Kaum etwas ginge am Wesen dieses Romans so entschieden vorbei wie die Frage, ob Édouard Louis tatsächlich vergewaltigt, mit einem Schal stranguliert und mit einem Revolver bedroht worden ist. Freilich, man muss davon ausgehen, furchtbarerweise, nicht allein weil Louis in seinem jüngsten Roman Im Herzen der Gewalt neben dem eigenen auch die Vornamen seiner Freunde Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie verwendet, die gemeinsam mit dem 1992 geborenen Schriftsteller derzeit fraglos das spannendste intellektuell-literarische Dreigestirn Frankreichs bilden, indem sie den aktuellen Rechtsruck Europas und dessen historische Wurzeln zu analysieren versuchen und sich zugleich entschieden gegen diesen positionieren. Eribons brillante Sozialstudie Rückkehr nach Reims (deutsch 2016) und Louis’ gefeierter Debütroman Das Ende von Eddy (deutsch 2015) etwa erzählen nicht nur die Emanzipationsgeschichten zweier aus einfachen Verhältnissen stammender Homosexueller, sondern sind gleichermaßen Studien über das Wirken von sozialem Ressentiment im dumpfen, gedanklich unbeweglichen sozialen Gefüge der Provinz.

Nun, als erfolgreicher Schriftsteller in Paris, ist Louis Homophobie und Repression scheinbar entkommen. Aber nicht allein deshalb trifft ihn das Geschehen mit derartiger Wucht. Wenn der Erzähler berichtet, wie er am Morgen nach dem Verbrechen besessen seine Wohnung putzt, um die Erinnerung an seinen Peiniger zu vertreiben, nachgerade animalisch danach schnüffelnd, ob sich noch eine Spur von diesem findet, dann wird mit jedem weiteren Satz nur klarer, wie unaufhaltsam sich die erlebte Gewalt in jede Faser seines Körpers eingeschrieben hat. Und nicht allein der Körper steht unter Schock, auch die Sprache selbst scheint auf unheimliche Weise verschoben. Allenthalben meint der Erzähler nach dem nächtlichen Vorfall die Wörter "Schal" oder "Revolver" zu hören, wenn tatsächlich etwas ganz anderes gesagt wird. Er ist, wider Willen, besessen von dem, was ihm angetan wurde.

Umso mehr drängt es ihn, das Unfassbare, die Erfahrung der Todesnähe, erzählend zu rekonstruieren. Die Verstrickung von Brutalität und Kontingenz dieses unheilvollen Abends will er so weit entwirren, dass sich zumindest eine Ahnung des Unausweichlichen und einer Folgerichtigkeit der Ereignisse und damit, womöglich, auch eine gewisse Begreifbarkeit herstellen lässt. Édouard befindet sich auf dem Rückweg von einem Weihnachtsessen, als ihn auf der Place de la République ein Mann anspricht, Reda, so stellt er sich vor. Die gegenseitige Anziehung ist unmittelbar da, auch wenn der Erzähler behauptet, noch eine gewisse Zeit die Avancen Redas zurückgewiesen zu haben. Schließlich nimmt er den Algerier mit hinauf in seine Wohnung. Was als Liebesnacht beginnt, endet beinahe mit einem Mord.

Aber der Versuch, das Geschehene zu ordnen, offenbart nur immer neue Widersprüche und Irrtümer, die mitunter einer albtraumgleichen Logik zu gehorchen scheinen. Wie etwa kann es sein, dass die Polizei noch das Wodkaglas von Reda findet, wo doch der Erzähler meint, alles akribisch geputzt zu haben?

Verstärkt wird diese permanente Irritation durch die geniale Konstruktion des Romans: Denn der literarisierte Édouard Louis steht heimlich hinter der Wohnzimmertür seiner Schwester und lauscht, während diese ihrem Mann erzählt, was wiederum Édouard zuvor ihr erzählt hat. Sie tut das in ihrer Version, die der Versteckte im Stillen zu korrigieren versucht. Aber längst ist es ihm unmöglich geworden, das, was die Wahrheit sein könnte, zu beherrschen. Kann es etwa sein, dass er selbst es war, der das Eskalieren der Gewalt erst verursacht hat, indem er seinen Besucher beschuldigte, ihm Handy und iPad stehlen zu wollen?

Das Tragische daran: Mit Reda, dessen Vater als Flüchtling nach Frankreich gekommen ist, hat Édouard einen sozial Stigmatisierten vor sich, so wie er selbst einmal einer gewesen ist. Und vielleicht ist es gerade der Vorwurf des Diebstahls, den Reda nun ausgerechnet aus seinem Mund das eine Mal zu oft hört – jedenfalls verliert Reda die Kontrolle. Das Schlimmste innerhalb dieser fatalen Dynamik aber ist, dass Édouard feststellen muss, wie er in den Tagen nach dem Verbrechen beginnt, algerisch anmutende Männer mit Furcht und Widerwillen zu betrachten. Das Ressentiment frisst sich auch in sein Denken ein.

Édouard Louis’ Roman Im Herzen der Gewalt ist nicht nur ein existenzielles, atemberaubendes Ringen um das fragile Verhältnis von Sprache, Wirklichkeit und Erfahrung. Der Roman ist zugleich getrieben von der düsteren Ahnung, dass es aus der Spirale von Angst, Gewalt und Verachtung womöglich kein Entrinnen geben könnte.

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt
Roman; a. d. Franz. v. H. Schmidt-Henkel; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2017; 224 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €