Als Lenins Bolschewiki zum letzten Schlag gegen die Regierung ausholen, zieht Fjodor Schaljapin seinen Maßanzug aus dem Mahagonischrank, einen Dreiteiler aus einer der feinsten Londoner Schneidereien. Der gefeierte Opernstar soll am Abend die Hauptrolle in Verdis Don Carlos singen. Schaljapin blickt noch einmal in den Spiegel an der kobaltblauen Wand des Schlafzimmers und rückt seine Fliege zurecht. Dann wirft er einen Mantel mit Pelzbesatz über und geht. Seine Wohnung liegt in einem dreistöckigen Haus unweit des Steininsel-Prospekts in Petrograd, wie St. Petersburg seit 1914 heißt. Auf dieser Hauptstraße kämpft er sich im Schneeregen voran zum Theater. An einer Ecke hat sich eine Handvoll kräftiger Männer versammelt, jung, zornig, laut. Sie entdecken Schaljapin und mustern ihn grimmig. Sie sehen den edlen Mantel, die englischen Schuhe. Den berühmten Sänger erkennen sie nicht, ein Opernhaus haben sie nie von innen gesehen. Schaljapin bekommt es mit der Angst zu tun. Sind es Räuber, womöglich Mörder? Doch sie trachten ihm nicht nach Geld oder Leben. Sie wollen mehr: sein Land.

Der 25. Oktober 1917 – nach gregorianischem Kalender der 7. November – ist der Tag, an dem Schaljapin seine Heimat verliert. Das alte Russland geht unter, und alsbald wird ein neues Land, die Sowjetunion, geboren. Dieser Tag stellt die Welt auf den Kopf, er markiert, so sehen es viele Historiker, den eigentlichen Beginn des 20. Jahrhunderts. Die größten Hoffnungen, die größten Umwälzungen, die größten Verbrechen hat dieses "Jahrhundert der Extreme" (Eric Hobsbawm) zu bieten. Vieles davon nimmt in der Machtergreifung der Bolschewiki in Petrograd seinen Anfang. Die Revolution zieht sich über viele Jahre hin. Aber der 25. Oktober ist der Wendepunkt. Diesen Tag hat die Sowjetunion zum Tag der Volksrevolution herausgeputzt. Filme machten ein Heldenepos daraus und verklärten die bolschewistischen Revolutionäre zur Avantgarde des Volks.

Für die Zeitgenossen in Petrograd fühlte sich dieser Tag anders an. Von einem bolschewistischen Artilleristen namens Rodionow ist der Satz überliefert: "Was ist das für eine Revolution, wenn wir die Macht ergreifen und alle ins Theater gehen, als wäre nichts geschehen!"

Der Opernstar Fjodor Schaljapin (1873 bis 1938) © ullstein

In der Oktoberrevolution ist das Volk – anders als beim Sturz des Zaren in der Februarrevolution – nicht wirklich dabei. Viele Russen laufen erst in den Jahren des Bürgerkriegs zu den Bolschewiki über. Der "Rote Oktober" ist mehr Machtergreifung als Massenereignis, mehr Putsch als Volkserhebung. Während Hunderttausende desertierte Soldaten planlos durch die Stadt streifen und einige Bolschewiki zielstrebig Gebäude um Gebäude einnehmen, geht das Petrograder Leben einfach weiter. Die Menschen gehen spazieren, fahren Straßenbahn oder kaufen Lebensmittel. Im Mariinski-Theater wird die Oper Boris Godunow aufgeführt. Im Volkshaus steht Don Carlos mit Fjodor Schaljapin auf dem Programm. Nur wenige, wie die exzentrische Dichterin Sinaida Hippius, sind beunruhigt. Den gesamten Tag über versucht sie zu erfahren, was vor sich geht.

Unter den Augenzeugnissen jenes Tages ragen die Tagebücher des Sängers und der Dichterin heraus. Sie zeigen, wie das welthistorische Beben schrittweise, fast unmerklich die Normalität erschüttert. Stell dir vor, es ist Revolution – und kaum einer geht hin! Das böse Erwachen kam erst später.

Fjodor Schaljapin löst den Blick von den zornigen jungen Männern an der Hausecke. Daneben hat sich eine ungleich größere Gruppe versammelt, viele Soldaten sind darunter. Schaljapin hört Gebrüll. Hoch oben auf einem Balkon steht ein Mann und grölt der Menge durch den Herbstwind etwas zu. Schaljapin kennt das Haus: Es ist die Stadtvilla der Ballerina Matilda Kschessinskaja, die einst – Skandal! – den jungen Zaren Nikolaus verführt hat. Jetzt steht ihr Anwesen, erbaut im schönsten Petersburger Jugendstil, leer, Kschessinskaja ist in den revolutionären Wirren des Jahres 1917 aufs Land geflohen. In der Villa haben die Bolschewiki ihr Hauptquartier eingerichtet, der Balkon ist ihre Bühne. Von hier können sie durch die entlaubten Bäume über den Newa-Fluss fast bis zum Winterpalast schauen, in dem die Provisorische Regierung sitzt. Der Redner sagt der zornigen Menge, dass die herrlichen Schlösser Petrograds dem Volk gehören. Die Bewohner dieser Paläste sollten "wie Gewürm ausgerottet" werden.

Schaljapin schaudert es vor Kälte. Er geht voran zum Volkshaus nahe der Newa, einem Bühnenhaus in einem Vergnügungspark, erbaut noch unter Nikolaus II. Dort soll er singen. Als er das von gusseisernen Bögen getragene Foyer betritt, ahnt er nicht, dass Anhänger der Bolschewiki gerade das Kriegsministerium besetzen.