Ein Café am Victoriapark in Kreuzberg. Wer ihn, den "Dude" des deutschen Kinos, treffen möchte, muss früh aufstehen: Seit acht Uhr sitzt Kida Ramadan, 40, Kind libanesischer Einwanderer, in Kreuzberg aufgewachsen, jahrelang Statist, bestenfalls Nebendarsteller in rund zwanzig Filmen, in diesem Jahr als Clanchef Ali "Toni" Hamady in der deutschen Gangsterserie 4 Blocks bekannt geworden, an einem Tisch auf dem Bürgersteig und hält Audienz – ganz wie in einer Mafia-Film-Szene von Martin Scorsese (eben kamen zwei Polizisten und wollten Autogramme für ihre Kinder haben). An diesem Kida Ramadan überzeugt, dass er nicht schön oder gesund aussehen möchte (Vollbart, Bauch unter dem Kapuzen-Pullover, nicht gemachte Zähne). Rühreier mit Sucuk, der türkischen Knoblauchwurst. Er stellt den Blumenstrauß vom Tisch auf die Straße: "Ich hasse Blumen, da geht mein Image kaputt."

Wie weit ist er denn jetzt schon mit seinem großen Lebensplan, der Robert de Niro von Kreuzkölln zu werden, fortgeschritten? Nein, nein. Da habe man etwas missverstanden. De Niro sei groß, aber Al Pacino sei für ihn der noch wichtigere. In Michael Manns Heat habe man die beiden gegeneinander antreten sehen, das Ding habe Pacino ganz klar für sich entschieden.

Der komischerweise ja immer noch mythenverklärte Stadtteil Kreuzberg (Hehlerei und Drogen am Kottbusser Tor) ist in Wirklichkeit aber nicht ganz so gefährlich wie in 4 Blocks , oder etwa doch? Er verzieht das Gesicht. Kreuzberg sei längst Latte Macchiato, die harte Szene weiter nach Neukölln und Moabit gezogen. Ist ein Kida Ramadan zur Wahl gegangen? "Allein schon, um diese Hurensohn-Partei, mit der ich nichts zu tun haben möchte, so klein wie möglich zu halten." Ein Tabu in der Gesellschaft möchte man exakt mit ihm besprechen: Wie viele Araber in seinem Bekanntenkreis haben die AfD gewählt?

Der Gangster im Straßencafé steckt sich jetzt noch eine Zigarette an. Er kenne keinen AfD-Wähler persönlich. Aber richtig, die Affinität der Einwanderer der zweiten oder dritten Generation für rechte Parteien sei ein Thema. Es sei wie bei den Latinos in Florida, die Trump gewählt haben: "Die haben vor dem Abschaum Angst, der nachzieht – was für ein Schwachsinn." Und er spricht, mit Nachdruck, das große humanistische Glaubensbekenntnis des Kida Ramadan: "Keinem gehört ein Land. Es ist nur Glück, wo du herkommst, es ist nur Glück, wo du aufwächst."

Ihn jetzt noch ein bisschen ärgern: Was sagt er zu den intelligenten Frauen, die ihn und seine Kumpel-Gang (zu der so unterschiedliche Leute wie sein Lebensfreund, der Schauspieler Frederick Lau, und der Gangsta-Rapper Veysel gehören) für Machos halten? "Ich sage: Besser Macho als Yoga." Seine lachenden, auf Halbmast stehenden Augen. Der Schauspieler spricht weiter klassische Kreuzberger Homeboy-Lyrik ("Wenn ich nach Prenzelberg gehe, dann komme ich mir vor, als ob ich ein Visum brauche") und den aus seinem Mund wirklich amüsant klingenden Satz des als rechts geltenden CDU-Politikers Jens Spahn: "Ich bin dafür, dass Kellner in Berlin Deutsch sprechen können."

Es war bei ihm sicher kein leichter Weg – manchmal spielt das Leben wie in einem amerikanischen Film. Der Familienmensch Kida Ramadan (fünf Kinder zwischen 7 und 18 Jahren) erzählt die anrührende Geschichte, wie er – das ist erst vier Jahre her – nach der Verleihung des deutschen Filmpreises, bei der er als Nebendarsteller nominiert war, noch in derselben Nacht zu seinem Job als Tellerwäscher zurückkehrte. Wir wünschen dem großen Poser und Kämpfer Kida Ramadan bei seiner "Dudedisierung" des deutschen Kinos weiter alles Gute.

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