Libyen – das Land der Albträume, ein paar Hundert Seemeilen von Europa entfernt. Dschihadisten, Menschenhändler und Kriminelle aus aller Welt haben in dem zerbrechenden Staat ihr Zuhause. Migranten und Flüchtlinge aus ganz Afrika leben in Lagern unter schlimmsten Bedingungen, bevor sie Richtung Italien aufbrechen. Seit der von den Amerikanern und Franzosen geführten Militärintervention während der Arabellion 2011, an deren Ende der gewaltsame Tod des Diktators Gaddafi stand, scheint die Lage in Libyen aussichtslos.

Was dabei manchmal übersehen wird: Seither bemüht sich eine UN-Mission, aus den Trümmern einen neuen libyschen Staat zu errichten. Ein Sonderbeauftragter soll die unlösbare Aufgabe lösen – ohne eigene Truppen, mit wenig Geld, nur mit Verhandlungsgeschick. Bis zu diesem Sommer war das der deutsche Spitzendiplomat Martin Kobler. Kobler, 1953 in Stuttgart geboren, hat Erfahrung mit Zerfall und Vergeblichkeit: Er leitete schon UN-Missionen im Irak, in Afghanistan und im Kongo.

Risk Intelligence; Stand: 19.09.2017

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Fast zwei Jahre lang hat Kobler zwischen verfeindeten Fraktionen in Libyen vermittelt. Zwischen der wackeligen, von den Vereinten Nationen eingesetzten Regierung unter Fajis al-Sarradsch im westlichen Tripolis und dem mächtigen General Chalifa Haftar im Osten. Zwischen Islamisten und Säkularen. Zwischen Regionen, die nie zusammengehört haben.

Die endlosen Gespräche, die Kobler geführt hat, haben von den Wunden des europäischen Kolonialismus ebenso gehandelt wie von der Müllabfuhr in Tripolis. Beim Nation-Building geht es immer um das ganz Kleine und das ganz Große, und beides scheint gleich wichtig. Was muss man tun, damit ein Land wieder funktioniert? Wenn man Kobler zuhört, wie er von seiner Arbeit erzählt, kann man daraus eine Art Leitfaden erstellen: Wo fängt man mit dem Ordnen an, wenn das Chaos alles beherrscht? Wie bricht man die Jahrhundertaufgabe, nämlich einen Staat aufzubauen, herunter auf Menschenmögliches?

1. Baue eine Armee auf

Martin Kobler: "Unsere erste Aufgabe war, Sicherheit herzustellen, also eine Polizei und Armee aufzubauen, staatliche Autorität. Da war nichts. Gaddafi hat mit Geld und Repressionen die Stämme gegeneinander ausgespielt und so das Land gemanagt, starke Institutionen hat er nicht zugelassen. Selbst Putschist, wusste er, warum.

Ich war ja bei der Bundeswehr und mit den UN-Truppen im Kongo, als ich die Friedensmission dort geleitet habe. Ich kenne militärische Strukturen ein bisschen. In Libyen habe ich gefragt: Leute, wo sind denn eure Kompanien? Es gab nur Brigaden, also keine kleineren Einheiten, mit unklarer Organisation.

Im Irak redet man mit den Militärs und fragt: Wer ist hier der Kommandeur, wer ist der Armeechef? Man bekommt klare Antworten, weil der Irak auf 5.000 Jahre Militärgeschichte zurückblickt. In Libyen ist das nicht der Fall. Der Kampf gegen den Kolonialismus, gegen die Italiener, war ein tribaler Kampf, das war kein Kampf einer Armee. Dann kam ein kurzes UN-Protektorat bis 1951, eine kurze Phase der Monarchie, dann putschte Gaddafi 1969, es folgten 42 Jahre Diktatur und 2011 die Intervention."

2. Baue die Justiz auf

In Libyen gibt es zurzeit kein funktionierendes Justizwesen. Stattdessen sperren die verschiedenen Milizen die Leute ein, die ihnen nicht passen. Zum Beispiel herrscht um den Flughafen von Tripolis eine Salafistenmiliz, allerdings echte Frömmler, wie Kobler sagt. Sie verfolgen zwar unerfreulicherweise Landsleute, die Alkohol trinken, aber eben auch Terroristen, weil sie Terrorismus aus religiösen Gründen ablehnen. Der Milizenführer hält gut 2.000 Gefangene in einem improvisierten Gefängnis in der Gegend des Flughafens fest. Er will sie loswerden, an die Strafjustiz übergeben, doch der Staat hat weder die Richter noch die Polizisten, noch die Gefängnisse, die es dafür bräuchte.

3. Ein Staat lebt nicht vom Brot allein

Kobler: "Als die Italiener gegangen sind, gab es vielleicht ein paar Dutzend Universitätsabsolventen in diesem Land. Gaddafi hat alles im Westen eingekauft, was er brauchte. Es gibt kaum Know-how in Libyen, und das Ausbildungssystem ist schlecht."

4. Gehe nicht von dir selbst und deinen Vorstellungen aus

Auch wenn jede Struktur fehlt – einen Staat aufzubauen heißt nicht, dass man ihn am Reißbrett entwerfen kann, sagt Kobler. Für ihn als Deutschen klingt zum Beispiel Föderalismus gut. Für die Libyer ist es ein Schimpfwort. Sie machen folgende Gleichung auf: Föderalismus = Autonomie = zwei Staaten = Zerfall. Martin Kobler: "Da kann man nicht als Deutscher dann kommen und sagen, wir haben einen Bundesstaat, wir haben 16 Parlamente, wir haben 16 Ministerpräsidenten mit 16 Kabinetten, und seht uns an, geht es uns schlecht?"