Obwohl man aus den Kriegstagebüchern von Heinrich Böll wenig erfährt, was man aus den Briefen nicht schon wüsste, und obwohl sie meist nur wenige zusammenhängende Sätze enthalten, in der Regel bloß Stichworte, Ortsangaben, gestammelte Anrufungen, sind gerade diese Anrufungen, diese Notschreie, Stoßgebete und Hilferufe wahrhaft erschütternd.

Die Einsamkeit dieses jungen Mannes, der sechs Jahre lang von Front zu Front geschickt wird, von Frankreich bis in die Ukraine und nach Rumänien, der endlose Tage in Erdlöchern und Truppentransporten, in Kasernen und Schreibstuben und Lazaretten verbringt, muss fürchterlich gewesen sein. "Allein sein ist das Schlimmste", schreibt er einmal. Das Notizbuch gibt ihm Halt, wenn er im Schlamm liegt, wenn die Einschläge näher kommen und die Kameraden an seiner Seite sterben. "Kälte, Elend, Einsamkeit" kritzelt er im November 1943, eine Woche später "Kälte, Elend, Schmutz" und wieder ein paar Tage später "Blut, Dreck, Schweiß und Elend".

Und die Läuse! Die regelmäßigen Entlausungen bringen nur vorübergehend Erleichterung. Tagelang im Schützengraben zu liegen, ohne sich waschen zu können, ist der Normalzustand. Da ging es ihm, als er noch an der Westfront stand, wesentlich besser. Hier kann er sich sogar Bücher besorgen, er liest die katholischen Schriftsteller Werner Bergengruen, Sigrid Undset, Leon Bloy, George Bernanos. Er notiert nur die Namen, seine Gedanken dazu allerdings nicht. Hingegen schreibt er oft seine Träume auf, darunter auch komische. 7. Januar 1944: "Dann bin ich mit einem unbekannten Freund in einem Hotel, das aber bewacht ist! Wir wissen jedoch, daß gegenüber in einem Hotel Varietéaufführung (!!!) ist, beschließen dorthin zu gehen, überlisten den Posten, indem wir uns den Stahlhelm verkehrt aufsetzen und uns für Jesuiten (!) ausgeben ..."

Im Mai 1944 – er kämpft an der Ostfront – wird es wirklich ernst: "unter schwerem Feuer raus über kahle, trostlose Höhen, Hitze, Durst, Durst, Hunger und Qual – Panzer, Flieger, Artillerie – Gott helfe mir! erste Tote und Verwundete – Ich bringe einen Verwundeten zurück – Durst! Wasser! Flieger! Panzer! Jammer! Blut und Feuer! Jammer! Not, Dreck und Elend ... die Panzer bleiben hinter uns zurück, weil sie keinen Sprit mehr haben!!" Bei diesem Angriff wird er verwundet, letztlich zu seinem Glück. Man bringt ihn in ein Lazarett hinter die Front, sodass er erst wieder im April 1945 in letzte sinnlose Kämpfe am Rhein geschickt wird, wo ihn die Amerikaner gefangen nehmen.

In all dem Elend bleibt ihm als Trost nur seine geliebte Annemarie, die er seltsamerweise immer "Anne-Marie" schreibt. Auf fast jeder Seite ruft er sie: "Anne-Marie Du, Du, Du" oder "Anne-Marie, mein Leben, mein Paradies". Am Silvestertag des Jahres 1942 wird er sie in Köln kirchlich heiraten.

Und der zweite Trost ist Gott. "Gott lebt! Gott lebt!", schreibt er unzählige Male in diesem Tagebuch. Immer wieder ermahnt er sich, häufiger und ernsthafter zu beten. Und wenn er ganz verzweifelt ist, ruft er beide an: "Anne-Marie! Gott helfe uns!"

Dass Heinrich Böll keine große Rolle mehr spielt, hängt vielleicht auch damit zusammen, dass ein solcher fast kindlich anmutender Glaubensernst heute mindestens seltsam wirkt. Mit der katholischen Kirche und ihren Vertretern hat er immer wieder gehadert, hat ihre Doppelmoral in vielen Romanen bloßgestellt (etwa in den Ansichten eines Clowns), an seiner Religion jedoch hat er immer festgehalten.

Sechs Jahre lang ist Böll Soldat gewesen. In dieser Zeit hat er geheiratet, seinen ersten Sohn gezeugt, der wenig später starb, seine Mutter verloren, wurde seine Heimatstadt Köln zerstört. Schon vor dem Krieg hatte er viele Prosastücke geschrieben, und Anfang der fünfziger Jahre wurde er mit Romanen wie Wo warst du, Adam? oder Und sagte kein einziges Wort rasch berühmt. 1972 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Von den insgesamt sechs Kriegstagebüchern sind nur drei erhalten geblieben, kleine Notizhefte, Taschenkalender. Sie reichen vom Oktober 1943 bis zum September 1945, als Böll aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde. Die gut kommentierte Ausgabe druckt jede einzelne Seite im Faksimile und setzt die Abschrift darunter.

Alles in allem sind die Kriegstagebücher das bewegende Dokument einer zum Glück vergangenen Zeit. Kaum noch gibt es Menschen, die sie am eigenen Leib erlebt haben. Spätere Generationen können auf diesen Seiten eine Ahnung davon gewinnen, was ihnen bislang erspart geblieben ist.

Heinrich Böll: Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind. Kriegstagebücher 1943–1945; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017; 332 S., 22,– €