Hat sich schon jemand gefragt, ob ausgerechnet das Reformationsjubiläum der richtige Zeitpunkt ist, die Ökumene voranzutreiben oder gar zu der umstrittenen Abendmahlsgemeinschaft von Katholiken und Lutheranern zu finden? Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki ist jedenfalls ganz entschieden nicht dieser Meinung. In einem schon vorab viel umraunten und kommentierten Beitrag für die "Herder Korrespondenz" erinnert er die protestantische Seite mit beschwörenden Worten an die Positionen Luthers, die einer Kirchenversöhnung entgegenstehen. Die Botschaft der listigen, gewissermaßen mit verstellter Stimme vorgetragenen Argumentation lautet, den Lutheranern verschwörerisch ins Ohr geflüstert: Ihr wollt es doch auch nicht.

Das könnte sogar stimmen. Freilich bildet diese Botschaft einen erkaltenden Gegensatz zu der überbordenden Freundschaftlichkeit, mit der im Lutherjahr die beiden Konfessionen ein gemeinsames "Christusfest" gefeiert haben, gemeinsam ins Heilige Land gepilgert sind und eine evangelische Delegation sich beim Papst die vage Aussicht auf Zulassung gemischt-konfessioneller Ehepaare zur katholischen Kommunion andeuten ließ. Aber Woelki ruft geschickt noch einmal die Panik ins Gedächtnis zurück, mit der 1999, kurz vor Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung (GE) zur Rechtfertigungslehre, evangelische Theologen gegen einen faulen Kompromiss protestiert haben.

Die Überwindung trennender Lehrtraditionen führt auf ein heikles Gelände, angstbewehrt und vermint – von beiden Seiten. Die GE gilt inzwischen nicht mehr als Kompromiss, schon gar nicht als fauler. Aber es gibt noch allerlei anderes Trennendes: Streit um Sinn, Wesen und Bedeutung der Eucharistie, vor allem aber um das rechte Verständnis von Kirche. Ist die eine heilige, allgemeine und apostolische Kirche, auf die sich beide Konfessionen im Glaubensbekenntnis berufen, nun als sichtbar oder unsichtbar zu denken? Für die katholische Seite ist sie sichtbar, gewissermaßen Fleisch geworden auch in den irdischen Institutionen ihrer Amtskirche. Für die protestantische Seite gilt: "Die Kirche im Singular wird nach evangelischem Verständnis immer verborgen bleiben. Als sichtbare äußere Kennzeichen der Einheit genügen die Verkündigung des Evangeliums und die Feier der Sakramente ... Es gibt keine mit Heiligkeit versehene äußere Ordnung der Kirchen."

So jedenfalls hat es einmal der evangelische Bischof Wolfgang Huber unter dem Titel Kirche der Freiheit in einem der Papiere formuliert, die den besonderen Unwillen Woelkis hervorgerufen haben. Ganz sicher ist der Bezug nicht; Woelki nennt das Schlagwort "Konfession der Freiheit", das sich so wörtlich nicht finden lässt. Aber das tut nichts zur Sache; an der Position gibt es nichts zu rütteln. Protestanten glauben nun einmal nicht an die Heiligkeit irdischer Institutionen, an die der Ehe ebenso wenig wie an die der amtlichen Kirche. Sie verweigern das nicht aus Frivolität, Wurschtigkeit oder mangelnder Glaubensfestigkeit, sondern aus gesteigerter Ehrfurcht vor der Sphäre des Heiligen und gesteigerter Skepsis gegenüber der Tugendhaftigkeit und Vollkommenheit menschlicher Werke.

Gewiss hat man im unterschiedlichen "Amtsverständnis" der Kirchen, wie es auch gern etwas heruntergekühlt formuliert wurde, immer ein entscheidendes Verständigungshindernis gesehen. Aber man hat es doch, verglichen mit Fragen der Gnade und Rechtfertigung, als minderen Bekenntnisgegenstand behandelt – als etwas, das auch dem persönlichen, vielleicht narzisstischen Selbstverständnis der Geistlichkeit zu nahe rückt, um vollen Glaubensernst entfalten zu können.

Kardinal Woelki gibt nun der Frage nach dem rechten Kirchenverständnis ihre volle, spaltende Wucht zurück. Er behandelt sie nicht als eine, die anderen Glaubensfragen nebengeordnet ist, sondern als eine, die dem Bekenntnis zentral ist: Wenn Lutheraner und Katholiken über die Sichtbarkeit der "einen" Kirche unterschiedlich denken, bekennen sie nicht denselben Glauben. Wenn sie aber nicht denselben Glauben bekennen, können sie nicht gemeinsam kommunizieren. Letzteres gilt übrigens tatsächlich für das Eucharistie- beziehungsweise Abendmahlsverständnis beider Konfessionen, und zwar unbestreitbar.

Damit hat sich aber, bevor man überhaupt die Behandlung gemischtkonfessioneller Paare ins Auge fasst, auch schon der ganze ökumenische Gedanke erledigt. Bekenntniseinheit ließe sich in der Lesart Woelkis nur durch Kircheneinheit herstellen – eine faktische Kircheneinheit wohlgemerkt. Es würde nicht genügen, wenn Protestanten ihre Skepsis gegenüber der Heiligung irdischer Institutionen überwänden. Sie könnten die "eine" heilige Kirche nur dann als sichtbar bekennen, wenn sie die ihre aufgäben (oder die Existenz einer zweiten Kirche schlicht ignorierten). Das heißt: Entweder wird die Kirchenspaltung überwunden – oder jede Annäherung ist haltloses Geschwätz. Darum eröffnet Kardinal Woelki auch seinen Aufsatz mit einer Polemik gegen die ökumenische Beschwichtigungsformel von der "versöhnten Verschiedenheit". Die Verschiedenheit lässt sich nach seinem Verständnis nur aufheben – nicht versöhnen.