DIE ZEIT: Frau Aigner, Sie sind Vorsitzende des größten CSU-Bezirksverbands, Oberbayern. Was sagen Ihnen Ihre Mitglieder?

Ilse Aigner: Dass das Wahlergebnis eine Katastrophe ist. Alle spüren, dass sich die Parteienlandschaft grundlegend verändert hat und dass das vor allem uns betrifft. Das beunruhigt unsere Mitglieder, die Stimmung ist alles andere als gut. Der Erfolg der AfD ist ein Schock, und deshalb ist es das erste Ziel, das bei der Landtagswahl im nächsten Jahr wieder zu revidieren, also ihren Einzug in den Landtag zu verhindern.

ZEIT: Können Sie noch mal für den nicht bayerischen Teil des Publikums erklären, warum die absolute Mehrheit für die CSU so wichtig ist?

Aigner: Für die CSU leitet sich der besondere Machtanspruch aus der absoluten Mehrheit ab: Wir sind eben kein Landesverband der CDU, sondern können – mit der absoluten Mehrheit ausgestattet – für ein gesamtes Bundesland sprechen, für Bayern. Unsere Positionen haben deshalb auch im Bund ein so starkes Gewicht, wir können so bayerische Interessen weitgehend umsetzen. Und es ist wohl nicht zu viel behauptet: Die CSU ist die letzte echte Volkspartei. Wir haben den Anspruch, dass rechts von uns keine demokratisch legitimierte Partei existiert, weil wir alle Flügel abdecken. Wir sind die Partei der kleinen Leute, der Arbeitnehmer, aber auch der Handwerker und des Mittelstandes. Wir sind christlich, liberal, aber auch konservativ, und deshalb gehören die Nationalkonservativen ebenfalls in unsere Reihen.

ZEIT: Die CDU ist auch eine Volkspartei, aber nicht so versessen auf absolute Mehrheiten.

Aigner: Die CDU hat allerdings die konservative Seite zuletzt arg vernachlässigt. Für uns dagegen ist es wichtig, auch den Konservativen eine Heimat zu bieten. Das sind wichtige Teile unserer Stammwählerschaft, und es ist unser Auftrag, diese Wähler zurückzugewinnen. Deshalb sollten wir jetzt nicht die Wähler beschimpfen, sondern die Themen erledigen, die sie uns ins Auftragsbuch geschrieben haben.

ZEIT: Was genau hat denn Ihre Wähler nun eigentlich so verstört?

Aigner: Wir haben zwar auf die richtigen Themen gesetzt. Allerdings haben uns die Menschen nach all den langwierigen Debatten, vor allem mit der Schwesterpartei, offenbar nicht mehr zugetraut, dass wir unsere Positionen auch umsetzen können. Deshalb müssen wir jetzt dringend mit der CDU klären, was vor der Wahl nicht geklärt wurde.

ZEIT: War ein Problem nicht auch das Herumgewackel? Ihr Parteichef hat der Kanzlerin eine "Herrschaft des Unrechts" vorgeworfen, Sie haben Verfassungsklagen angedroht und nie eingereicht. Es gab Gerüchte, die CSU wolle sich bundesweit ausdehnen oder ganz zurückziehen. Und am Ende war Merkel dann auf einmal Ihre Kandidatin.

Aigner: Die bundesweite Ausdehnung war definitiv nie eine Überlegung aus unseren Reihen. Vielleicht hat sich das mancher außerhalb von Bayern gewünscht. Das Zweite ist: Wir haben durchaus einiges gegen viele Widerstände erreicht. Unter anderem sind die Grenzen besser gesichert worden, wir haben sichere Herkunftsländer definiert – wenn auch wegen der Grünen im Bundesrat leider nicht ausreichend viele. Damit hatte sich die Klage erübrigt.

ZEIT: Wenn sich so viel geändert hat, könnten Sie doch eigentlich sehr zufrieden sein. Sie fordern aber einen Kurswechsel.

Aigner: Dass wir vieles erreichen konnten, ist nicht ausreichend klar geworden. Außerdem hat die deutliche Ansage, dass sich 2015 nicht wiederholen wird, viel zu lange gefehlt. Stattdessen hat die Kanzlerin formuliert: Ich würde alles wieder genauso machen. Das hat die Menschen ernsthaft verwirrt.

ZEIT: Ist die Obergrenze also für Sie die ultimative Versicherung dafür, dass sich ein solcher Zuzug wie 2015/16 nicht wiederholt?

Aigner: Es ist unerlässlich, dass man einmal unmissverständlich feststellt, dass ein Land begrenzte Aufnahmefähigkeiten hat. Das fängt an bei den Wohnungen – bei uns, selbst auf dem Land, kriegen Sie kaum noch bezahlbare Unterkünfte –, geht über die Schulen und Kindergärten bis hin zur Integration der Migranten in Arbeitsmarkt und Gesellschaft. Das sind die Voraussetzungen. Und dann muss man vielleicht einfach mal ins Grundgesetz schauen: Alle, die nicht über den Flughafen kommen, sondern über einen sicheren Drittstaat, sind an der Grenze zurückzuweisen – nicht "können zurückgewiesen werden", sondern "sind zurückzuweisen".

ZEIT: Nun sind die Zahlen ohnehin zurückgegangen. Warum braucht es trotzdem die Obergrenze?

Aigner: Die Zuwanderung geht allerdings weiter, etwa über den Familiennachzug. Unumstritten ist, dass anerkannte Asylbewerber ihre Familien nachholen können. Das gilt aber nach meiner Überzeugung nicht für diejenigen, die einen vorübergehenden Schutzstatus haben. Das würde die Leistungsfähigkeit unseres Landes überfordern. Wenn diese Frage geklärt ist, reden wir gerne über ein Fachkräftezuwanderungsprogramm, weil Fachkräfte dringend gebraucht werden.

ZEIT: Worauf soll die Obergrenze sich genau beziehen: auf die Menge aller insgesamt nach Deutschland kommenden Menschen, egal ob es sich um Fachkräfte, Kriegsflüchtlinge oder Asylbewerber handelt?

Aigner: Ja.