Es ist früh, und es ist kalt. Nur einige Jogger sind unterwegs, als wir vor der Hamburger St. Elisabethkirche darauf warten, ins Gemeindehaus zu kommen. Wir, das ist der harte, katholische Kern der ZEIT – alle Redakteure also, die sich nach einer Rundmail an die Redaktion bereit erklärt haben, über ihr früheres Leben als Messdiener zu reden. Und da es für ein gutes Gespräch die entsprechende Atmosphäre braucht, sind wir hier. Franz Mecklenfeld, der Pfarrer der Elisabethkirche, hat uns eingeladen. Er kommt später zum Gespräch dazu, als Beobachter und Zuhörer.

Frage:Seid ihr Elite?

Stefan Schirmer: (irritiert) Wie bitte?

Wolfgang Lechner: (lachend) Gerade eher nicht.

Manuel J. Hartung: Hat das damit zu tun, dass wir alle drei Messdiener waren? Hast du uns deshalb in dieser Herrgottsfrühe in diese Kirche bestellt – damit wir die, Entschuldigung!, völlig abwegige These diskutieren, es habe etwas Elitäres, früh aufzustehen und Gott zu dienen?

Frage: Später. Erst einmal reden wir über Markus Schächter.

Schirmer: Den früheren ZDF-Intendanten?

Frage: Schächter hat ein Buch über ehemalige Messdiener wie euch geschrieben Wer als Kind das Weihrauchfässchen schwenkte, so seine These, ist prädestiniert zum Showstar oder Meinungsführer.

Schirmer: Steile These!

Frage: Reinhold Beckmann, Thomas Gottschalk, Markus Lanz, Hape Kerkeling, Günther Jauch, Alfred Biolek ... alle ehemalige Messdiener, und die Liste ist noch länger.

Schirmer: Wir sind aber keine Talkshow-Moderatoren.

Lechner: Und als Meinungsführer würde ich mich auch nicht bezeichnen.

Hartung: Mediale Mauerblümchen sind wir aber eben auch nicht. Journalisten führen ein Leben in der Öffentlichkeit. Die Frage, die Schächter stellt, ist doch, ob wir als Messdiener besser auf dieses Leben vorbereitet wurden als andere.

Frage: Und?

Hartung: Ich denke schon. Messdiener führen ein Leben unter Beobachtung, und zwar schon als Kinder, mit neun oder zehn Jahren. Als Neuling musste man in der Sonntagsfrühmesse um 8 Uhr vor die Gemeinde treten, auch wenn man todmüde war und sich am liebsten im Bett noch mal umgedreht hätte. Das schafft man nur, wenn man die Blicke der anderen aushalten lernt. Für Journalisten ist das Arbeitsvoraussetzung.

Schirmer: Du meinst einen gewissen Drang in die Öffentlichkeit?

Hartung: Nein, ich meine Selbstbewusstsein, Mut auch bisweilen. Wann sonst richten sich Hunderte Augen auf ein Kind? Als Messdiener darfst du auch keine Angst davor haben, dir die Finger zu verbrennen, wenn du das Weihrauchfass schwenkst. Du musst die Kette direkt über dem Fässchen anfassen, einen halben Zentimeter tiefer ist es heiß und tut weh – höher anfassen geht auch nicht.

Lechner: Sonst baumelt es herum. Ich zucke innerlich immer zusammen, wenn ich das sehen muss.

Schirmer: Klingt so, als würdet ihr Haltungsnoten im Gottesdienst vergeben.

Hartung: Natürlich. Schreckliche Eigenschaft. Genauso schrecklich ist aber zu sehen, wie schlecht viele Messdiener heute ausgebildet sind. Das ist kein Kulturpessimismus: Wir haben den großen Einzug noch dreimal geübt, bevor wir mit 25 Messdienern bei einem Festhochamt in die Kirche gegangen sind. Heute wackeln oft fünf Leutchen mehr oder weniger unkoordiniert herum.

Frage: Was ihr erzählt, klingt nicht nach Gottesdienst, sondern nach Gottesdrill. Und aus diesem Stahlbad geht die Leistungselite von morgen hervor?

Schirmer: Also bitte! Es gibt einen einfachen Grund, warum so viele Messdiener heute in den Medien zu finden sind: Sie sind überall. Das Ministrieren gehörte einfach zu einer guten katholischen Sozialisation in einer bestimmten Zeit zwingend mit dazu. So wie die Kommunion, der Kindergarten, die Firmung.

Hartung: Das gilt aber nur, wenn man auf dem Land und in einer katholischen Kernregion aufgewachsen ist.

Schirmer: Ich komme aus einem 200-Seelen-Dorf bei Bad Sobernheim an der Nahe. Da bin ich gut katholisch aufgewachsen, in einer Bauern- und Winzerfamilie. 1983 habe ich angefangen zu ministrieren. So wie später meine Schwester und viele in meinem Erstkommunionsjahrgang. Ich habe mich nie näher gefragt, warum ich das mache. Es war keine bewusste Entscheidung, sondern das Normalste von der Welt. War es bei euch anders?

Lechner: Ich komme aus dem heiligen Land Tirol. Da gehört der Katholizismus zum Brauchtum. Atheisten gab es in meiner Jugend nicht, und Protestanten waren wie Einhörner und Drachen: Jeder hatte von ihnen gehört, aber kaum einer hatte je einen gesehen. Als Kinder spielten wir Kirche. Wir hatten unsere eigenen Messgewänder und einen Spielaltar mit Säulen aus falschem Marmor.

Frage: Habt ihr den Altar selbst gebastelt?

Lechner: Nein, den hat mein Großvater gemacht. Er war der Einzige von drei Brüdern, der nicht Priester wurde. So war das damals in Tirol.

Hartung: Wann war das?

Lechner: Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, in einem Land vor eurer Zeit. Mitte der sechziger Jahre war ich auf dem Knabeninternat der Diözese Innsbruck. Mein Religionslehrer war der Sekretär des Bischofs. Mit diesem fuhr er immer nach Rom zu den Konzilssitzungen. Später erzählte er uns dann davon. Er war begeistert wie ein kleines Kind. Es war eine aufregende Zeit. Wir träumten von Veränderung und Neuanfang. Alles schien möglich, die Freiheit war zum Greifen nah. Diese Zeit, diese Euphorie haben mein Verhältnis zu Glauben und Kirche geprägt. Bis heute.