Die Gasse General Álvarez de Castro liegt mitten in der Altstadt von Barcelona, nur wenige Gehminuten vom Konzerthaus Palau de la Música entfernt, das wegen seiner modernistisch-barocken Fassade tagein, tagaus von zahllosen Touristen bestaunt wird. Es ist eine ruhige, beschauliche Gasse, wie so viele in diesem Viertel. An normalen Tagen hört man die Stimmen der Passanten, Touristen wie Einheimische, selten nur das knatternde Geräusch eines Motorrads. An diesem Sonntag, dem 1. Oktober, aber wird die Álvarez de Castro zur Bühne für die Aufführung eines absurden Theaterstücks. Es ist ein Schauspiel, das erahnen lässt, wohin die sogenannte Autonome Gemeinschaft Katalonien, dieses zu Spanien gehörende Gebiet zwischen Mittelmeer und Pyrenäen, in den nächsten Tagen und Wochen steuern wird.

Die Regionalregierung hat zur Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Kataloniens gerufen, es ist ein klarer Verfassungsbruch. Doch das kümmert die Hunderte von Menschen nicht, die in der General Álvarez de Castro Schlange stehen. Sie wollen in die Schule, die am Ende der Gasse liegt, ihren Wahlzettel abgeben. Es herrscht eine ebenso gespannte wie ekstatische Erwartung. Wird die Polizei auch hier auftauchen? Wird sie, wie in ein paar anderen Schulen Barcelonas, die Wahlurnen beschlagnahmen? Wird sie Knüppel schwingen? Gar zuschlagen? Die Menschen vor dem Wahllokal zeigen sich abwehrbereit.

Plötzlich geht ein Raunen durch die Menge. Wie von unsichtbarer Hand geführt, drehen Dutzende Menschen ihren Kopf und blicken die Álvarez de Castro hinunter. Dort, am Ende der Gasse, sind zwei Polizisten aufgetaucht, ihre gelben Leuchtwesten sind weithin sichtbar. Plötzlich beginnt die Menge wie auf Kommando laut zu skandieren: "No pasarán! No pasarán!"

Mit einem Schlag hat sich die Menschenmenge in das Jahr 1936 zurückbefördert. No pasarán!, "Sie werden nicht durchkommen!", war der Schlachtruf der Verteidiger der demokratisch gewählten Spanischen Republik, die von 1936 bis 1939 vergeblich gegen den von Hitler und Mussolini unterstützten Putschisten General Franco kämpften. Barcelona war Teil der Republik. Francos Truppen und seine Bundesgenossen bombardierten und beschossen die Stadt. Ihre Verteidiger schrieben "No pasarán!" auf Mauern, Fassaden und Transparente.

81 Jahre später skandieren in der Altstadt von Barcelona Hunderte von Katalanen wieder diesen Schlachtruf, nur weil am Ende der Gasse zwei Polizisten auftauchen, die, wie sich schnell herausstellt, ziemlich harmlose Gemeindepolizisten sind und unfreiwillig den Part der Franco-Schergen aus den dreißiger Jahren übernehmen müssen. "No pasarán! No pasarán!"

Diese Anspielung auf den Spanischen Bürgerkrieg ist eine Farce, doch sie zeigt den Erfolg der Separatisten und ihrer Strategie. Um die spanische Regierung zu diskreditieren, wird sie als ein autoritäres Regime dargestellt und mit der Franco-Zeit verglichen.

Wenige Tage vor dem Referendum trat Raül Romeva, seines Zeichens "Außenminister" von Katalonien, in Brüssel auf und forderte von der EU, in den Konflikt einzugreifen. Er beklagte, Spanien verletze Artikel 2 des EU-Vertrags, der jeden Mitgliedsstaat dazu verpflichte, die Menschenwürde und die Menschenrechte seiner Bürger zu achten. Spanien jedoch trete die Rechte der Katalanen mit Füßen. Wenige Tage später gehen Bilder um die Welt, die spanische Polizisten dabei zeigen, wie sie versuchen, in Wahllokale einzudringen, um die Wahlurnen zu beschlagnahmen. Es kommt zu Auseinandersetzungen, zu Hieben, Tritten, Stockschlägen, offenbar feuert die Polizei auch ein paar Gummigeschosse.