DIE ZEIT: Wir holen uns unser Land zurück, hat der AfD-Politiker Alexander Gauland gesagt. Können Sie sich Hamburger vorstellen, die sagen: Dies ist nicht mehr unser Land oder unsere Stadt?

Olaf Scholz: Die allermeisten in dieser Stadt würden diesen Satz nicht unterschreiben, sondern irritierend finden. Denn dies ist unser Land und unsere Stadt.

ZEIT: Jemand wohnt auf der Veddel, die deutschsprachigen Nachbarn sind weggezogen, mit den Türken und Albanern kann er nicht sprechen, seine Kinder besuchen eine Schule, in der Deutsch für die meisten eine Fremdsprache ist. Ist es verständlich, wenn so jemand sagt: Dies ist nicht mehr mein Land?

Scholz: Alle Kinder, die in Hamburg zur Schule gehen, müssen gut Deutsch sprechen lernen. Unsere Schulen müssen so gut sein, dass alle Kinder in der nächstgelegenen Schule gute Entwicklungsmöglichkeiten haben. Das können die Bürger erwarten. Darum investieren wir so viel in Krippen, Kitas und Ganztagsschulen mit kleinen Klassen.

ZEIT: Die AfD hat in Hamburg an einigen Orten gut abgeschnitten, an denen es Kontroversen um Flüchtlingsunterkünfte gab.

Scholz: Ich denke nicht, dass es da einen ausschließlichen Zusammenhang gibt. Wir haben uns in Hamburg darum bemüht, Flüchtlinge nicht nur in den Stadtteilen unterzubringen, wo viele Menschen wenig verdienen, sondern bewusst auch dort, wo es wirtschaftlich besser läuft.

ZEIT: Wenn es einem selbst wirtschaftlich nicht gut geht, auch dem ganzen Stadtteil nicht, und dann noch ein Flüchtlingsheim in der Nähe hinzukommt – vielleicht ist das für einige der Moment, in dem sie sagen: Es reicht.

Scholz: Wir müssen dafür Sorge tragen, dass es keine vergessenen Orte und Stadtteile gibt. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass man wissen kann, dass die Polizei überall für Sicherheit sorgt. Und dafür, dass der öffentliche Raum überall sauber und gepflegt ist. Es wird immer Stadtteile geben, in denen mehr arme, und solche, in denen mehr wohlhabende Bürgerinnen und Bürger wohnen. Trotzdem muss Hamburg eine Stadt bleiben, wo Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichem Einkommen in derselben Nachbarschaft gut miteinander leben können. Wenn uns das gelingt, haben wir eine gute Aussicht, dass wir den Zusammenhalt unserer Stadtgesellschaft erhalten können.

ZEIT: Die neue Straßenreinigungsgebühr ist demnach ein Beitrag zur Bekämpfung des rechten Populismus?

Scholz: Es war ein Fehler, jahrzehntelang bei der Straßenreinigung zu sparen, sodass die öffentlichen Räume immer weniger intensiv gereinigt wurden. Deshalb werden wir die Zahl der Beschäftigten verdoppeln, die sich in Hamburg um die Sauberkeit kümmern. Wir wollen alle Gegenden gepflegt halten, überall in der Stadt, das ist die Botschaft. Und natürlich hat das etwas mit Integration und Zusammenhalt zu tun. Das ist der ganze Grund, warum wir das machen.

ZEIT: Der Aufstieg der Populisten, schreiben Sie in Ihrem Buch Hoffnungsland, erfordere einen "populistischen Moment", und das sei in Deutschland der Sommer der offenen Grenzen 2015 gewesen. Ist das eine etwas anspruchsvollere Art zu sagen: Merkel ist schuld?

Scholz: Nein. Aber es gibt keinen Grund, so zu tun, als wäre da nichts gewesen. Es war nicht gut, dass es 2015 so aussah, als ob der deutsche Staat die Kontrolle verloren hat. Das verunsichert, und wir haben gerade in Hamburg seither viel dafür getan, dass eine solche Situation nicht wieder eintritt.

ZEIT: Das Thema Kontrollverlust bewegt die Leute sehr ...

Scholz: Zu Recht!

ZEIT: ... auch während des G20-Gipfels ist dem Staat die Kontrolle zeitweise entglitten. Hat das zum schlechten Wahlergebnis der SPD in Hamburg beigetragen?

Scholz: Wer weiß das schon genau? Das hatte möglicherweise auch einen Einfluss, aber nach meiner Einschätzung keinen entscheidenden. Tatsächlich haben wir in Hamburg fünf von sechs Wahlkreisen gewonnen und das einzige Überhangmandat der SPD in Deutschland erreicht. Kein so schlechtes Ergebnis in einer schwierigen Situation. Ich will aber nicht verhehlen, dass wir uns ein besseres Ergebnis bei den Zweitstimmen gewünscht hätten.

ZEIT: Die SPD hat hier mehr Zweitstimmen verloren als in jedem anderen Bundesland. Es liegt nahe, nach hiesigen Ursachen zu fragen.

Scholz: Die SPD hat insgesamt ein schlechtes Ergebnis erzielt, und das hat sich auch in Hamburg niedergeschlagen. Viele Hamburger haben sich entschieden, ihre beiden Kreuze unterschiedlich zu verteilen. Der SPD gaben sie die Erststimme. Dabei spielte sicher eine Rolle, dass die Hamburger Bundestagsabgeordneten der SPD traditionell direkt über ihre Wahlkreise gewählt werden.