Es gibt eine Form künstlerischer Meisterschaft, die so fortgeschritten ist, dass sie sich gegen ihr eigenes Material wendet. Im Fall der Schauspielerin Lina Beckmann wäre das die Sprache. Insofern ist ihr Porträt ein paradoxes Projekt: Man muss in Worte fassen, was sich der Rede entzieht.

Lina Beckmann, geboren 1981 in Hagen, ist eine der wichtigsten Darstellerinnen des deutschen Theaters, und dass sie am Hamburger Schauspielhaus angestellt ist, macht die Sache leichter und zugleich schwieriger. Man wird in den kommenden Spielzeiten ihren Weg begleiten können, als Kritiker und Fan. Man wird wohl aber auch sehen, wie jemand die Möglichkeiten der Bühnendarstellung an eine Grenze verschiebt, an der das Zuschauen quälend, wenn nicht unerträglich wird. Alles, was einem das Theater leichter macht – die Rhetorik, das Anekdotische, die Pointen –, wird mit beispielloser Akribie zerstört.

Am Sonntag hatte Beckmann Premiere in Gerhart Hauptmanns Drama Rose Bernd. Das Stück gilt als Meilenstein des literarischen Naturalismus, aber die Regisseurin Karin Henkel hat daraus eine dämonische Groteske über Sexismus, Gewalt und moralische Selbstgerechtigkeit gemacht. Natürlich, im Sinne der authentischen Schilderung eines historischen Geschehens, ist hier gar nichts mehr. Die Figuren in ihren Designerkostümen, die Bühne als horrorhaft ausgeleuchteter Kirchenraum – das alles ist eine überhöhte Auslegung jener Elendsverhältnisse, die Hauptmann in seinem Werk über eine Kindsmörderin des 19. Jahrhunderts beschrieb.

Vor allem aber ist es die Rede, die hier in einen Zustand der Verdunklung hineingetrieben wird, bis irgendwann jede Silbe schmerzt. Hauptmann lässt die Akteure im schlesischen Dialekt sprechen – Karin Henkel macht aus dieser Mundart durch Verlangsamung und Zerdehnung eine Metasprache, ein Kunstidiom von grausiger Intensität. Wenn Beckmann in der Rolle der verleumdeten Frau notorisch ihr "Ney, ney!" – nein, nein – vor sich hinsagt, dann ist das eine Beschwörungsformel, um sich eine schändliche Welt vom Leibe zu halten.

Und wenn sie im Finale an der Bühnenrampe steht, den Blick starr in ein Nichts aus Kummer gerichtet, und erklärt: "Ich bin stark gewest. Jetzt bin ich am Ende", dann ist auch das Sagen und Meinen an ein Ende gekommen. Aus diesem Entsetzen führen noch so viele gute Worte nicht mehr heraus.

Für Lina Beckmann ist das entscheidend, die Ausrichtung einer Rolle, bei der sie nicht gleich ans Gängelband der intellektuellen Durchdringung gelegt wird. "Vielleicht finden das Regisseure manchmal komisch", hatte sie beim Gespräch in der Schauspielhaus-Kantine gesagt. "Weil ich ganz wenig frage oder wenig über die Rolle reden möchte."

Und: "Mein Körper ist klüger als mein Kopf. Mein Kopf steht mir erst mal im Weg. Ich mach lieber und renn fünfmal im Kreis herum, als dass man so am Tisch sitzt und schaut, was hat der und der darüber geschrieben. Da werde ich ganz schnell müde, und der Kopf wird so groß, und ich denke: Wie soll man das denn jetzt alles machen? Jetzt kann ich gar nicht mehr spielen!"

In den Rollen, die sie berühmt gemacht haben, verkörpert sie deshalb immer ein Spannungsverhältnis. Die Sprache einerseits, die verabredeten Normen der Bedeutungsherstellung. Und andererseits der Körper, eine Gegeninstanz zum Sozialen, ein Querulant, der dem Diskurs in die Parade fährt. Das kann irre komisch sein. In Ab jetzt zum Beispiel (Regie: Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier), einer Zukunftsfarce über einen einsamen Erfinder, der eine Lebensgefährtin sucht und dafür eine Darstellerin bucht, spielt sie jene Darstellerin als vollkommen untalentierte Aktrice. Da raspelt sie hektisch ihre Referenzen herunter und wird dabei von Heulattacken durchgerüttelt – die rührend erbärmliche Selbstvermarktungsshow einer Schauspielerin, die nichts kann, außer sich selbst zu belügen. Der Zuschauer amüsiert sich glänzend, bis ihm klar wird, was er da tut: einen leidenden Menschen auslachen. "Über jemanden fast lachen und weinen gleichzeitig, das finde ich schön", sagt Beckmann und schaut andächtig, als habe sie gerade aus der Bibel zitiert.

Mit dieser Haltung kann sie auch kleine Rollen zu großen Persönlichkeitsstudien steigern. Vielleicht müsste es heißen: Menschlichkeitsstudien, denn Beckmanns Spiel weist über den einzelnen Charakter grundsätzlich hinaus. Im Schiff der Träume tritt unter Beiers Regie eine Truppe von Musikern eine Kreuzfahrt an. Beckmann ist die Kellnerin, die der dekadenten Klientel die Speisekarte vortragen muss. Beflissen beginnt sie zu lesen: "Erster Gang. Ein spritziger Auftakt mit Hummerkaka." Die Frau stottert, der Begriff Hummercarpaccio ist eine nicht einzunehmende phonetische Festung. "Hummerkaka", "Jakobsmuschi" für Jakobsmuscheln, das ist erst einmal komisch, aber wenn Beckmann zum fünften Mal in dieses Minenfeld aus Silben hineingestolpert ist, dann schlägt die Comedy in Grausamkeit um. Sprache ist ein Feind, sie stellt den Menschen bloß. Eine harte, in Zeiten der Shitstorms nicht zu unterschätzende Lektion.