Wie viel Unterricht fällt an Deutschlands Schulen wirklich aus? Die meisten Kultusminister behaupten: wenig. Folgt man den Schulbehörden, werden allenfalls zwei bis drei Prozent des Unterrichts nicht gegeben. Doch diese Zahlen sind falsch, sie schönen den Alltag an deutschen Schulen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine gemeinsame Untersuchung von ZEIT und ZEIT ONLINE. Wir haben dafür unsere Leserinnen und Leser um Mithilfe gebeten und wurden dabei vom Marktforschungsteam der Hamburger Firma Statista unterstützt.

Unsere bundesweite Befragung von Lehrern, Eltern und Schülern ergibt: Es fällt mehr als doppelt so viel Unterricht aus, wie die Behörden und Bildungsminister behaupten. Es sind nicht bloß zwei Prozent aller Stunden, sondern in Wirklichkeit gut fünf Prozent. Hinzu kommt noch einmal fast genauso viel Vertretungsunterricht. Insgesamt werden also rund zehn Prozent des Unterrichts an den deutschen Schulen gar nicht oder irregulär erteilt. Eine Schätzung des Deutschen Philologenverbandes bewahrheitet sich damit: Woche für Woche finden rund eine Million Unterrichtsstunden nicht so statt, wie es der Lehrplan verlangt. Wie es den Schülern zusteht.

Unsere Erhebung deckt noch ein zweites schwerwiegendes Problem auf: eine Gerechtigkeitslücke in unserem Schulsystem. Bei Schülern aus Haushalten mit einem Nettoeinkommen unter 3.000 Euro ist der Unterrichtsausfall mit knapp zwölf Prozent mehr als viermal so hoch wie bei jenen mit einem Nettoeinkommen über 5.000 Euro. Dort liegt er bei knapp drei Prozent. Auf eine weitere soziale Ungerechtigkeit verweist eine Lehrerin und dreifache Mutter, die uns geschrieben hat: "Durch den eklatanten Unterrichtsausfall entsteht eine Zweiklassengesellschaft. Es gab die höchsten Durchfallraten, wenn Lehrerinnen und Lehrer der Kernfächer längere Zeit krank waren. Wenn sie dann wieder zurück waren, wurde der Stoff in doppelter Schnelligkeit unterrichtet, was besonders problematisch für leistungsschwache Schüler war."

Es verwundert, wie wenig die Landesregierungen den Unterrichtsausfall ernst nehmen. Wer zum Beispiel bei der Kultusministerkonferenz nachfragt, in der alle 16 Bildungsminister zusammenkommen, dem wird beschieden, dass die Statistiken der einzelnen Bundesländer so unterschiedlich seien, dass man sie nicht in einer bundesweiten Statistik zusammenfassen könne. Fragt man in den 16 Kultusministerien einzeln nach, bekommt man tatsächlich methodisch nicht vergleichbare Zahlen mit erstaunlich niedrigen Werten überreicht.

Das ist umso unverständlicher, als der Unterrichtsausfall laut Umfragen für die Eltern zu den wichtigsten Themen der Schulpolitik gehört. Er nervt sie. Er nagt an ihnen. Er bringt ihren Alltag durcheinander. Sie befürchten, dass ihre Kinder dadurch weniger lernen, und sie machen sich Sorgen, wenn der Nachwuchs, statt auf der Schulbank zu sitzen, unbeaufsichtigt durch die Gegend stromert. So schreibt uns die Mutter eines Grundschulkindes aus Rheinland-Pfalz: "In Grundschulen müssen die Kinder ja trotz Unterrichtsausfall betreut werden – was aber in der Praxis wegen akuten Lehrermangels nur sehr schlecht funktioniert. Fazit: Die Eltern müssen bei längeren Ausfällen die Wissensvermittlung übernehmen. Wer Eltern hat, die sich nicht kümmern (können), hat hier schon verloren."

Frage an die Lehrer: Welche Fächer werden besonders oft fachfremd vertreten?

Quelle: Statista, eigene Recherchen © ZEIT-Grafik

Kein Wunder also, wenn bei Landtagswahlen regelmäßig der Unterrichtsausfall thematisiert wird. In Nordrhein-Westfalen war er ein Grund für die Abwahl der rot-grünen Regierung. In Niedersachsen will die CDU unter anderem mit dem Versprechen einer Unterrichtsgarantie die bevorstehende Landtagswahl gewinnen.

Anfang August haben wir deshalb unsere Leserinnen und Leser aufgerufen, uns ihre Erfahrungen zu schildern und Daten dazu zur Verfügung zu stellen. Wie viel Unterricht zum Beispiel in letzter Zeit ausgefallen sei, wie sie davon Kenntnis bekämen, welche Qualität der Vertretungsunterricht habe? 3.643 Leserinnen und Leser haben uns an ihren Erfahrungen teilhaben lassen und zur Datensammlung beigetragen: 1.787 Lehrer, 1.110 Eltern und 746 Schüler. Diese hohe Anzahl an Teilnehmern und eine anschließende Datengewichtung durch die Experten von Statista ermöglicht repräsentative Aussagen für ganz Deutschland. Es ist die erste bundesweit repräsentative Untersuchung zu diesem Thema.