Tigran wer? Hamasyan. Und woher? Aus Armenien, der Nachname deutet es an. – Und wenn ich dann erzähle, dass ich da war, wird tastend weitergefragt. Man weiß schon, wo Armenien liegt, aber eben doch nur so ungefähr. Unsere mitteleuropäische Geografiekenntnis endet in Anatolien. Dahinter beginnt die Sphäre der Weltumradler und Extremtouristen, die ihre Erfahrungen zu Lichtbildvorträgen oder Videos verdichten, wie gerade das junge Liebespaar in dem Wir-fahren-einfach-immer-weiter-nach-Osten-Film Weit.

Armenien liegt östlich von der Türkei, südlich von Georgien, westlich von Aserbaidschan und nördlich von Iran. Es hat kein Meer und nicht einmal seinen berühmtesten Berg, den Ararat. Der liegt in der Türkei, so wie vieles vom jahrtausendealten armenischen Siedlungsgebiet heute in Nachbarländern liegt, weshalb viele Armenier nicht in Armenien wohnen, sondern anderswo, zerstreut von einer Geschichte, die es nicht gut mit ihnen meinte.

Tigran Hamasyan möchte mir den Ararat zeigen, den man von der Loggia seines schönen Hauses aus sehen kann, aber wir haben Pech. Es sind im September noch 30 Grad in Jerewan, zwischendurch tröpfelt es kurz, und so wird der mythische Berg, an dem die Arche Noah zu liegen kam, vom Dunst verschluckt.

Dafür leuchten die Äpfel aus dem Obstgarten herauf, und von nebenan schnattern die Gänse. In seinem Übungsraum wartet das Klavier unter einer strahlenden Ikone. Hier probt er also seine musikalischen Expeditionen in ferne Zeiten und entlegene Stile.

Heute indes hat er einen klavierlosen Ausflug vor, auf den ich ihn begleiten kann. Es geht ins Geghama-Gebirge, zu den Steinzeichnungen auf 2.800 Meter Höhe, und mit dabei sind seine Frau Elena als Fotografin, sein Freund Hayk als Archäologe und dessen Freundin Heghine, die Kunstkritikerin. Sie alle sind um die 30, alert, eloquent, urban.

Der Wagen unseres Fahrers steht im scharfen Kontrast dazu. Hinten ist da mal einer reingekracht, aber Beulen und eine fehlende Stoßstange sind in Armenien kein Thema. Wir fahren aus der Hauptstadt heraus, an Hochhäusern und Baracken vorbei, vorbei an sowjetischen Peitschenmasten, wie sie früher die Mauer von Ost-Berlin aus beleuchteten, unter Stromkabelgewirr hindurch, flankiert von Rohren, durch die sibirisches Gas in die Haushalte strömt. Alle Versorgung scheint oberirdisch zu erfolgen, als wollte man das Erdreich, das jederzeit beben kann, nicht unnötig reizen.