Jean-Paul Sartre, Pariser Bildungsbürgerkind und Absolvent der École Normale Supérieure, der nach dem Krieg innerhalb weniger Wochen die Macht in der französischen Geistesrepublik übernommen hatte und der Nachkriegszeit seinen Stempel aufdrückte. Sartre kannte die Regeln, nach denen damals im Quartier Latin gespielt wurde. Bei seinem ersten Vortrag am 29. Oktober 1945 stürmte das Publikum das Theater, um den schielenden Philosophen sagen zu hören: "Das menschliche Leben hat a priori keinen Sinn. Bevor Sie leben, ist das Leben nichts, es ist an Ihnen, ihm einen Sinn zu geben, und der Wert des Lebens ist nichts anderes als dieser Sinn, den Sie wählen." Damit brachte er den Zeitgeist auf den Punkt, der nach der Befreiung in der Pariser Luft lag. Die Stadt warf sich ihm zu Füßen. Er gründete eine Zeitschrift, beherrschte die Pariser Theater, schrieb Chansons, Gruppenmanifeste, Romane, Drehbücher, Zeitungsartikel, Essays, Literaturkritiken und philosophische Grundsatzwerke. Simone de Beauvoir verarbeitete Leben und Werk des ersten Intellektuellen der Nation in Romanen, Autobiografien und Tagebüchern – eine Pressearbeit, die alles in den Schatten stellt, was ein hoch bezahlter Literaturagent heute für einen Autor vermag.

Das magische Erfolgsmodell der französischen Gegenwartsliteratur als gleichermaßen poetischer wie philosophischer und gesellschaftspolitischer Gesamtentwurf ist in diesen Jahren entstanden. Es überlebte die heftigen Angriffe sämtlicher nachfolgenden literarischen und philosophischen Schulen wie des Nouveau Roman, der Nouvelle Critique, des Strukturalismus und des Dekonstruktivismus zwar schwer verletzt, aber letztendlich mit erstaunlicher Zähigkeit.

Doch nach Sartres Tod 1980 gibt es in Paris keine nennenswerten literarischen Zentren mehr. Möglicherweise gibt es nicht einmal mehr eine französische Kultur. Das sagt jedenfalls der französische Präsident Emmanuel Macron, der verlauten ließ, die weltberühmte französische culture sei inzwischen derart vielfältig, multiple und diverse, dass man sie nicht französisch nennen könne. Der Gastlandauftritt auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse gilt deswegen auch nicht der französischen Nation, sondern der französischen Sprache, die ja auch in der Schweiz, in der Karibik, in Afrika, in Kanada und im Maghreb gesprochen wird. Paris ist nicht länger die heimliche Welthauptstadt der Literatur. Die französische Literatur hat sich "kreolisiert" – ein Verb, das der von Martinique stammende schwarze Autor Édouard Glissant erfunden hat, um den kulturellen melting pot zu beschreiben, der auf dem französischen Buchmarkt herrscht, nachdem der Mythos von Saint-Germain-des-Prés und seinen legendären Schriftstellern verblasst ist – und die Quadratmeterpreise im Quartier Latin die 10.000-Euro-Grenze gerissen haben.

Für Sartre und Simone de Beauvoir war Paris mehr als eine Stadt. Es war eine Lebensform, die Luft, die sie zum Atmen brauchten. Die jüngeren französischen Autoren, die wir heute in deutschen Übersetzungen entdecken, leben nur noch selten in Paris. Sie haben nicht auf der École Normale Supérieure studiert, sie gehören keiner literarischen Schule an, frequentieren nicht mehr alle dieselben einschlägigen Pariser Cafés und Nachtbars. Einige wie Laurent Binet, Éric Vuillard, Karine Tuil, Leïla Slimani und Jérôme Ferrari haben lange im Ausland gelebt. Andere wie Marie NDiaye und Cécile Wajsbrot wohnen vorwiegend in Berlin, wieder andere wie Mathias Énard fühlen sich in Barcelona wohler. Und auch die maghrebinischen Autoren wie Boualem Sansal und Kamel Daoud ziehen es vor, in ihrer algerischen Heimat französische Romane zu verfassen, während sich die ältere algerische Autorengeneration von Assia Djebar, Hélène Cixous, Jacques Derrida und Tahar Ben Jelloun noch in Scharen in Paris ansiedelte. Das literarische Territorium ist weitläufig und unübersichtlich. Einzig als ein schüchterner Angestellter des Pariser Landwirtschaftsministeriums Mitte der neunziger Jahre aus dem Nichts auftauchte und für die Ausweitung der Kampfzone nach mehreren vergeblichen Versuchen endlich einen Verlag fand, brach noch einmal das alte, ganz Paris ergreifende Literaturfieber aus. Michel Houellebecq war ein französischer Gegenwartsautor, dem man zutraute, die seit Sartres Tod vakante Rolle als erster écrivain-philosophe der Nation einzunehmen und zeitdiagnostische Gesellschaftsromane im Stil eines Pariser Chefideologen zu verfassen – auch wenn sein Stammlokal nicht mehr das Flore, sondern der Swingerclub 2+2 war, eine letztlich deprimierende Schwerpunktverlagerung.