Ein junger Syrer lässt sich in Deutschland für den Wiederaufbau seines Landes fortbilden. Aber wird seine Heimat jemals sicher genug sein, um zurückzukehren?

Hasan Idrees war 23 Jahre alt, als ihm klar wurde, dass seine Karriere zu Ende sein würde, bevor sie begonnen hatte. Er hatte gerade seinen Bachelor an der Universität Homs absolviert, Bauingenieurwesen, Schwerpunkt Umwelt, Note "sehr gut". In einer normalen Welt hätten ihm alle Türen offengestanden. Aber in Syrien war Ende 2014 nichts mehr normal. Der Bürgerkrieg hatte sich festgebissen wie eine Bestie, und Homs, Hochburg der Rebellen, geriet unter Dauerbeschuss. Hasan Idrees flüchtete zurück in sein Heimatdorf, nahe der libanesischen Grenze, jobbte auf einer Baustelle. Es ging ums Überleben, nicht mehr um Karriere.

Gut zwei Jahre später sitzt er an einem kühlen Herbsttag im Café Vision auf dem Campus der Universität Duisburg-Essen und glaubt wieder an seine Zukunft, eine Zukunft vielleicht sogar in Syrien. Glatt rasiert, die Haare zurückgegelt, Jeans, türkisfarbenes T-Shirt, neben sich eine Winterjacke, vor sich eine Tasse Kaffee, schwarz. Auf einem Flachbildschirm an der Wand läuft Bundesliga, Bayern verliert gegen Hoffenheim. Und Hasan Idrees erzählt, wie sich sein Leben wendete.

Wie er von einem Freund erfährt, dass Deutschland syrischen Studenten Stipendien an deutschen Unis anbietet. Ausgerechnet Deutschland! Sehnsuchtsland so vieler Studenten, auch seins, schon vor dem Krieg. Das muss ein Traum sein, dachte er. Versuch es trotzdem.

Idrees bewirbt sich, paukt in seinen Pausen auf der Baustelle Englisch, für die Auswahlgespräche. Er wird eingeladen, nach Beirut, am 24. März 2015. Das Datum hat sich ihm eingeprägt. Der DAAD organisiert ein 48-Stunden-Visum für den Libanon, er ist aufgeregt, deutsche Professoren klopfen sein Fachwissen ab, fragen ihn über seine Bachelorarbeit aus, zu seinen Plänen für Syrien. 5.000 haben sich beworben, 221 schaffen es. Im April bekommt Idrees die Zusage.

"Leadership for Syria" nennt sich das Programm, finanziert vom Deutschen Auswärtigen Amt und dem Land NRW, umgesetzt vom DAAD, 60 Hochschulen nehmen daran teil. Es gehört nicht nur ein Fachstudium dazu, sondern auch ein Begleitprogramm zu Rechtsstaatlichkeit und guter Regierungsführung. Eine Elite für ein neues Syrien soll ausgebildet werden.

"Was uns Syrer eint, ist doch: Wir alle leiden unter dem Krieg."
Hasan, 25

Im Juni 2015 kommt Idrees in Frankfurt an, fährt weiter nach Marburg, wo die Stipendiaten fünf Monate Deutsch lernen. "Bahnhof", "Verzeihung", "bitte", "danke" waren die ersten Worte. Jetzt, zwei Jahre später, spricht er die fremde Sprache fast fließend und steht kurz vor seinem Masterabschluss in Management and Technology of Water and Wastewater Treatment. Er fühlt sich wohl an der Uni, die Distanz zu den Professoren sei weniger groß als in Syrien. Einmal im Monat gibt es einen Stammtisch mit Professoren, Doktoranden, Kommilitonen. Von der Sparkasse Duisburg hat er einen Studienpreis bekommen. Das Geld hat er nach Syrien geschickt.

Das Begleitprogramm des Stipendiums hat Wolfgang Seibel entwickelt, Professor für Politik und öffentliche Verwaltung in Konstanz. Die jungen Syrer sollen lernen, was eine Demokratie, einen Rechtsstaat ausmacht. Wie lässt sich Korruption bekämpfen, wie baut man wirtschaftliche Kooperationen auf? Es basiert auf E-Learning, dazu gehören aber auch Präsenzphasen in Konstanz.

Für drei Tage treffen sich die syrischen Stipendiaten dort. Christen, Schiiten, Sunniten, Alawiten, Kurden, Araber. Sie müssen lernen, miteinander auszukommen. Meinungsverschiedenheiten zu akzeptieren. "Es hat funktioniert", sagt Wolfgang Seibel. Für Idrees, dem Alawiten, ist diese Erfahrung wichtiger als das, was sie über Nation-Building lernen: Er redet mit Landsleuten, die einen ganz anderen Hintergrund haben, andere politische Ansichten. Er knüpft Kontakte, es entstehen Freundschaften. Wenn Idrees über sein Land mit den vielen Fronten spricht, klingt kein Hass durch, nur Traurigkeit. Idrees sagt, er halte sich aus der Politik heraus, er wolle keine Schuld zuweisen: "Was uns Syrer eint, ist doch: Wir alle leiden unter dem Krieg." Den meisten fehle das Nötigste zum Leben. Kein sauberes Wasser, zu wenig Geld für Essen und Bildung. Daran müsse man arbeiten.

Was Idrees an Deutschland fasziniert: Das Land lag nach zwei verheerenden Weltkriegen am Boden und kam jedes Mal zurück. Er will verstehen, wie das gelang. Was lässt sich davon auf Syrien übertragen?

Manchmal klickt er sich im Netz durch Bilder von Homs. Nach sechs Jahren Bürgerkrieg sieht er eine Stadt in Schutt und Asche, keine Häuser mehr, nur noch Gerippe aus Stahlträgern und Betonresten. Manche Viertel erinnern ihn an Fotos aus dem Berlin der Nachkriegszeit.

An fünf Tagen in der Woche geht er an die Uni, jeden Tag neun Stunden. An einem Tag studiert er nicht, da hat er einen Nebenjob übernommen, im Labor. Das Geld schickt er seinen Eltern. Idrees verdient an einem Tag mehr als sein Vater, der Grundschullehrer, in einem Monat. 400 Euro bekam er vor dem Krieg. jetzt sind es nur noch 60. Idrees hat vier Geschwister, zwei ältere Brüder, zwei jüngere Schwestern. Alle am Leben, sagt er. Gerade hat seine Schwester geheiratet. Er wäre gerne dabei gewesen.

"Die Hälfte der Jungs, die mit mir auf die Schule gegangen sind, ist tot."
Hasan, 25

Wird er zurückkehren? Hasan Idrees sagt, im Moment habe das keinen Sinn. Man könne mit dem Wiederaufbau nicht beginnen, solange es keine Sicherheit, keine Stabilität gibt. Gibt es die, geht er zurück: "ganz sicher". Er kann sich vorstellen dann bei einem Unternehmen zu arbeiten, bei einer NGO oder an der Universität. Jetzt wird er erst in Deutschland seine Doktorarbeit schreiben.

Erreicht man mit dem Programm nicht das, was mein eigentlich verhindern will? Den Abzug der klügsten Köpfe aus dem Land? Fragt man Christian Hülshörster, Leiter des Stipendienprogramms beim DAAD, sagt er, natürlich sei es utopisch zu glauben, dass die Stipendiaten gleich zurückkehren würden. Man habe bei der Auswahl auch keine Rückkehrverpflichtung verlangt. Es gehe darum, für den Tag X eine Elite auszubilden, die das Land wiederaufbauen kann. Wenn es so weit ist, will man Anreize für die Rückkehr schaffen.

Fünf Millionen Menschen sind seit Beginn des Bürgerkriegs aus Syrien geflohen. Die meisten in die Nachbarländer Jordanien, Libanon, Türkei. Vor ein paar Tagen gab ein General Assads ein Live-Interview im syrischen Fernsehen: "Kehrt nicht zurück!", drohte er den ins Ausland geflüchteten Syrern. "Selbst wenn der Staat euch vergibt, wir werden niemals vergessen und verzeihen." Idrees hat es gesehen. Er weiß, dass viele in Syrien so denken: Ihr habt das Land verlassen, während es uns schlecht ging. Ihr habt es nicht verdient zurückzukommen. Er sagt: "Das ist doch verrückt, was hätte ich während des Krieges dort Sinnvolles tun können?"

Nach vielen Stunden reden, auf Deutsch, manchmal auf Englisch, über das Gestern, das Heute und das Morgen, lehnt er sich erschöpft zurück, verschränkt die Arme, und sagt: "Die Hälfte der Jungs, die mit mir auf die Schule im Dorf gegangen sind, ist tot. Von Bomben getroffen, bei Kämpfen gefallen, auf den verschiedensten Seiten." Er schaut aus dem Fenster des Café Vision. Der Herbstwind fegt Blätter über die silberfarbenen Tische. Es gibt nichts mehr zu sagen.

Korrektur, 10. Oktober 2017: In der ursprünglichen Version hieß es "General Assad" gab ein Interview, korrekt muss es heißen "ein General Assads". Wir haben dieses Fehler korrigiert.

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