Wer dieser Tage schnelles Geld am Golf machen will, sollte nicht in Öl, sondern in Fahrschulen investieren. Ab 2018 dürfen Frauen in Saudi-Arabien ans Steuer. So will es der König. Mit einigen Hunderttausend Fahrschülerinnen darf man zwischen Riad und Dschidda durchaus rechnen.

Dass es solche Verbote Anfang des 21. Jahrhunderts überhaupt noch gibt, gilt aus westlicher Sicht gern als Ausweis der besonderen Rückständigkeit islamischer Gesellschaften. Doch man sollte zur Kenntnis nehmen, dass zwischen Casablanca und Teheran ein gesellschaftlicher Umbruch im Gang ist, der lange vor den Arabellionen 2011 begonnen hat: die Auflösung alter Geschlechterrollen. Das ist zunächst eine Feststellung, keine Wertung.

Dabei haben Frauen (und Männer) in der Region gerade eine ganze Reihe von Erfolgen erzielt. In Tunesien verabschiedete das Parlament im Juli ein Gesetzespaket, das die Straffreiheit für Vergewaltigung abschafft. Die galt bislang, wenn der Täter sein Opfer heiratete. Nun soll auch die Benachteiligung der Tunesierinnen im Erbrecht auf den Prüfstand – und hoffentlich bald in den Mülleimer. Jordanien, Marokko und Libanon folgten und schafften ebenfalls ihre Heirate-deinen-Vergewaltiger-Gesetze ab.

Nur: Reicht es, sich auf Frauenrechte zu konzentrieren?

Die jüngsten Reformen geschehen zu einem Zeitpunkt, da in den arabischen Staaten überall – im Gegenzug zu den Aufständen des Jahrs 2011 – die Repressionsschraube immer fester angezogen wird. Das gilt auch für Länder, in denen die Protestbewegungen durch kleinere Reformen zunächst befriedet worden waren wie zum Beispiel in Marokko und Saudi-Arabien. Autoritäre Regime, sagt die saudische Sozialwissenschaftlerin Madawi al-Raschid, haben Frauenrechte immer taktisch eingesetzt – um ihr Image im Westen aufzubessern oder um Islamisten einzudämmen.

Nun sind die Abschaffung der Straffreiheit für Vergewaltigung oder des Fahrverbots für Frauen zweifellos auch dann zu begrüßen, wenn sie aus rein taktischen Gründen erfolgen. Aber Al-Raschid berührt einen zentralen Punkt: Während der saudische König und sein Sohn und Thronfolger sich für den jüngsten Erlass feiern lassen, ist im Königreich eine Verhaftungswelle gegen jene im Gang, die nur den Hauch von Kritik an der Monarchie riskieren – egal ob säkular oder religiös. Gleichzeitig hat das Königshaus einen radikalen Umbau des saudischen Wirtschafts-und Sozialsystems geplant, der dringend nötig ist, aber fast ausschließlich auf neoliberale Maßnahmen setzt. Soziale Gerechtigkeit, in Saudi-Arabien ein weit größeres Problem als im Westen gern vermutet, ist dabei kein Thema.

In den ärmeren arabischen Ländern stellt sich die Lage noch dramatischer dar. Mit der Niederschlagung der Arabellionen kam in den meisten Fällen nicht nur Krieg oder blutige Restauration, sondern auch die Erkenntnis, dass es immer noch keine Jobs gibt, die ein Leben in Würde erlauben. Das gilt selbst für Tunesien, das einzige politische Erfolgsbeispiel des Arabischen Frühlings. Der entscheidende Punkt dabei ist: Soziale Gerechtigkeit ist immer auch ein Geschlechterthema. So horrend die Diskriminierung von Frauen in diesen Gesellschaften immer noch sein mag, ihre Wege zu alternativen Rollenbildern sind ziemlich klar: mehr Bildung, mehr Unabhängigkeit, mehr sozialer Freiraum, um Ehe, Kinder und Beruf, Tradition und individuelle Freiheit zu vereinbaren. Die Männer aber stecken in einer Sackgasse. Für sie gibt es bis auf Weiteres nur das Rollenbild des Herren über Einkommen und Ehre in Gesellschaften, in denen ihnen auch ein Studienabschluss keinen Job mehr bringt, mit dem sie überhaupt eine Familie gründen könnten. Man muss sich nicht wundern, wenn einige dieser Abgehängten dann den nächsten Backlash anführen, der im Nahen Osten eben oft religiöser Art ist.

Das ist kein Argument gegen den Kampf für Frauenrechte, sondern für deren Einbettung in den Kampf um Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit. Kommt einem in den Zeiten von Trump, Le Pen und AfD bekannt vor? Stimmt. Es ist weder eine islamische noch eine arabische Debatte. Sondern eine globale.