Mitten in Dakar, der Hauptstadt des Senegal, gibt es ein Elektrogeschäft. Wer es besucht, kommt nicht auf die Idee, dass es der Knotenpunkt eines Wirtschaftsimperiums ist. Schlängelt man sich durch den Eingang, steht man in einem dunklen Raum. An der Verkaufstheke langweilt sich das Servicepersonal, auf den Regalen verstaubt die Ware. Wenn stimmt, was sich die Leute hier in Dakar erzählen, dann ist der Grund für den Staub, dass fast keiner der Kunden hierherkommt, um ein Bügeleisen oder einen Staubsauger zu kaufen. Fast alle, die hier sitzen oder stehen, warten auf den Mann im Hinterzimmer.

Der Herr des Hinterzimmers thront unter dem Porträt eines Marabuts, eines islamischen Geistlichen, in einem winzigen Raum, was ihn nicht daran hindert, die Erhabenheit eines Bankdirektors zu verbreiten. Ab und zu nickt er mit dem Kopf, worauf sich einer der wartenden Kunden ins Zimmer drückt. Durch die geöffnete Tür ist zu erkennen, wie der Hinterzimmermann fein säuberlich die Daten des Kunden in ein zerfleddertes Buch notiert und ihm ein Bündel Geldscheine überreicht.

Das Elektrogeschäft, das den Namen Mathlaboul Fawzaini trägt, ist Teil eines inoffiziellen Geldtransferservice, erzählt man hier. Eine Art Western Union, mit Filialen in New York, Dakar und der senegalesischen Stadt Touba. Nur eben schwarz, inoffiziell. Große Summen sollen hier bewegt werden, sagen die Informanten. So mancher habe mit seiner Hilfe Immobiliengeschäfte getätigt. Und dieser Geldtransferservice soll die Mitglieder einer sehr speziellen Glaubensgemeinschaft bedienen: der Mouriden.

Die Mouriden sind – sehr überspitzt formuliert – eine Art muslimischer Calvinisten. Sie stellen eine der vier mächtigen Sufi-Bruderschaften des Landes. Der Sufismus ist eine mystische nicht doktrinäre Schule des Islam. Im Senegal hat er sich im Laufe der Jahrhunderte mit den heimischen Kulturen verwoben, er wurde zu einer afrikanischen Religion. Den Mouriden ist die Arbeit heilig. Mit diesem Ethos sind sie aus ihrer Heimat Senegal in die Welt hinausgezogen.

Der Senegal ist das westlichste Land Afrikas und eines der derzeit stabilsten des Kontinents. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft um 6,6 Prozent, auch dank eines Infrastrukturprogramms, mit dem die Regierung das Land in eine aufstrebende Volkswirtschaft verwandeln möchte. Sie setzt dabei große Hoffnungen auf Gas- und Ölreserven, die vor der Küste entdeckt wurden. Viele Senegalesen aber bekommen vom Aufschwung nicht viel mit. Die meisten Wirtschaftszweige werden von ausländischen, vor allem von französischen Konzernen dominiert. Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 1000 Euro gehört der Senegal zu den 30 ärmsten Ländern der Welt. Reguläre Arbeitsplätze sind im Senegal heiß begehrt und schwer zu ergattern. 97 Prozent aller Unternehmen arbeiten laut senegalesischem Statistikamt inoffiziell. Ein großer Teil dieser inoffiziellen Unternehmer sind Mouriden. Sie, die einst als verarmte Erdnussbauern aus dem senegalesischen Hinterland in die Städte aufbrachen, haben ein weltweites Wirtschaftsnetz geschaffen. Und das beruht vor allem auf einem: Vertrauen.

Sieht man einen Afrikaner in New York auf der Straße Sonnenbrillen verkaufen oder in Rom Handtaschen, ist es nicht so unwahrscheinlich, dass es sich um einen Mouriden handelt. Mouriden kaufen in Guangdong, Hongkong und Dubai Containerladungen voll Kleidung, Turnschuhen, Elektrogeräten und schicken sie in den Senegal. Sie betreiben inoffizielle Logistikunternehmen, die Güter bis nach Gambia und Guinea-Bissau transportieren. Sie erwerben afrikanische Masken an der Elfenbeinküste und verkaufen sie an den Stränden Spaniens.

Die Mouriden sagen von sich, sie seien die erste Wirtschaftsmacht Westafrikas. Nancy Benjamin und Ahmadou Aly Mbaye nennen sie in einer Studie über den informellen Sektor im frankofonen Afrika immerhin "eine der dynamischsten Handelsgruppen in Afrika". Ihre genaue Zahl ist statistisch nicht erfasst, Schätzungen gehen von drei bis fünf Millionen Anhängern aus, im Höchstfall also ein Drittel der 15,4 Millionen Einwohner des Landes.