Nimm mich auseinander! Zerreiß mich! Unterwirf mich, dann werde ich dich lieben! "You’re in a tough position / I put you there": Du bist der Stärkere von uns beiden, weil ich es so wollte. So klingt es, wenn Kelela ihre Liebe gesteht und ihren Geliebten um Zuwendung bittet. Kelela singt wohl die schönsten Liebeslieder, die es im Pop zur Zeit gibt – und die schmerzvollsten zugleich. Dabei singt sie nicht von Herzschmerz und Liebesleid, sie singt von der Neugier, mit der man einen anderen Menschen erkundet und sich von ihm erkunden lässt. Es geht um Nähe und Fremdheit, um Stärke und Schwäche. Davon erzählt sie mit sicherer, warmer, soulvoller Stimme. Doch die Romantik ihres Soul ist gleichsam in ein Stahlbad getaucht: Unter dem Gesang hört man metallische Beats und gefrierendes Zischen, es splittert und knirscht, als ob ein Schieferflöz birst, und noch weiter drunten schwingt ein magnetischer Bass. Gegen die Kälte dieser elektronischen Sounds wirkt die Wärme des Gesangs umso verletzlicher und fester. Aus den höchsten Höhen der Erregung kann Kelela binnen Sekunden in einen kalten Domina-Alt stürzen und hebt ihre Stimme dann ebenso lässig wieder daraus hervor. Ihre Lieder sind Prismen aus Zartheit und Brutalität. Es geht ein tiefer Riss durch die Musik von Kelela, aber aus diesem Riss leuchtet eine Schönheit hervor, wie man sie im Pop der Gegenwart sonst gerade nirgendwo findet.

Take Me Apart heißt das Albumdebüt, das in diesen Tagen erscheint. Im Titel der Platte spiegelt sich die ganze Lust an der Ambivalenz, die Art des Genießens, um die sich ihre Kunst dreht. "Ich sag zu dir: Nimm mich auseinander", erklärt sie im Gespräch, "und wenn du mich auseinandernimmst, dann glaubst du, dass du der Stärkere bist. Aber ich habe dir das ja gerade befohlen: Nimm mich auseinander! Also hast du dich meinem Wunsch nach Unterwerfung gefügt und bist damit derjenige, der sich in Wahrheit unterwirft. Diese Art des Spiels und der Irritation – das ist es, was ich am meisten genieße: am Sex ebenso wie an der Musik."

Kelela trägt eine asymmetrische Frisur, auf der einen Seite ist ihr Schädel kahl geschoren, auf der anderen lässt sie sich lange Braids wachsen. Bei ihren Konzerten nimmt sie abwechselnd die großen, weit ausladenden Gesten der klassischen Soulsängerinnen ein – um, wenn die Beats es verlangen, umso dramatischer in die abrupten Bewegungen eines tanzenden Cyborgs zu verfallen. Als wir uns an einem Spätsommermorgen in einem Hotel in Berlin zum Gespräch über das Album treffen, ist sie geistig enorm konzentriert – und körperlich ohne Unterlass in Bewegung. Ruhelos rutscht sie auf ihrem Sessel herum, jeder neue Gedanke scheint eine andere Körperhaltung zu erfordern. Und weil ich beim Gespräch über submissive Sexualpraktiken nach einer Weile offenbar ein wenig nervös wirke, legt sie mir beruhigend die Hand aufs Knie.

Sie singt viel von Unterwerfung und der Lust am Sich-Unterwerfen, wie gesagt. Würde sie sich selbst als Masochistin bezeichnen? "Nein, denn Masochismus bedeutet für mich vor allem eins: Schwäche. Aber die Arten der sexuellen Erfahrung, die ich besinge, machen mich ja gerade stärker. Durch die Schwäche, das mich Gehenlassen komme ich näher an mich heran, und das wiederum heißt: Ich gehe als stärkerer Mensch daraus hervor. Ich fände es im Übrigen auch völlig falsch, wenn ich mich als schwarze Frau als besonders schwach zeigen würde. Ich will schwarzen Frauen ja gerade Stärke und Ermutigung schenken, es geht um Empowerment. Wenn ich von der Lust an der Submission singe, dann tue ich das immer aus einer Position der Stärke, ja des Befehlens heraus."

Geboren wurde die Sängerin 1983 als Kelela Mizanekristos in Washington, D. C. Ihre Eltern waren kurz zuvor aus dem bürgerkriegszerrissenen Äthiopien in die USA geflohen. Aufgewachsen ist sie dann etwas weiter nördlich, in einer Kleinstadt in Maryland. "Ich hatte keine schwere Kindheit", sagt sie, "aber es war eine Kindheit, in der ich mich oft fremd gefühlt habe." So ging sie als einziges schwarzes Kind in eine weiße Schule und lernte dort als erstes Instrument Geige in einem ansonsten weißen Orchester. "Ich tat immer Dinge und war immer an Orten, die für mich nicht vorgesehen waren", sagt sie rückblickend: Ihre ganze Kindheit und Jugend lang habe sie sich "othered" gefühlt, ausgeschlossen, als die Andere markiert. Rührt die innere Zerrissenheit ihrer Musik aus dieser Entfremdungserfahrung? "Ja, natürlich haben diese Kontraste auch mit meiner Biografie zu tun. Aber hör genau hin – es geht mir nicht nur um den Kontrast. Auch wenn sie vielleicht wenig harmonische Informationen besitzen, so sind meine Beats keineswegs nur kalt und brutal. Es liegt immer auch eine Zartheit in ihnen, und diese Zartheit will ich mit meiner Stimme entdecken."

Ihre professionelle Karriere begann Kelela als Jazzsängerin, dann betätigte sie sich für eine Weile in einer Punkband – "das war interessant, denn alles, was im Jazz falsch war, war im Punk richtig und umgekehrt" –, um schließlich mit einem Progressive-Rock-Gitarristen zu duettieren: Schon damals sang sie zu enorm komplizierten, ihren Gesang kunstvoll überfordernden und unterwühlenden Rhythmen. Zu dem elektronisch grundierten Stil, den sie heute pflegt, kam sie schließlich über einen New Yorker Tanzmusikproduzenten, der zufällig ein Demoband von ihr hörte: Ezra Rubin alias Kingdom arbeitete schon seit Ende der Nullerjahre mit seinem Fade-to-Mind-Label an einer futuristischen Neubestimmung des R ’n’ B. In der Stimme Kelelas fand er den Widerpart zu seinen kalten, verbuckelten, stolpernden Beats.