Deutschland rückt immer näher an die Tropen. Nicht nur aufgrund der globalen Erderwärmung, sondern auch wegen der Musik, die junge Migranten in den letzten Jahren aus dem Senegal, aus Gambia, Ghana oder Nigeria nach Europa gebracht haben. Im Hip-Hop ist das gerade stark zu spüren, diesem Genre, das immer schon auf Adaption und Recycling basierte. Auch diesen Sommer regierten wieder infizierende tropische Beats unsere heimischen Charts. Hits wie Nimos Heute mit mir oder RAF Camoras Primo fegten alle bleifüßigen Ghetto-Gockeleien vom Platz – und brachten dafür ein afrikanisch-karibisches Flair ins Spiel. Oder wie RAF Camora rappt: "Plötzlich waren Gangster am Tanzen auf westafrikanischem Sample".

Dass es so weit kommen konnte, dafür trägt ein junger westafrikanischer Migranten-Sohn aus Paris einen großen Teil der Verantwortung: Mohammed Sylla alias MHD. Der 23-Jährige gilt als Pate eines höchst innovativen Genres namens "Afro-Trap". So nannte MHD seine Musik bereits Ende 2015, als er noch nicht ahnen konnte, dass seine Videos in den nächsten zwei Jahren über eine halbe Milliarde Klicks einsammeln, seine Spielart des Hip-Hop nicht nur unsere Popkultur, sondern auch das Selbstverständnis einer ganzen Generation afrikanischer Migranten in Europa beeinflussen würde. Die Botschaft: Wir packen unsere Chancen am Schopf. Und feiern uns und unser Leben.

"Mit Marketing", sagt Mohammed Sylla am Telefon, "hatte ich nie etwas am Hut. Ich war selbst erstaunt, wie viele Menschen sich in meinen Songs wiederfinden." Seine Stimme klingt viel schüchterner, als es die wilden "Pah, pah, pah"-Rufe in seinen Songs vermuten lassen. Am Anfang stand ein verwackeltes Selfie-Video. Mohammed hatte im Urlaub mit Freunden zu Musik der nigerianischen Band P-Square getanzt und sich dabei gefilmt. Warum nicht etwas dazu rappen? Und das Ganze auf Facebook und Twitter hochladen? Innerhalb weniger Tage wurde das Video zehntausende Male angesehen. Mohammed, dessen familiäre Wurzeln in Guinea und im Senegal liegen und der bis dahin von einem Job als Pizzalieferant lebte, hatte einen Nerv getroffen. Den Rest besorgte die Dynamik des Netzes.

Aus dem Video wird eine Serie: Afro-Trap eins bis neun. Ergänzt um einige romantischere Nummern, in denen er seiner Mutter dankt und den Familienzusammenhalt preist, wird daraus 2016 das selbst betitelte Album MHD. Allerdings hat Afro-Trap kaum etwas mit Trap, dieser aus den Strip-Clubs von Atlanta stammenden Hip-Hop-Mode, zu tun. Vielmehr sind es Anleihen bei der Musik der afrikanischen Eltern, bei Coupé Decalé, Rumba und Afrobeat, die den Afro-Trap-Nummern ihren unverwechselbaren Charme verleihen.

Dazu kommt MHDs unwiderstehlicher jugendlicher Optimismus: Bravo etwa, eines seiner jüngsten Videos, zeigt ihn als Party-Animateur irgendwo auf einem Dorfplatz in Südfrankreich, umringt von einer tanzenden Gruppe weißer und schwarzer Kinder. Meist aber wählt MHD das 19. Arrondissement als Kulisse, ein Pariser Viertel, in dem er aufgewachsen ist. Gutbürgerliche Architektur stößt hier auf afrikanisches Straßenleben. Die Banlieue und ihre Probleme mögen auch hier spürbar sein. Aber die Hip-Hop-üblichen Gangster-Mythologien interessieren MHD kaum. In seinen Videos tänzelt er in den Trikots seiner Lieblingsclubs Paris St. Germain und Bayern München durch die Straßen, seine Partyparolen spickt er mit den Namen seiner Kumpels, Bambara-Worten aus Mali und beninischen Fongbe-Phrasen. Fais le mouv heißen seine Hip-Hop-Hits oder Champions League. Selbst gebastelte Gruppen-Choreografien geben den Treibstoff, die Themen greifen auf, worüber die Clique eben so spricht. Fußball, Freundschaft und das Mädchen von nebenan. Und als die Fußballstars von St. Germain anfangen, nach jedem Tor MHDs Moula zu tanzen, ist der Rapper endgültig ein Superstar.

Die Zeit scheint reif für Afrika – auch im Hip-Hop. Westliche Major-Plattenfirmen nehmen zum ersten Mal afrikanische Hip-Hop-Stars unter Vertrag. Und MHD wird belohnt mit einem für französischsprachige Rapper seltenen Ritterschlag: eine Tour-Einladung nach Amerika. Die Echos von Afro-Trap sind zudem längst nach Westafrika zurückgehallt, wo MHD dieses Jahr einige der größten Fußballstadien füllte. "Ich fühlte mich", sagt er, "wie bei der Heimkehr des verlorenen Sohnes." Nun eröffnet MHDs Track Faut les wet die erste offizielle Kompilation des boomenden tropischen Hip-Hop-Bastards: Afrotrap Volume 1 versammelt einige der originellsten Stimmen des afrikanischen Hip-Hop in Afrika wie in der europäischen Diaspora. Zwar kann man die Texte von MHD, Sarkodie, Dabs, Eugy oder DJ Arafat kaum politisch nennen. Und doch reicht ihre Mission weiter als bis zur nächsten Party. Wenn sich afrikanischstämmige Migranten selbst repräsentieren, ist das ein politisches Statement. Europa ist bunter geworden. Und hat dank seiner Neubürger eine neue Lässigkeit entdeckt.

MHD: Afrotrap Volume 1 (Capitol Records)