Ersmaneis. Eis muss bei Wilbers, heißt eigentlich Mehrhoff, das altmodische Café, jedenfalls am Rand vom Moerser Stadtpark. Bestellen Sie "einen Schlemmerbecher für auf die Hand". Mit dem gehen Sie zu den Bänken am gestauten Bach, der so tut, als wäre er ein See. Jedes Moerser Kind hat hier schon mal gesessen, sein Eis gespachtelt und mit der Waffel die Enten gefüttert. Das Füttern ist mittlerweile verboten. Wenn Sie die Enten sehen, verstehen Sie, warum.

Hören Sie den Leuten zu, die neben Ihnen sitzen. Der Moerser zieht gern die Wörter zusammen, wie man das auch im Ruhrgebiet, auf der anderen Rheinseite, macht. Aber anders als die Leute dort hat er es keineswegs eilig. Er dehnt seine Einwortsätze zu einer gemütlichen Melodie. Und wenn er mal tiefschürfend wird, stellt er eine Floskel voran, damit der Zuhörer gewarnt ist. Achwissense. Sangwamaso.

Zu groß, das Eis? Betrachten Sie es als Einstimmung. In Moers sind die Maßstäbe des Öfteren verrutscht. Eine Geradenochgroßstadt mit 105.000 Einwohnern, die an jeder Ecke mit Kaisern und Königen protzt, die bestenfalls mal durchgereist sind. Auch der Park ist natürlich ein Schlosspark, da gehen wir jetzt hinein. Folgen Sie dem Pfad, der am Bach entlangführt. In alter Zeit verlief hier der Stadtwall; heute hält ein Autobahnzubringer die Menschen noch wirksamer fern. Schauen Sie erst mal nur nach links, die Hände auf den Ohren. Da ragen Nussbäume und Trauerweiden ins träge grüne Wasser, ein bisschen Niederrheinmelancholie.

Dann kommt der Minigolfplatz. Nein, nicht spielen, wir haben noch was vor. Aber vielleicht sehen Sie den Mann mit dem roten Besen, der das Laub so sorgsam fegt, als zöge er die Muster in einem Steingarten nach. Dasehnsema, Zen können wir auch.

Der Park hat was: eine entspannende Aura der Ungenutztheit. Er ist nämlich viel zu groß für die Stadt. Solitäre Bäume teilen sich die Wiesen mit angemooster Kunst im öffentlichen Raum. Hier trödeln sogar die Eichhörnchen. Aber Sie kehren mal lieber um, sonst verirren Sie sich am Ende noch.

Sehen Sie das Backsteinhaus mit dem kantigen Türmchen? Genau, das ist das Schloss. Heute ein hübsches kleines Museum zur Stadtgeschichte. Eine Karte zeigt Moers im Mittelalter: drei Inseln im "Meer". So hieß bei den Oraniern das alte Rheinbett, das damals noch Wasser führte. Die Inselmentalität hat sich gehalten. Ist ja hier sonst nicht viel: im Osten Duisburg und Konsorten, ganz anderer Menschenschlag. Im Westen ein paar -kerks und -donks, wo der Niederrhein Richtung Holland ausläppert. Da ist es nicht so leicht, sich als Kulturgroßstädtchen zu behaupten.

Schlendern Sie durch die Steinstraße, eine der ältesten Fußgängerzonen Deutschlands. Die Läden machen wenig her, aber Kopf hoch, dann wird es besser. In den Obergeschossen der Häuser sieht man, wie reich diese Stadt einmal war: Jugendstilfassaden, geschmückte Erker; Backstein und Fachwerk wechseln sich ab. Als in den Siebzigern halb Deutschland seine Altbauten abriss, waren die Moerser zu träge, ersmakucken. Darum gibt es heute noch so viel zu sehen.

Ignorieren Sie den Pommesgeruch am Altmarkt, wo die Gaststätten Dubrovnik oder Café Extrablatt heißen. Schauen Sie sich lieber dieses prächtige schmale Haus aus dem 17. Jahrhundert an, das mit den glockenförmigen Giebeln und dem Glockenspiel. Schöner haben sie auch in Amsterdam damals nicht gebaut.

Gehen Sie die Steinstraße bis ans Ende, auf einen Sprung zu Braun. Das familiengeführte "Mode-Center" trotzt nicht nur dem Kaufhaussterben; es wächst immer weiter und okkupiert mittlerweile einen ganzen Häuserblock. Sehenswert ist Braun plus, ein Kaufhaus im Kaufhaus für kräftigere Kunden "bis Gürtellänge 1,5 Meter". Die entsprechend gebauten Kleiderpuppen stehen würdevoll zwischen den Regalen und fixieren die Sportabteilung.

Das Gegenprogramm finden Sie einen Block weiter. Sie müssen durch das Tor in der Fieselstraße, auch wenn es privat aussieht. Hinter den Häusern liegt ein Gang, den man im Volksmund "die Zwergengasse" nennt. Die heißt nicht so, weil sie so schmal ist, sondern wegen der zwölf bunten Zwerge, die seit hundert Jahren auf einer Mauer thronen. Sie verkörpern diverse Stände vom Schultheiß bis zum Braumeister.

Wenn Sie davorstehen, glotzen Sie unvermeidlich auch dem Hausbesitzer in die Küche. Er hat ein Sparschwein auf die Fensterbank gestellt: Bitte einen Euro für die schöne Aussicht! Niederrhein-Humor, versteht nicht jeder. Gerade hat wieder ein Dieb das Schweinchen zerdeppert. Werfen Sie eine Münze durch die Katzenklappe, bevor sie gehen – für die Aufstellung eines neuen.