Ikarien ist ein Sehnsuchtsort. Eine Kommune, wo Gleichheit und Brüderlichkeit herrschen, es keinen Privatbesitz gibt, man gemeinsam arbeitet, lernt, speist und feiert, jeder ein Handwerk ausübt und auf seine Weise glücklich werden kann. So jedenfalls stellen es sich Karl Wagner und Alfred Ploetz vor, als sie 1884 aus Zürich in die USA reisen und die Gemeinde der Ikarier in Iowa mehrere Monate lang besuchen. Die beiden jungen Männer, kommunistische Studenten der Medizin und Ökonomie, haben Étienne Cabet gelesen, den Gründer der ersten ikarischen Gemeinde, und sich für dessen Ideen begeistert. Eine klassenlose Gesellschaft, viel Platz, Gesundheit, das wäre es doch! Ausgestattet mit dem Geld einer Genossenschaft, die ein ähnliches Projekt plant, wollen sie die Lage sondieren. Aber die Ikarier entpuppen sich als kleinmütige, verhutzelte Spießer, die Karl wegen einer zarten Romanze an den Pranger stellen und die Besucher der Zerstörung bezichtigen. Aus der neuen Kommune wird nichts. Ploetz allerdings fühlt sich in seiner Mission, den Menschen verbessern zu wollen, eher noch bestärkt.

Uwe Timm nimmt sich in seinem neuen Roman Ikarien einen historischen Stoff vor, zu dem er einen engen Bezug hat: Ploetz, der 1940 siebzigjährig starb, war der Großvater seiner Frau, der Übersetzerin Dagmar Ploetz. Der Arzt gilt als Begründer der Eugenik; der Begriff der "Rassenhygiene" geht auf ihn zurück. Das kulturgeschichtliche Umfeld fließt in den Roman mit ein, aber Timm operiert mit vielfältigen Brechungen und Spiegelungen, was das Sujet überhaupt erst erträglich macht. Für sich genommen, hätte man Ausführungen zur Rassentheorie mit Formulierungen wie "Zuchtwahl", "kontraselektorische Humanität", "Ausmerzung" und "Ballastexistenz" nicht 500 Seiten lang ausgehalten. Doch Uwe Timm ist ein genuiner Erzähler, er weiß um die Möglichkeiten der Narration. Auch deshalb erteilt er dem schillernden Ploetz nicht selbst das Wort, sondern erfindet einen abtrünnigen Weggefährten, ebenjenen Karl Wagner, und lässt ihn von seiner Freundschaft zu Ploetz berichten. Befragt wird Wagner von jemandem, der die Ursprünge der Eugenik aufdecken soll: von einem amerikanischen Besatzungsoffizier namens Michael Hansen, dem dritten Helden des Romans. Dieser junge Mann, ein Germanist mit Ernst Bloch und E.T.A. Hoffmann im Marschgepäck, hat die Funktion einer bewertenden Instanz. In ihm verbinden sich analytisches Vermögen, warmer Pragmatismus und Neugierde auf die Vielfalt des Lebens.

Es entsteht ein spannungsreiches Flechtwerk aus verschiedenen Handlungssträngen, Schauplätzen und Textsorten. Weit ausholende Schilderungen des zerstörten Deutschlands wechseln mit knappen Tagebuchnotizen des Offiziers, kontrastiert durch Landschaftsbilder, Vogelbeobachtungen und 14 Protokolle der Befragungen. Der O-Ton des alten Herrn, der ins Plaudern gerät und sich auf Seitenpfaden verliert, entfaltet eine ganz eigene Kraft. Ikarien gewinnt seinen Reiz aus Gegensätzlichem: die zukunftsgewissen USA und das verrohte Deutschland, die Revolutionäre der Münchner Räterepublik und die Menschenzüchter unter den Nazis, Ernst Bloch und Stefan George. Und immer wieder gibt es Unterströmungen, wenn sich die Protagonisten in Liebesgeschichten verwickeln. Der Nationalsozialismus und die eigene Herkunft zählen zu den Lebensthemen von Uwe Timm. Auch dieses Mal gelingt es ihm, einen fesselnden Roman daraus zu machen.

Uwe Timm: Ikarien
Roman; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017; 512 S., 24,– €, als E-Book 19,99 €