Das Hotel Bayerischer Hof in München. Hier wohnt Mariss Jansons in seinen Arbeitsphasen mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Seit 2003 leitet der lettische Dirigent das Orchester, das international zur Spitze gehört. Der 74-Jährige ist extrem erfolgreich, nicht nur weil es ihm 2016 nach etlichen Querelen gelungen ist, für München einen neuen Konzertsaal durchzusetzen. Jansons’ Frau Irina öffnet die Tür der Suite, ein junger, kleiner Hund springt ihr um die Beine. Miki heißt der Familienzuwachs. Jansons tritt aus der Tür seines Arbeitszimmers, wir sinken in opulente Polster. Auf dem Tisch stehen Getränke und italienische Amaretti.

Mariss Jansons: Bitte nehmen Sie, die sind sehr gut!

DIE ZEIT: Maestro, ist das Reisen mit Hund nicht noch komplizierter als ohne Hund?

Jansons: Ich reise ja nicht mehr so viel. Früher hatten wir einen Golden Retriever, das ging natürlich nicht. Deshalb wollten wir jetzt einen kleinen Hund. Einen Hund zu haben ist fantastisch.

ZEIT: Wir wollen über Gustav Mahler sprechen. Sie haben mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bisher die 1. , die 7. und die 9. Sinfonie aufgenommen, jetzt folgt die Fünfte. Es heißt, gerade sie sei ein Werk der Wende, des künstlerischen Umbruchs.

Jansons: Absolut.

ZEIT: Was genau verändert sich da bei Mahler?

Jansons: Die früheren Sinfonien sind an das Wort gebunden, den Gesang. Aus dem romantischen Geist der Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn stellen sie Fragen nach dem Universum und der menschlichen Existenz. Mit der Fünften tritt der Sinfoniker Mahler in die nicht vokale Phase ein. Der Gesang, das Lied, das bleibt ihm weiter wichtig.

ZEIT: In den etwa zeitgleich zur Fünften entstandenen, sehr persönlichen Kindertotenliedern beispielsweise, in und mit denen er, glaubt man seiner Frau Alma Schindler, den Tod ihrer gemeinsamen, kaum fünfjährigen Tochter Putzi vorwegnahm.

Jansons: Er hat Alma mit dem Adagietto in der Fünften eine wunderbare Liebeserklärung gemacht, ganz ruhig, ganz leicht, ein Blick in eine völlig andere Welt mitten in der Sinfonie. Mit der Fünften, die in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts entsteht, setzt sinfonisch eine rasante Entwicklung ein, bis hin zur Neunten, für mich eine der besten Sinfonien der Welt. Das Finale der Neunten, die Coda, das hat eigentlich mit nichts Irdischem mehr zu tun, das ist ein Gespräch mit Gott. Absolut genial. Wissen Sie, Mahler bleibt immer Mahler auf eine Weise, man hört es sofort, vom ersten Takt an – und trotzdem entfaltet er eine Fülle, eine Breite des musikalischen Materials, die permanent etwas grundständig Neues bietet.

ZEIT: Was ist dieses Neue in der Fünften? Welche Welt zeigt Mahler uns hier? Komponiert hat er die Sinfonie teilweise in seiner Sommerfrische in Maiernigg am Wörthersee, teilweise zu Hause in Wien. Er war Direktor der Wiener Hofoper und feierte große internationale Erfolge.

Jansons: Mahler schreibt einmal, die Fünfte sei eine Begräbnismusik, der Trauermarsch für den Helden seiner 1. Sinfonie.

ZEIT: Den sogenannten Titan.

Jansons: Der im zweiten Satz dann einen enormen Kampf zu kämpfen hat, voller Drama und Sarkasmus. Das Sarkastische bleibt auch im dritten Satz erhalten, dem Scherzo, wobei die Musik tänzerisch klingt. Ich denke, Mahler reflektiert hier die Ländler und Volkslieder seiner früheren Sinfonien, er lässt sein Schaffen Revue passieren, sein bisheriges Leben. Das sind sehr tiefe Gedanken. Und sehr gewichtige Fragen: Wie geht es weiter? Was ist Leben?

ZEIT: Gibt Mahlers Musik eigentlich Antworten auf diese Fragen?

Jansons: In dieser Hinsicht erinnert er mich an Schostakowitsch – oder besser umgekehrt: Schostakowitsch erinnert mich an Mahler. Bei beiden existiert nichts Festliches oder Majestätisches oder gar Triumphales, das mit sich eins wäre.

ZEIT: Gilt diese Gebrochenheit auch für den vierten Satz, das berühmte Adagietto?

Jansons: Früher hat man das Adagietto im Tempo unglaublich langsam genommen, wie ein sehr, sehr nachdenkliches Adagio. Das habe ich am Anfang auch gemacht. Heute höre ich in diesem Satz viel Herz, viel Tiefe.

ZEIT: Acht Minuten und 52 Sekunden lang.

Jansons: Schauen Sie, Mahler hat Alma die Partitur geschickt – und sie ist sofort zu ihm gefahren, sie hat ganz genau verstanden. So stark war der Eindruck dieser Musik! Und so muss man sie auch spielen, denke ich. Kein Abschied, kein Weltschmerz: Die Liebe ist das Schönste, was wir haben!

ZEIT: Nun hat die Rezeption einiges dazu getan, diesen Satz der Fünften, wie soll ich sagen, zu demolieren – von Viscontis rührseliger Thomas-Mann-Verfilmung Tod in Venedig bis zur Werbung. Können wir das Adagietto heute überhaupt noch unvoreingenommen hören? Und spielen?

Jansons: Ich finde es nicht so wichtig, die eigene Gegenwart in der Musik zu spiegeln. Natürlich lieben die Menschen das Adagietto, weil sie es vielleicht besser kennen als die anderen Sätze der Sinfonie. Aber sie sind eben auch bereit, sich davon berühren zu lassen, das sollte man nicht gering schätzen.

ZEIT: Wo verläuft für den Interpreten hier die Kitschgrenze?

Jansons: Dort, wo übertrieben viel Ausdruck hineingelegt wird und man Gefahr läuft, unnatürlich emotional zu werden. Das Adagietto mit seinem Streicherteppich und den vielen Ritardandi wird dann relativ leicht plakativ und hat keine Qualität mehr.