Die Klage über die Sprache der Politiker ist so alt wie die bürgerliche Öffentlichkeit. Das Reden in Floskeln ist unvermeidlich, da politische Absichten immer erst zu einem bestimmten Zeitpunkt offenbar werden sollen. Es kommt eben immer auf die "occasione" (Machiavelli) an, auf die Fähigkeit, eine bestimmte, günstige Stunde für politisches Handeln zu erkennen und sie dann auch zu nutzen. Bis diese Stunde schlägt, ist es klüger, über Pläne zu schweigen, statt über sie zu sprechen. Ein hoher Redeanteil in Politikerinterviews besteht daher notgedrungen aus Ausweichbewegungen. Jeder Interviewer weiß ja beispielsweise, dass es völlig zwecklos ist, einen Aspiranten wie Markus Söder nach seinen Ambitionen auf den Parteivorsitz zu befragen. Man fragt trotzdem, es ist ja von Belang, ahnt bereits die inhaltsarme Antwort, die dann auch prompt geliefert wird. Zur sogenannten Politikverdrossenheit dürfte die gut eingespielte, letztlich alternativlose Floskelroutine beitragen.

Seit den Pegida-Demonstrationen, während des Wahlkampfs schon notorisch, nach der Wahl aber regelrecht hyperinflationär, wird eine Floskel verwendet, von der man sich inzwischen wünscht, sie wäre niemals benutzt worden. Es wird gesagt, man müsse die Sorgen oder die Ängste der Menschen ernst nehmen. Dieser politische Standardsatz unserer Zeit funktioniert parteiübergreifend, er fällt in jeder Talkshow, er ist die Leerformel par excellence. Er fällt todsicher, wenn nach dem Erfolg der Populisten gefragt wird, nach Problemen der Flüchtlingskrise oder überhaupt nach der neuen Unberechenbarkeit des Volkes, über das mancher Politiker gewiss denkt, es sollte abgewählt werden. Gäbe es einmal eine monstergroße Koalition aus CDU, CSU, SPD, FDP, Grünen, Linkspartei und AfD – der Satz wäre ihr einendes Band. Thomas de Maizière findet ja genauso wie Sahra Wagenknecht, Cem Özdemir, Bodo Ramelow, Wolfgang Kubicki, Alexander Gauland oder Martin Schulz, dass die Sorgen der Menschen endlich ernst zu nehmen seien. In ihrer jüngsten Videobotschaft sagte auch Angela Merkel sehr ernst und eindringlich: "Sorgen muss man ernst nehmen, egal, wo sie auftreten."

Politiker gebärden sich als Affektmanager im Seelenhaushalt der deutschen Nation

Vordergründig besticht dieser parteiübergreifende Satz durch seine kokette Unbestimmtheit. Er wird selten konkretisiert. Von welchen Menschen ist überhaupt die Rede, von wie vielen Menschen und von welchen Sorgen? Über das Ausmaß der Sorgen ist so wenig gesagt wie über ihre Qualität. Es gibt ja Sorgen, die vielleicht berechtigt sind ("Ich werde gerade verfolgt"), und solche von eher neurotischer Qualität ("Ich werde immer verfolgt"). Vollends unklar ist auch das "Ernstnehmen". Eine Frau, deren Fremdgehen aufgeflogen ist, dürfte ihren Mann kaum beruhigen, indem sie ihm versichert, seine Sorgen in Zukunft ernster zu nehmen. Sorgen ernst zu nehmen impliziert eben keineswegs, dass man gewillt ist, die Ursachen der Sorgen zu beseitigen.

Das Beispiel ist nicht zufällig aus dem weiten Feld der Beziehungsprobleme gewählt. Dass Gefühle so richtig ernst genommen werden müssen, ist eine paartherapeutische Binse, an der noch jede Ehe zerbricht. Das anspruchsvolle Hineinhorchen in den Seelenhaushalt des anderen, das große Verständnis für fast jede Art von Affekt setzt auf die mühsame Befriedigung von Anerkennungsbedürfnissen, während eine pragmatische Lösung von Konflikten den großen Nachteil hat, dass der Nachschub an Aufmerksamkeit für den problemorientiert Sensibilisierten spontan versiegt. Jedenfalls hat die Sprache der Therapie offenkundig die politische Rhetorik befruchtet. Politiker sprechen ja eben nicht von Anliegen oder von den Interessen ihrer Wähler, die sie abweisen oder sich zu eigen machen könnten, sondern von Gefühlen, von denen sie behaupten, sie ernst zu nehmen. Es gibt ganze Politikerbücher, wie etwa das von Martin Schulz (Was mir wichtig ist), die vor allem ganz nah ran an die Menschen und ihre Gefühle wollen. Er reiste durch Deutschland, "um zu hören, was die Menschen bewegt".

Es liegt im Wesen des Gefühls, dass es nicht beliebig wegrationalisiert werden kann. Weil Gefühle sich Argumenten so gern verschließen, ist es daher auch kein prinzipielles Problem für einen, sagen wir, Politiker der Linkspartei, die Sorgen von AfD-Anhängern ernst zu nehmen – solange er ihnen eine psychologische Verschiebung attestiert und den Zorn auf die Flüchtlingspolitik als Effekt sozialer Ungerechtigkeit deutet und nicht etwa als blankes Ressentiment. Wer die Gefühle der Menschen ernst nimmt, diese Gefühle aber für unbegründet hält, nimmt die Menschen gerade nicht ernst. Wer als Politiker allerdings glaubt, dass hinter dem Aufstieg der Populisten konkret gemeinte Anliegen stecken (Abschiebungen forcieren, Obergrenzen definieren, weiß der Teufel), und diese Anliegen auch teilt, vielleicht auch die besonders trüben, kann ebenfalls zu der Erkenntnis kommen, dass es besser sei, erst einmal von den Sorgen, Nöten und Ängsten der Menschen zu sprechen; entweder um die eigene politische Haltung rhetorisch abzumildern oder aber um sich durch Unklarheit Handlungsoptionen zu bewahren – die wichtigste Funktion der politischen Floskel.

Es ist jedenfalls nicht frei von Ironie, dass viele Konservative die Sozialtherapeutensprache der siebziger Jahre gekapert haben. Es erstaunt, dass die Höllenfloskel auch nach der Wahl munter weiterverwendet wird, obwohl sie offenkundig gerade nicht dazu führte, dass sich mit ihr die Menschen ernst genommen fühlten. "Ein Stück weit" – um es im Merkel-Duktus zu sagen – ist mit der Bundestagswahl auch die politische Rhetorik und der Floskelbetrieb der etablierten Parteien abgewählt worden. Im therapeutischen Sprechen steckt eben ein guter Schuss Paternalismus, der kaum noch als zeitgemäß empfunden wird. Es ist die Sprache von Sorgeberechtigten, die mit ratloser Nachsicht über die unreifen Launen ihrer Kinder staunen. Das therapeutische Sprechen suggeriert, es komme vor allem auf das Managen von Emotionen an, man müsse jetzt – auch so eine neue, heillose Wendung – den Menschen ganz viel zuhören.

Nun haben bei dieser Wahl zwei Parteien erheblich zugelegt, und zwar ausgerechnet jene, die ihre migrationspolitischen Absichten am wenigsten vernebelten; eben nicht nur die AfD, sondern auch die Liberalen mit ihrem Reformvorschlag zur Einwanderung, mit dem klarer zwischen Asyl, Flucht und Zuwanderung unterschieden werden soll. Er zielt darauf ab, Fachkräfte und Forscher abzuwerben, während der Daueraufenthalt von Flüchtlingen beschränkt werden soll. Diese Verschiebung von humanitären Aspekten der Migration auf ökonomisches Vorteilsdenken kann, wer will, kritisieren und, wer weiß, sogar versuchen, ein Gegenkonzept jenseits von Verständnis heischenden Leerformeln oder moralischem Furor öffentlich zu vertreten. Man kann eine günstige Gelegenheit, sich zu erklären, auch verpassen. Eines scheint jedenfalls nicht mehr zu greifen: Politik als Therapie.

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