Das Szenario sieht folgendermaßen aus: Es ist spät in der Nacht. Man sitzt hinterm Steuer, die schmale Straße führt durch einen Wald, das Scheinwerferlicht tanzt an den Baumstämmen entlang, als hinter einer Kurve – Vorsicht!!! – plötzlich ein umgestürzter Lkw auf dem Asphalt liegt. Bremsen geht nicht mehr, jetzt gilt es, sich an das in der Fahrschule Gelernte zu erinnern: den Blick konzentriert auf die Lücke zwischen Lkw und Baumstämmen richten, durch die man noch durchkommen kann, um den Unfall zu verhindern. Bloß nicht gebannt vor Angst auf den Punkt der möglichen Kollision starren, sonst steuert man den nämlich an, und dann wird es arg.

Könnte, müsste man, so die Frage, um die es hier gehen soll, dieses Prinzip des konzentrierten Blicks auf den rettenden Ausgang nicht vielleicht auch auf andere Bereiche des Lebens anwenden? Wenn es beispielsweise um Nachrichten geht, da ist ja, das Gefühl hat man bisweilen doch, das Interesse dermaßen stark auf das Schlimme und das mögliche Übel gerichtet, dass man es nachgerade herbeiruft, heraufbeschwört. War, so fragten sich manche beispielsweise, der Erfolg der sogenannten Alternative für D nicht vielleicht auch das Resultat einer Berichterstattung, die über kaum etwas anderes mehr reden beziehungsweise schreiben wollte?

Und dann ist dieses Wahlergebnis, global gesehen, doch bloß eine Marginalie! Es gibt ja noch viel größere Sorgen. Atomkonflikte oder Hurricans zum Beispiel. Da wird ja auch immer nur geunkt und über Endzeitszenarien spekuliert. Das Fahrschulbeispiel legt doch aber nahe, dass es keinen sichereren Weg in die Katastrophe gibt als den, auf dem man an nichts anderes denkt.

Es soll daher an dieser Stelle mal ein Versuch unternommen werden. Richten wir den Blick sozusagen auf die rettende Lücke, den Punkt, den wir erreichen wollen. Schauen wir auf die guten Neuigkeiten!

Und da, sieh an, springt doch auch gleich etwas ins Auge. Der Schneeleopard, ausgerechnet der elegante Schneeleopard, diese scheue, silbrige Großkatze, deren surreale Heimat die eisig glitzernden Höhen des Himalaya-Gebirges sind, dieses Symbol des Artenschwundes ist, so hört man, nicht mehr vom Aussterben bedroht. Was, wirklich? Ja, wirklich, man mag es doch gar nicht glauben, wie haben wir das denn geschafft, so ein Tierchen ausnahmsweise mal nicht auszurotten? Freude, Erleichterung und Stolz, ja so etwas wie zarte Hoffnung gar regt sich in der Brust. Erbauliche Gefühle. Sollten wir nicht viel häufiger über solche Dinge berichten, statt immer nur niederzuschmettern?

Denken wir also an den Schneeleoparden und nicht an den derzeit aufs offene Meer hinaustreibenden Teneriffa-großen Eisberg A68, der ein Vorbote sein könnte von immensen Schmelzprozessen in der Antarktis, in deren Folge die Meeresspiegel um mehrere Meter ansteigen würden, sodass weltweit Inselarchipele und Küstenstädte verloren wären. Denken wir an den Schneeleoparden und nicht an die Stürme, die in immer größerer Heftigkeit und Frequenz den Planeten verwüsten, an den Schneeleoparden, nicht an das sterbende Great Barrier Reef, an den Schneeleoparden, nicht daran, dass jedes Jahr Tausende andere Arten ausgerottet werden. Denken wir doch mal nicht daran, dass offenbar der Planet stirbt, und auch nicht daran, dass Trump und Kim über Krieg sinnieren, die Türkei und der Iran vor Kurdistan Manöver abhalten, Rohingya in Bangladesch in Flüchtlingscamps vegetieren und in Zentralafrika Kinder in giftigen Minen versklavt werden, denken wir nicht an Gauland und Weidel und Höcke, sondern freuen wir uns, dass wir eine bestimmte Kreatur weiterhin in freier Natur bewundern dürfen.

Vielleicht, vielleicht kommt es dann ja doch nicht zur Katastrophe, wenn wir einfach nur ganz starr auf die schönen Dinge gucken und alles Finstere ignorieren, wie Kinder, die im Dunklen singen, all die blöden Nachrichten, die schlechte Laune machen. Wenn wir das konzentriert genug machen, wer weiß, vielleicht gehen sie dann ja sogar einfach weg, ganz so, als würde der Lkw, in den wir gleich reinknallen, einfach weggezaubert.

Simsalabim!