Ganz abgesehen von der Qualität und dem Erfolg seiner Bücher (tatsächlich waren Mitternachtskinder und Die satanischen Verse sowohl grandiose Romane als auch Bestseller), ganz abgesehen also von seinem eigentlichen Geschäft, der Literatur: Wenn es um Salman Rushdie geht, geht es immer auch um sein biografisches Schicksal. Die 1989 ausgesprochene Fatwa, das noch im letzten Jahr von der Islamischen Republik Iran aufgestockte Kopfgeld – dass Salman Rushdie im Juni seinen 70. Geburtstag feiern konnte, versteht sich leider nicht von selbst. Als ihn die Queen zum Ritter schlug, redete man weniger über die Romane als darüber, dass in Indien und Pakistan die britischen Botschafter einbestellt und aus Kaschmir Unruhen gemeldet wurden. Wenn er öffentlich auftritt, verstellen Leibwächter die Sicht. Rushdie hat es schwer, gegen den Doppelgänger anzukommen, den man ihm aufgezwungen hat. Was das für einen Schriftsteller bedeutet, erzählte er vor fünf Jahren in seiner Autobiografie Joseph Anton.

Warum aber, so darf man fragen, hat der seit 17 Jahren in New York lebende Rushdie nun einen Roman geschrieben, der es geradezu darauf anlegt, eher als politischer Debattenbeitrag gelesen zu werden denn als literarisches Kunstwerk? Golden House spielt im Amerika der unmittelbaren Gegenwart und bezieht sich so explizit auf die Wahl von Donald Trump, dass das Buch prompt als erster literarischer Gegenschlag der geschockten Kulturelite begrüßt wurde. Kann dieser Roman die Kurzlebigkeit des Nachrichtengeschehens überstehen? Und: Hat er eine Chance im Überbietungswettstreit mit einer Realität, die so grell und unwahrscheinlich geworden ist, als sei sie selbst die Kopfgeburt eines besonders fantasiebegabten Schriftstellers?

Die Antwort: ein entschiedenes Jein. Golden House ist der bombastische Roman eines begnadeten und mit allen Wassern des magischen Realismus gewaschenen Erzählers, und wer sich nicht bis zur letzten Seite in seinen Bann schlagen lässt, muss gegen die Kunstgriffe der literarischen Verführung schon sehr gründlich gefeit sein. Andererseits wirkt der Text, wo es um die politische Gegenwart geht, derart vordergründig engagiert, dass man kaum glauben kann, dass diese Passagen aus derselben Feder stammen. Trump, so belehrt der Roman, ist niemand anderes als der Joker, durch den sich Manhattan über Nacht in die düstere Comicstadt Gotham City verwandelt hat. Seine Gegenspielerin ist, man könnte es erraten, Hillary Clinton alias Batwoman, also die Posterheldin einer elitären Blase, die leider übersehen hat, dass Amerika doch etwas größer ist als nur die vier, fünf Blocks ums Village herum. Die Superhelden-Metaphorik steht dem Roman nicht gut. Aber vielleicht ist es ja wie bei einem insgesamt tollen Blockbuster-Film, dem man, noch während der Abspann läuft, die ärgerlich missglückten Dialoge längst verziehen hat.

Der zentrale und tatsächlich interessante Protagonist des Romans ist in Bombay geboren und 2008 nach New York ausgewandert, wo er seine von dunklen Geheimnissen überschattete Geschichte abgelegt und einen lächerlich pompösen Namen angenommen hat: Nero Golden. Der schicksalsschwangere Vorname bezeugt eine Verbindung zum Römischen (es ist von fließend gesprochenem Latein die Rede), vielleicht aber auch zur monumentalen Apokalypse; wer Nero heißt, darf sich nämlich sogar in der Neuen Welt nicht wundern, wenn Menschen in brennenden Häusern sterben. Nachname Golden? Auch mit Trump hat der Protagonist etwas gemein, und es ist nicht nur die Lieblingsfarbe. Beide spielen Golf, sind im Baugewerbe aktiv, überwintern in Florida und betreiben eine Privatuniversität. In Manhattan lebt der alte Inder mit seinen drei Söhnen zusammen, die auf die Namen Petronius, Lucius Apuleius und Dionysus hören. Und ihre Mutter vermissen. Die ist nämlich 2008 in Bombay gestorben, in der Lobby des berühmten Taj Mahal Palace. Als sie sich dort gerade ein Gurkensandwich bestellt hatte, stürmten die Selbstmordattentäter das Hotel.

Warum aber verließen die Goldens damals sofort das Land? Nur aus Trauer? Das letzte Romandrittel behandelt dieses Rätsel im Stile einer Kriminalgeschichte, schließlich war Nero schon seit Langem eine große Nummer in der indischen Mafia. Und es zeigt sich, dass er schuldlos – also auf tragische Weise – schuldig ist am brutalen Schicksal, das erst seine Frau, dann seine Söhne und schließlich auch ihn selbst ereilt. Geldwäsche, Bollywood und die religiöse Zerrissenheit des Landes spielen dabei eine wichtige Rolle. Unabwendbar wird das Desaster aber erst durch die russische Kunstturnerin, die Nero unter beschämenden Umständen in Miami kennenlernt und zum Entsetzen seiner Söhne schnell heiratet. Vasilisa vereint die Silhouette eines Supermodels mit der Boshaftigkeit der Baba Jaga.

Golden House ist ein kompliziert verschachtelter, düsterer, gleichwohl spannender Roman mit unzähligen Bezügen zur Literatur- und Filmgeschichte. Man kann ihn als apokalyptische Groteske aus einem aus den Fugen geratenen Amerika lesen. Oder aber viel grundsätzlicher: als Meditation über die ungelösten Rätsel der griechischen Tragödie. Kann jemals eine Flucht gelingen? Wie unerbittlich ist das Schicksal, wie frei der Mensch? Ganz abgesehen von seiner Literatur: Angesichts des Fluchs, der so furchtbar auf Rushdies Leben lastet, klingen diese Fragen bei ihm dringlicher als bei jedem anderen Schriftsteller.

Salman Rushdie: Golden House 
Roman; a. d. Engl. v. Sabine Herting; Verlag C. Bertelsmann, München 2017; 512 S., 25,– €, als E-Book 19,99 €