An einem Abend im Herbst sitze ich in Kapstadt auf einem warmen Stein am Strand und denke, dass hier ein bisschen länger zu bleiben nun wirklich eine gute Entscheidung war. Am Horizont gleitet die Sonne hinter das mächtige Plateau des Tafelberges und taucht den Strand in warmes Licht. Ich sitze da und verstehe jetzt, warum alle Modelagenturen, deren Fassaden sich im Zentrum der Stadt aneinanderreihen, ihren Sitz hierher verlegt haben. Dieser goldene Glanz scheint alle Menschen in Kapstadt ein bisschen schöner zu machen. Mich macht er vor allem glücklich.

Im Juni war mein Flieger aus Deutschland in Südafrika gelandet. Erst wollte ich nur Urlaub machen, einen Freund besuchen, ein bisschen wandern gehen, vielleicht ein Auto mieten und durchs Land fahren. Doch Kapstadt gefiel mir gut, zu gut. Aus den zwei, drei Wochen wurde ein Monat, mittlerweile sind drei Monate rum, und ich bin immer noch da. Ich bin 35 Jahre alt, und meine Freunde in Deutschland stecken mitten in der Phase, die Soziologen als Rushhour des Lebens bezeichnen. Diese Phase bedeutet vor allem eines: Entscheidungen zu treffen. Für einen Partner, für ein Kind, für einen Wohnort. Ich habe ein Problem mit Entscheidungen, vor allem mit den längerfristigen. In der Zeit, in der sich die anderen Häuser kaufen, Babys bekommen oder Chefin werden, ist bei mir alles offen. Ich arbeite als freie Journalistin, habe keine feste Beziehung und wohne zur Miete in einer Wohnung, die ich jederzeit loswerden kann. Warum also sollte ich nach Deutschland zurück?

In Kapstadt ist es auch nicht sonderlich schwer, die Rushhour und das Leben zu Hause auszublenden. Zum Arbeiten habe ich mir einen Schreibtisch in einem Coworking-Space im Zentrum der Stadt gemietet. Das Spin Street House liegt in der Innenstadt direkt am Company’s Garden in einem alten viktorianischen Gebäude. Der Boden ist aus Holz, die Decken sind hoch, und es gibt eine Jura-Kaffeemaschine. Taryn, eine der Mitarbeiterinnen, backt jede Woche Energiekugeln aus Datteln und Cashewnüssen und verkauft sie für zehn Rand.

Und das Beste: Um mich herum hat niemand so recht Lust auf die Rushhour zu Hause. Kapstadt scheint uns alle aufzusaugen und festzuhalten. Es ist Freitagabend, und wir stehen in Flipflops auf dem Balkon, trinken Wein und kühles Bier und feiern den Beginn des Wochenendes. Unter uns, auf der Spin Street, hupen wütend die Autofahrer, der Verkehr stockt, Feierabend. "Das Leben ist hier so leicht", sagt Katja, während sie am Geländer lehnt und zwei Eiswürfel in ihren Wein fallen lässt. Gerade hat sie eine Romanze mit einem Südafrikaner. Sie ist 33, in Deutschland ging vor einem halben Jahr ihre langjährige Beziehung in die Brüche. Auch sie wollte damals raus, Abstand von dem ganzen emotionalen Chaos gewinnen, und landete in Kapstadt. Irgendwann muss auch sie zurück. Nur wann ist der richtige Zeitpunkt? Sie seufzt. In Deutschland braucht sie eine neue Wohnung, und auch ihre ganzen Sachen sind noch bei ihrem Ex.

Die Generation Y werden ich und meine Altersgenossen genannt. Hier in Kapstadt verstehe ich, warum. Ständig stellen wir alles infrage. Dana aus Estland hat sich gerade von ihrem Freund getrennt, weil sie ihre Affäre aus New York vor über sieben Jahren nicht vergessen kann – soll sie ihn nun wiedersehen? Johannes hadert mit seinem Job als Informatiker, weil ihm der Sinn fehlt, und träumt von einer Karriere im Bereich Biokohle. Und Clint aus Australien überlegt, wo er hingehen soll, wenn der feuchte Winter in Kapstadt beginnt – auf eine griechische Insel? Oder doch nach Lissabon? Ein modernes Nomadenleben ist mehr als Arbeiten ohne Grenzen. Es ist ein Leben permanent auf dem Sprung, alles ist immer möglich. Kapstadt hat sich zur heimlichen Hauptstadt all jener entwickelt, die um die Welt jetten – ohne Jetset zu sein. Junge, ungebundene Menschen, mit Laptop und Neugier im Gepäck. Hier verweilen sie für ein paar Monate, treffen und vernetzen sich – und tanken auf.

Wir stehen auf einem Balkon in Kapstadt und gucken in die Wolken. "Ist das nicht der Wahnsinn?", ruft Clint. Der Himmel färbt sich rot. Was uns eint, ist der leise Triumph, dem grauen Alltag entkommen zu sein. Keine zähen Konferenzen, kein ewiger Nieselregen, kein Stau im Pendlerverkehr.

Mir fällt ein Zitat ein, aus einem Buch, das ich vor einigen Jahren las. Der Autor Benedict Wells erzählt in dem Roman Becks letzter Sommer die Geschichte des kauzigen und sehr liebenswerten Lehrers Beck, der plötzlich merkt, dass er in einem falschen Leben gelandet ist. Bei einem Roadtrip – der Versuch, sein altes Leben abzustreifen – trifft er Bob Dylan. An einer Stelle sagt Dylan: "Leben ist etwas für Mutige, die anderen schwimmen nur mit. Wenn man nicht mutig ist, muss man wenigstens ein guter Schwimmer sein." Seitdem muss ich oft an diese Sätze denken. Ich habe Angst davor, so zu enden wie Beck. Ich träume nicht von einer Musikerkarriere, es geht mehr um das Gefühl, festzustecken und irgendwo nicht mehr rauszukommen.