An einem Donnerstagmorgen im September, Angela Merkel eröffnet gerade in Frankfurt die IAA, die 67. Internationale Automobil-Ausstellung, eine der größten und bedeutendsten Fachmessen der Welt, betritt Günther Schuh das Büro seines Autounternehmens in Aachen. Die Kanzlerin spricht in Frankfurt in ihrer Eröffnungsrede über die Zukunft des Autos, sie redet vom "autonomen Fahren", von "neuen Antriebstechnologien" und von den Versuchen der Bundesregierung, "Elektromobilität attraktiver zu machen". Schuh hört sich die Rede nicht an, auch nicht die Reden der Konzernchefs von VW, Daimler und BMW, er wird erst gar nicht nach Frankfurt fahren. Er hat Wichtigeres zu tun.

Schuh ist Wissenschaftler und Unternehmer. Er ist Professor für Produktionstechnik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen, einer der renommiertesten Hochschulen für Ingenieure in Europa. Und er ist Geschäftsführer einer Elektroauto-Firma namens e.Go Mobile AG. Kein Name, der einem zuerst in den Sinn kommt, wenn man an den Automobilstandort Deutschland denkt. Doch e.Go Mobile, ein Unternehmen mit 140 Mitarbeitern, hat das entwickelt, was die großen Konzerne in den vergangenen Jahren weitgehend versäumt haben: ein günstiges, also massentaugliches Elektroauto. 2018 soll es auf den Markt kommen. Es ist nicht das erste Elektroauto von Schuh: Er hat vor rund sieben Jahren den StreetScooter erfunden, den batteriebetriebenen und emissionsfreien Transporter, mit dem die Deutsche Post mittlerweile Pakete ausliefert. Kurz: Günther Schuh aus Aachen spricht nicht über die Zukunft des Autos, er gestaltet sie.

"Die haben mich für einen von 'Jugend forscht' gehalten", sagt Günther Schuh

Jetzt schwingt er sich an den Konferenztisch seines Büros und lässt sich einen Kaffee kommen. Er ist ein Zweimetermann mit kölnischem Tonfall, trägt eine randlose Brille und ums Handgelenk eine Smartwatch. 58 Jahre ist er alt, hat aber die zupackende Energie eines Jungunternehmers. Der Ingenieur und die deutsche Automobilindustrie – eigentlich hätten sie sich viel zu sagen. Aber dass Schuh nicht zur IAA fährt, ist bezeichnend. Er ist ein Pionier und Erneuerer der Branche. Aber was er geleistet hat, hat er nicht mit der Autoindustrie vollbracht, sondern gegen sie. Als Naivling haben ihn die Konzernchefs verhöhnt, als verrückten Professor, als Ingenieur, bei dem eine Schraube locker ist. Erst seitdem die Post, einer der wichtigsten deutschen Logistikkonzerne, mit Schuhs elektrischen Lieferwagen durch die Republik fahre, werde er anders angeschaut, sagt er.

Schuh erzählt jetzt, wie er zum Elektroauto-Pionier wurde. Wie er sich 2010 an ein Experiment wagte: Zusammen mit einem Kollegen der RWTH Aachen wollte er beweisen, dass es im Hochlohnland Deutschland möglich ist, ein alltagstaugliches und bezahlbares Elektrofahrzeug zu bauen. Sie nannten es StreetScooter und entwarfen Pläne. Doch als Schuh sie den Autokonzernen vorlegte, erntete er Gelächter. "Die haben mich für einen von 'Jugend forscht' gehalten", sagt er. 2011 präsentierte Schuh einen Prototyp des StreetScooter auf der IAA. Angela Merkel ließ sich den Elektrotransporter vorführen, nuschelte ein lobendes "Weiter so" und stapfte davon. Aber Schuh sagt, ihn habe das ermutigt.

Der Rest ist deutsche Automobilgeschichte: Als der Deutschen Post die Idee kam, ihre Lieferwagenflotte für den Brief- und Paketdienst auf umweltfreundliche Elektroautos umzustellen, hatten die deutschen Autobauer ihr nichts zu bieten. So landete die Post bei der Aachener StreetScooter GmbH, dem Unternehmen, das aus Günther Schuhs Experiment hervorgegangen war. Der Ingenieur und sein Team bauten dem Dax-Konzern einen maßgeschneiderten Transporter. 2014 kaufte die Post dem Professor das Unternehmen dann ab; für wie viel, will Schuh nicht sagen, er spricht vergnügt von "ein paar Milliönschen". Derzeit sind rund 3000 StreetScooter für die Post im Einsatz. Mittelfristig soll die ganze Flotte, die aus knapp 70 000 Fahrzeugen besteht, durch Elektrotransporter ersetzt werden. Gerade hat die Post angekündigt, in Nordrhein-Westfalen eine zweite Fabrik zu eröffnen. Sie verkauft die Lieferwagen inzwischen auch an andere Gewerbetreibende.

Dass in Deutschland bislang so wenige Elektroautos verkauft wurden, wird oft damit erklärt, dass man selbst mit einem voll geladenen Fahrzeug nicht besonders weit kommt. Oder damit, dass es hier bislang zu wenige Ladestationen gibt. Oder sogar ganz grundsätzlich mit der Skepsis der Deutschen gegenüber der Elektromobilität. Alles Quatsch, sagt Günther Schuh. Für ihn liegt das Problem im Preis. "Der Markt ist längst da, aber E-Autos sind einfach zu teuer", sagt er. Womit er nicht ganz unrecht hat. Ein Kleinwagen wie der e-up! von VW kostet rund 27.000 Euro, auch für den Smart Electric Drive von Daimler muss man 22.000 Euro bezahlen. Aber technische Revolutionen seien im Kern, so nennt Schuh das, cost-cutting revolutions: Sie machen etwas Exklusives erschwinglich.