DIE ZEIT: Frau Bührer Fecker, Sie sind noch keine 40, haben eine erfolgreiche Firma aufgebaut, zwei Kinder zur Welt gebracht: Hat sich der ganze Stress gelohnt?

Bührer Fecker: Ja, weil ich das Gefühl habe, heute an einem Punkt zu stehen, den ich mir früher nicht vorstellen konnte. Das fühlt sich recht gut an. Ich kann selber entscheiden, wie ich mein Leben gestalten möchte. Andere kommen früher an diesem Punkt in ihrem Leben an, für mich brauchte es zuerst diesen Berg, den ich überwinden musste: dieses Machen, Schaffen und Kreieren. Erst jetzt fühle ich mich so frei.

ZEIT: Wenn man Ihr Buch # Frauenarbeit liest, ein Ratgeber für junge Frauen, die ins Berufsleben einsteigen, erhält man den Eindruck: Da schreibt eine sehr ehrgeizige, sehr leistungsorientierte Frau, die alles für ihre Karriere gegeben hat.

Bührer Fecker: Das ist halt vom Typ abhängig. Ich bin so. Ich bin davon beflügelt, ich möchte meine Welt so gestalten, wie sie mir gefällt. Unterm Strich hat sich das ausgezahlt.

ZEIT: Haben Sie sich rückblickend oder als Sie das Buch geschrieben haben, nie gedacht: Wieso habe ich es damals, sagen wir mit Ende zwanzig, nicht mal easy genommen?

Bührer Fecker: Gut, mein Buch geht nicht ums Easynehmen (lacht). Es klingt unglaublich arrogant, aber man hat unter dreißig viel mehr Zeit zur Verfügung, als man eigentlich meint. Nur investieren unglaublich viele junge Leute ihre Zeit lieber ins Abhängen, ins Sinnieren, ins Grübeln. Ich habe meine Zeit lieber ins Anpacken investiert. Das will ich den jungen Frauen weitergeben.

ZEIT: Woher kommt dieser Ehrgeiz?

Bührer Fecker: Ich weiß nicht genau, wo die Wurzeln meines Ehrgeizes liegen. Aber ich machte bereits als Kind Leistungssport.

ZEIT: Sie haben wettkampfmäßig gerudert ...

Bührer Fecker: ... und später machte ich auch Triathlon. Ich war bereits mit zwölf Jahren darauf bedacht, sehr unabhängig zu sein. Ich habe rebelliert, indem ich einfach Vollgas gegeben habe. Ich merkte: Wenn ich sage, ich will jeden Tag trainieren, dann kann mir niemand sagen: "Nein, das darfst du nicht."

ZEIT: Auch später machten sie ohne Umwege weiter. Nach der Matura sind Sie direkt ins Berufsleben eingestiegen.

Bührer Fecker: Klar, ich hätte auch studieren und etwas mäandrieren können, aber ich war dann sehr früh in einem Betrieb, bei Honegger/von Matt, wo es komplett stimmte für mich. Ich hatte bis heute nie eine Krise, in der ich mich fragte: Was mache ich hier eigentlich? Das eine hat sich immer leichtfüßig aus dem anderen ergeben.

ZEIT: Sie betonen in #Frauenarbeit immer wieder, wie wichtig es für Frauen sei, in jungen Jahren viel zu arbeiten. Wie fühlt sich viel arbeiten an?

Bührer Fecker: Das ist eine huere spezielle Frage.

ZEIT: Ich frage, weil Sie als Sportlerin sicher schon ein "Runner’s High" erlebt haben. Kennen Sie auch ein "Worker’s High"?

Bührer Fecker: Nein, aber ein "Wissens-High". Ich grabe mich unglaublich gern für ein paar Monate tief in ein Thema hinein.

ZEIT: Wie war das bei Ihrer jüngsten großen Arbeit, die Sie mit Ihrer Agentur gemacht haben, der Kampagne für Schweizer Holz?

Bührer Fecker: Ich recherchiere alles über Schweizer Holz. Lasse die Infos, die Daten, die Fakten auf mich einprasseln und versuche darin einen roten Faden zu finden. Für den Schweizer Holzmarkt gibt es nur wenig Marktforschung. Also besuchte ich Sägewerke, Schreinereien, telefonierte mit Unternehmern. Früher klapperte ich jeweils bis zu 30 Betriebe ab, heute noch rund 10.

ZEIT: Machen Sie das allein oder im Team?

Bührer Fecker: Wir sammeln die Informationen im Team. Den strategischen roten Faden finde ich im Gespräch mit anderen oder allein. Wenn ich vor dem Computer sitze, Excel-Tabellen studiere, habe ich Kopfhörer auf, damit ich nicht gestört werde. Ich muss diesen Prozess selber erleben. Nur so finde ich einen Gedanken, der einen roten Faden bilden könnte. Der ist dann vielleicht nicht bahnbrechend, aber noch niemand hat ihn richtig artikuliert.

ZEIT: Was war dieser Gedanke beim Schweizer Holz?

Bührer Fecker: Die Schweizer mögen den Wald als Naherholungsgebiet und haben auch eine Vorliebe für das Material Holz. Aber den meisten Menschen ist es ziemlich egal, woher das Holz für ihr Küchenbrettchen, ihr Bett oder ihr Haus stammt. Hauptsache, es sieht schön aus und ist möglichst günstig.

ZEIT: Das wollten Sie ändern?

Bührer Fecker: Wir wollten, dass die Menschen einen Bezug herstellen zwischen dem Wald, den sie lieben, dem Baum, der dort 50 bis 200 Jahre wächst, bis er gefällt wird, und dem Holz, das so entsteht. Wenn man das begreift, ist es plötzlich nicht mehr egal, woher das Material der Möbel stammt, die man täglich berührt. Aber nur kurz, damit es keine Missverständnis gibt: Ich arbeite übrigens nicht mehr 100 Stunden pro Woche! Ich arbeite wirklich weniger, seit ich Kinder habe.

ZEIT: Sie entschuldigen sich fast. Muss man sich als Frau rechtfertigen, wenn man viel arbeitet?

Bührer Fecker: Die meisten Menschen denken, ich arbeite Tag und Nacht. Das stimmt nicht. Früher habe ich das gemacht, aber da war ich nicht die Einzige. In der ersten Agentur, in der ich arbeitete, brannten die Lichter bis Mitternacht.

ZEIT: Als Agenturchefin beweisen Sie nun, dass es auch anders geht. Heißt das: So viel zu arbeiten ist in Tat und Wahrheit völlig ineffizient?

Bührer Fecker: Nein, ich wäre heute nicht so genau und so sicher bei dem, was ich mache, wenn ich nicht diese Menge an Erfahrung gesammelt hätte – und das geht nur mit viel Arbeit. Kennen Sie das Buch Hitze von Bill Buford?

ZEIT: Ja.

Bührer Fecker: Buford war Journalist und wollte wissen, wie man ein Schwein richtig zerlegt. Deshalb arbeitete er ein Jahr lang in der Küche eines Sterne-Restaurants. Wie lernt er dort richtig gut Zwiebeln schneiden? Indem er 100 Kilogramm Zwiebeln schneidet. Ohne Training geht es nicht. In keiner Branche.