Eine Woche lang wurde die Berliner Volksbühne von Aktivisten besetzt (ZEIT Nr. 40/17), dann räumten zwei Hundertschaften Polizei gewaltlos das Haus. Der Intendant Chris Dercon hatte, gemeinsam mit dem Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke), den Besetzern noch angeboten, sie könnten den Grünen Salon der Volksbühne und den neben dem Theaterbau stehenden Pavillon für ihre Zwecke dauerhaft nutzen. Als die Besetzer dieses Angebot nicht annahmen, ließ Dercon räumen.

Jetzt wird in Berlin darüber diskutiert, wer von dem Ereignis am meisten "beschädigt" worden sei. In den Erzählungen dieser sagenhaften Woche tauchen auf: der lasche Politiker und tückische Dercon-Feind Klaus Lederer, der die rechtswidrige Okkupation des Hauses viel früher hätte beenden lassen müssen. Andererseits aber auch sein autoritärer Zwilling: der Hardliner und heimliche Dercon-Verbündete Klaus Lederer, der eine friedliche Kunstaktion mit geballter staatlicher Macht abbrechen ließ. Weiterhin sehen wir: den schlauen Intendanten Chris Dercon, dem die Ereignisse genutzt haben, weil er sich im Umgang mit dem Gegner als kompromissbereiter Weltmann zeigen konnte. Und schließlich tritt auf dessen Doppelgänger, der windige Gentrifizierungsbote Chris Dercon, der sich endgültig desavouiert hat, weil es nun schlimme Bilder von ihm gibt, die ihn im Gespräch mit räumwilliger Polizei zeigen.

Die beiden Dercons und die beiden Lederers kamen sich im Lauf der Besetzung vermutlich näher, als sie es sich je träumen ließen, sie waren plötzlich zur Partnerschaft verdammt, zum Buddy-Auftritt in einem wichtigen Dramolett der deutschen Theatergeschichte, und man darf gespannt sein, wie dieses Erlebnis die Beteiligten verändert.

Aber wie geht es nun weiter? Die Besetzer zogen ihrer Wege, nicht ohne anzukündigen, man werde sich wiedersehen – "wenn wir uns gemeinsam umherschweifend die Stadt aneignen. Im Theater oder anderswo". Und nur zwei Tage nach der Räumung fand in der Volksbühnen-Spielstätte im Tempelhofer Hangar 5 das erste Theaterstück unter Dercons Intendanz statt, Iphigenie von dem syrischen, in Berlin lebenden Dramatiker Mohammad Al Attar. Das Projekt erregte höchste Aufmerksamkeit bei den kritischen Instanzen und vor allem bei den Dercon-Gegnern. Aber es entwaffnet alle Kritik, indem es sich kaum als ästhetisches Projekt präsentiert, sondern viel eher als Akt der organisierten Anteilnahme. Die antike Vorlage ist nur ein Etui für etwas ganz anderes. Die Frauen auf der Bühne sind einer aktuellen Tragödie entkommen, dem Krieg in Syrien, und nun sitzen sie, eine nach der anderen, vor einer Kamera und geben, in Ingmar Bergmanschen Großaufnahmen auf einer Leinwand zu sehen, Auskunft über ihr Leben und ihren Willen, Theater zu spielen. Diese Iphigenie erinnert stark an den iranischen Film Salaam Sinema ("Hallo Kino") von Mohsen Makhmalbaf aus dem Jahr 1994, in dem ein Filmcasting dazu diente, die Menschen zum wahrhaftigen Sprechen zu bringen. Das Casting war schon der ganze Film: ein Akt der Enttäuschung und größten Zauberei. Salaam Sinema flog dahin, während man noch auf seinen Beginn wartete.

Leider ist die Tempelhofer Iphigenie von der schlichten Genialität dieses Films ziemlich weit entfernt; die Fragen, die beim Casting gestellt werden, führen nie weit, der dramaturgische Rahmen des Abends schnürt die Darstellerinnen ein, und so liegt die wahre Größe dieser arabisch gesprochenen Iphigenie im Mangel, welchen sie erzeugt: Man möchte viel mehr wissen, als man erfährt. In den Gesichtern der Spielerinnen liegt große Würde, man ahnt, dass sie das Wesentliche nicht verraten können – und dass sie das Spiel brauchen, um uns teilhaben zu lassen.

Vielleicht sind sie sich näher, als man ahnt, die vertriebenen Besetzer der Volksbühne und die Iphigenie-Darstellerinnen. Beide wollen gesehen werden, wie man nur auf der Bühne gesehen wird. Wobei der Zusammenhang, aus dem diese kommen, die Zeigelust jener beschämt. Die Iphigenie-Spielerinnen haben sicher die tieferen Gründe, warum sie auf die Bühne wollen.

Fazit: Geschichte ist schon jetzt gemacht worden. Doch auf die sogenannte "große Theaterkunst" muss in Berlin weiterhin gewartet werden.