Im Booklet brillante Texte, zu dessen Bebilderung Autografe und Handzeichnungen des 91-jährigen Meisters: ECM ehrt György Kurtág, die ungarische Ikone der Neueren Musik, mit einer nahezu perfekten Edition seines Gesamtwerks für Ensemble und Chor. Kurtág selbst bezeichnet die Realisierung seiner Werke unter Leitung von Reinbert de Leeuw mit dem Asko Schönberg Chamber Ensemble und dem Netherlands Radio Choir als "authentisch": Was wir hier hören, das soll so sein. Und es bewegt.

Gewiss, zunächst macht einem die enzyklopädische Abdeckung der Gattung ein bisschen Angst vor der Dichte der musikalischen Zeichenwelt Kurtágs. Elf Werke auf drei CDs in vier Sprachen, darunter Texte von Beckett, Alexander Blok, Rimma Dalos, Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa: Das ergibt viel ideales Material für Kurtágs magische Abbreviaturen – wunderbar vollzogen etwa im Verenden des Zwetajewa-Chores It’s time in den Songs of Despair and Sorrow op. 18 . Man tut gut daran, sich die musikalischen Zeichen und Signale – selbst wenn die Vokalwerke allesamt Zyklen sind – immer wieder einzeln anzuhören, damit sie treffen. Wobei die Beckett-Vertonung What is the Word op. 30b mit ihren 16 Minuten natürlich als Ganzes wirken muss, ebenso die Colinda-Balada. Auch unter den rein instrumentalen Stücken braucht kaum eines mehr als zehn Minuten: Wie der wundersame Grabstein für Stephan op. 15c, ein überzartes Gebilde für Sologitarre, das durch Raumklang-Momente alle Zeit verabschiedet: "groups of instruments dispersed in space".

Immer geht es bei Kurtág um Prozesse – daher betont er seine Liebe zu Friedrich Hölderlin und dessen Distanz zum Endgültigen. Wie die Spätdichtungen Hölderlins werden Kurtágs Zeichen oft fälschlicherweise Fragmente genannt; vielmehr sind es, wenn man so will, Spitzen der Eisberge des Unaussprechlichen. Um dieses Unsagbare kenntlich zu machen, nutzt Kurtág die Sprache nicht als Informanten, sondern als Sprach-Musik, aus der heraus es klingt. Und eben das vermag den Hörer zu treffen, besonders akut beispielsweise in seinen Messages of the Late Miss R. Troussova von 1980. Allein eine Passage wie "Bitter Experience" sollte man sich immer und immer wieder zumuten – so lange, bis man ihre musikalischen Nadelstiche schmerzlich spürt.

György Kurtág: Complete Works For Ensemble And Choir. Reinbert de Leeuw, Asko/Schönberg, Netherlands Radio Choir. 3 CDs (ECM)