Der Musikbetrieb kennt eine abschreckende Metapher für den dringlichsten aller Problemfälle: Ein Künstler/eine Künstlerin ist erkrankt, und ein(e) andere(r) muss ins kalte Wasser springen, um den Abend zu retten. Selbstüberwindung ist dringend vonnöten, denn der Rettungsschwimmer hat keine Probe besucht, kein Konzeptionsgespräch miterlebt, er/sie kennt weder den Dirigenten noch dessen Tempi, noch die Akustik des Saals. Sie/er kommt mit dem Flugzeug und hat an Bord lediglich die Partitur noch einmal studiert. Die Noten sind ihm/ihr als Einziges vertraut.

Etliche Karrieren sind über Nacht durch schnelle Erste Hilfe geboren worden, aber es ist ein Unterschied, ob ein Einspringer eine Opernpartie bequem im Freizeit-Look aus dem Graben heraus singt und die halskranke Kollegin ihre Rolle stumm und voller Schminke auf der Bühne mimen lässt – oder ob man die feierliche Eröffnung der Elbphilharmonie retten muss, weil die Sopranistin abgesagt hat. Das ist Hanna-Elisabeth Müller im Januar passiert, als sie nichtsahnend in den verschneiten Kitzbüheler Alpen saß, soeben von den Skiern gestiegen war und gerade eine Yoga-Stunde nahm. Da klingelte das Telefon. Ob sie am nächsten Tag sozusagen vor der Weltöffentlichkeit, vor Würdenträgern, Präsidenten und Kanzlern, vor der internationalen Musikkritik und vor allem vor Millionen Fernsehzuschauern das Finale aus Beethovens Neunter Sinfonie singen könne?

Hanna-Elisabeth Müller, 32 Jahre alt, hat ein Faible fürs Risiko © Chris Gonz

Müller fackelte nicht lange – und sagte zu. Die Vorschusslorbeeren, die ihr im glücklichen Hamburg gewunden wurden, waren überflüssig, ebenso die Bitte ans Publikum um zarte Nachsicht. Sie sang ihre Partie, als habe sie für diesen Hamburger Abend nie andere Pläne gehabt. Vielleicht besaß das kalte Elbwasser, in das sie gesprungen war, nach all dem Schnee einfach eine vertraute Temperatur. Oder sie ist der Typ für den Nervenkitzel, das Vabanque-Spiel.

Möchte man eigentlich nicht erwarten. Die 1985 in Mannheim geborene Künstlerin hat zwar ein entspanntes Verhältnis zu dicken Dingern wie der Neunten, doch stammt sie sozusagen eher aus kleinen Verhältnissen und kehrt immer wieder dahin zurück: Hanna-Elisabeth Müller versteht sich als Liedsängerin. Schubert, Schumann, Wolf, Alban Berg, Richard Strauss, das ist ihre Welt, die sie mit einem enormen Einsamkeitsbedürfnis jeden Tag aufs Neue erobert. Die einzigen Mitwisser, denen sie von dieser Welt berichtet, sind ihre Zuhörer.

"Wenn ich auf der Opernbühne stehe, ist ja der Orchestergraben dazwischen", erzählt die 32-Jährige, "das Liedpublikum aber sitzt direkt vor mir, wir werden beinahe zu einer Einheit." Aber sie weiß auch, dass Lieder voller Dramen stecken, voller Schaurigkeiten und Seelenfinsternisse – und wer sie einmal in einem Liederabend erlebt hat, der hat sie dieses innig-intensive Gefühl auskosten spüren. Wie sie sich versenkt in Texte und Melodien und dann ihre Funde ohne jede Leutseligkeit, mit Diskretion und größter Sensibilität ausbreitet.

Viele Jahre lang erschien ihr die Oper sogar als ein verbotener Ort; Schlüssel und Zugangscode holte sie sich erst später. Da hatte sie die großen Liederzyklen bereits gesungen – "und das war ein Vorteil für mich. Ich habe mich so viel mit Deklamation, Aussprache und Vokalfärbung beschäftigt, dass ich das großartig nutzen konnte, um im Opernhaus auch im dritten Rang verstanden zu werden." Über Jahre lieh ihr das Publikum der Bayerischen Staatsoper in München, dem sie als Ensemblemitglied angehörte, seine Ohren. Dorthin wurde sie direkt nach dem Mannheimer Gesangsexamen engagiert. Dieser Tage weilt sie mit der Staatsoper auf Gastspielreise in Japan – als Pamina in Mozarts Zauberflöte. Unterwegs sein, sich fordern, neue Erfahrungen machen, das ist ihre Welt: "Ich bin jemand, der eher etwas unternimmt als ruht. Schlimm, wenn ich mich mal ausruhen muss, weil anstrengende Sachen kommen." Dazu zählt, dass sie nicht zwingend alles lieben muss, was ihr in die Gurgel kommt: "Sie ahnen nicht, wie oft ich von der Pamina schon genervt war. Aber wenn dann die g-Moll-Arie kommt, Ach, ich fühl’s, dann ist alles Negative verflogen, dann kann ich das einfach nur genießen."