Neben einem Spielplatz hat Lauren Wilkerson schon im Morgengrauen Pfosten in das sumpfige Gras gerammt. Dazwischen hat die Biologin der Gesundheitsbehörde fast unsichtbar ein dünnes Netz gespannt. Auf dem Boden liegen Körner, um Vögel anzulocken.

Doch Wilkerson ist nicht aus ornithologischen Gründen hier in einem Vorort von Houston unterwegs. Was sie untersucht, sind immer noch die Auswirkungen von Hurrikan Harvey. Ende August suchte dieser die viertgrößte Stadt der USA heim, 90 Billionen Liter Regen prasselten damals in nur drei Tagen auf Houston nieder. Die Folgen waren in allen Medien beschrieben: Mehr als 80 Texaner starben, fast 200.000 Häuser nahmen ernsthaften Schaden. Nun sind die Wassermassen und die Kameras wieder weg, die großen Notunterkünfte sind vollständig geräumt. Doch die Katastrophe ist noch nicht vorbei. Jetzt drohen gefährliche Viren, die von Moskitos übertragen werden – und die in Vögeln ihr Reservoir finden.

Deshalb ist Wilkerson auf Vogeljagd. Heute hat sie Glück: In ihrem Netz hat sich ein Spatz verfangen. Vorsichtig befreit die Biologin ihn aus dem Netz und bringt ihn zu ihrem Auto. Dort streicht sie mit einem desinfizierenden Gel sein Gefieder zur Seite, um die Blutgefäße zum Vorschein zu bringen. Während der Spatz ruhig in ihrer Hand liegt, nimmt sie ihm mit einer winzigen Nadel wenige Milliliter Blut ab. Das wandert in ein Reagenzglas und dann direkt in eine Kühlbox. Dann bekommt der Spatz noch einen Ring, bevor ihn Wilkerson in den blauen Morgenhimmel fliegen lässt. Im Labor wird das Spatzenblut dann später auf das West-Nil-Virus getestet, das die gefürchtete gleichnamige Krankheit auslöst.

Das West-Nil-Fieber ist allerdings nur eine der Bedrohungen, denen sich Houston nun ausgesetzt sieht. "Die gesundheitlichen Konsequenzen einer solchen Flut sind gewaltig", erklärt Peter Hotez, Professor für Tropenmedizin am Baylor College in Houston. Auch drei Wochen nach dem Wirbelsturm sind die Überreste noch immer sichtbar. Auf einem Verkehrsschild, zweieinhalb Meter über der Straße, hängen Plastikreste und Gestrüpp. Und obwohl es seit Tagen nicht geregnet hat, steht noch immer Wasser in Pfützen, in Straßengräben schwappt eine faulige Brühe, die nicht so recht abfließen will.

Besonders heftig wurde der wohlhabende Stadtteil Meyerland von der Flut getroffen: Hier sieht man breite, baumbewachsene Straßen, ordentlich gemähtes Gras in den Vorgärten, frei stehende geräumige Häuser – und am Straßenrand meterhoch sich türmenden Schutt. Im Erdgeschoss eines Eckhauses hämmern zwei Männer in blauen Overalls eine Wand heraus. Übrig bleibt nur das Skelett, Holzsäulen, die das Haus tragen. "Den Fußboden haben wir schon rausgerissen", erzählen sie, "wenn wir das nicht schnell fertig machen, kommt der Schimmel."

Tatsächlich ist schon auf der Veranda der Gestank zu riechen. Denn Meyerland liegt in der Nähe des Brays Bayou – einer der langsam fließenden, oft brackigen Flussarme, die ganz Houston durchziehen. Direkt auf der anderen Seite der betonierten Senke, in der der Bayou fließt, steht das Klärwerk, ein paar unscheinbare graue Betonklötze. Als Harvey den Fluss über die Ufer treten ließ, flutete er auch die Kläranlage, die Wassermassen nahmen den Dreck mit sich und schwemmten ihn in die Häuser.