Nach jedem Treffer klatschten die Jungs sich ab. Es war ein Riesenspaß. Vorne die Polizisten, hinter sich die johlende Menge, in deren Schutz sie sich zurückziehen konnten. Ein Wurf, High Five, zurück in die Menge. Yannicks Freund hatte ein Depot aus 17 Flaschen vor sich aufgebaut, eine nach der anderen warfen sie auf die Polizisten. "Es war wohl Abenteuerlust," sagt Yannick M.

Zwei Monate später sitzt der 20-Jährige auf der Anklagebank im Jugendschöffengericht. Seine ersten Sätze sind kaum zu verstehen, der junge Mann mit dem muskulösem Oberkörper und kurz geschorenem Nackenhaar piepst fast vor Anspannung. Seit den Tagen des G20-Gipfels im Juli sitzt er in Untersuchungshaft.

Yannick M. ist einer der Männer, die während des Gipfels den Staat in die Defensive trieben. Am Donnerstag vor dem eigentlichen Regierungstreffen, als es bei und nach einer Demonstration mit dem wenig zweideutigen Namen "Welcome to Hell" zu Auseinandersetzungen kam, warf er am Schulterblatt leere Flaschen auf Polizisten und Polizeiwagen, immer aus der Anonymität der Masse heraus, maskiert mit einem schwarzen T-Shirt vor dem Gesicht. Er hörte erst auf, als er in der Menge seinen Freund verlor. Auf dem Weg zur S-Bahn Sternschanze nahm ihn die Polizei fest.

51 mutmaßliche Randalierer kamen während des G20-Treffens in Untersuchungshaft. Die ersten Fälle werden jetzt vor Gericht verhandelt, etwa zehn werden es bis zum Erscheinen dieser Ausgabe sein. Durch die Täter haben die Flaschenwerfer und Barrikadenbauer der traumatischen Tage Gesichter bekommen. Auch wenn einiges darauf hindeutet, dass bislang nicht die wirklich radikalen Gewalttäter vor Gericht stehen, sondern eher die Mitläufer, die sich schlecht tarnten und für die Polizisten leicht zu identifizieren waren.

Ein Spanier wurde festgenommen, weil ein auffälliges rotes T-Shirt aus seiner Jacke hing. Ein Asylbewerber wurde von der Polizei aus der Menge gezogen, weil er als einziger Unmaskierter in einer Gruppe schwarz Vermummter mitrandalierte. Die geübten Krawallmacher stellten sich schlauer an und konnten meist entkommen.

Die, die bislang vor Gericht stehen, gehören längst nicht alle zur linken Szene. Manche wussten nicht einmal vom G20-Gipfel. Vielen dieser Männer ging es nicht um politischen Protest, stattdessen spielte Gruppendynamik eine große Rolle. Alkohol. Frust. Und die Inszenierung von Männlichkeit und Macht.

Yannick M. war an jenem Abend nach eigenen Angaben nur zum Trinken in die Schanze gekommen. "Als ich das vor der Roten Flora mitbekommen habe, wollte ich eben mal schauen, was da so geht."

Oder Mohamed K., der abgelehnte Asylbewerber aus dem Senegal, der nach einem Streit mit seiner Freundin mal eben seinen Frust beim Flaschenwerfen abließ. "Mein Mandant legt Wert auf die Feststellung, dass er kein G20-Gegner ist", sagt seine Rechtsanwältin.