Deutsche Songtexter wollen Dichter sein. Man kann das nachhören in Songs mit Titeln wie Feuerwerk oder Farbenmeer oder Sternenstaub, gesammelt in der Spotify-Playlist "DeutschPoeten". Junge Männer versuchen hier mit Metaphernschwulst darüber hinwegzutäuschen, dass sie nichts zu sagen haben. Die meisten Songtexte sind eben keine Literatur.

Der Leipziger Sänger Trettmann hingegen eröffnet in seinem Song Grauer Beton mit wenigen Worten eine Welt. Trettmann erzählt vom Aufwachsen in einer Plattenbausiedlung am Ende der Welt, in den Ruinen der sozialistischen Utopie: "In meinem Hauseingang kaum Gutes los / Freunde werden stumpf, werden skrupellos". Ohne viele Worte vermittelt sich da, wie enttäuschte Hoffnung in Hoffnungslosigkeit kippt. Blühende Landschaften? Nein, Beton.

Das Produzententeam KitschKrieg hat für diesen Song kühle, karge Beats programmiert. Man hört ein Klavier, klar, das hier ist ja eine Ballade, doch wie Trettmanns Gesangstimme ist es verzerrt. Es gibt hier keine Sehnsucht nach einem vermeintlich echteren Leben. Nur Entfremdung und den Versuch, daraus Kunst zu machen. Dazwischen perlen Sounds, die nach Gameboy klingen und nach Glocken, ein angemessener Assoziationsraum für dieses Stück, das davon erzählt, wie es ist, lebendig begraben zu sein.

Grauer Beton ist der zentrale Song auf #DIY, dem neuen Album von Trettmann. Die anderen Stücke ergänzen, was seitdem geschehen ist: Die Begegnung mit dem schönsten Mädchen aus der Platte, Jahre später (Duplin & Callaloo). Der Urlaub mit den Jungs in der Karibik, das Glück, alles überlebt zu haben (Knöcheltief). Die Erinnerung an einen, der es nicht geschafft hat (Geh ran).

KitschKrieg kombinieren dazu mal die nervösen Hi-Hats des Trap und mal bollernde Dancehall-Bässe. Es sind Sounds aus der Clubszene der globalen Metropolen, doch darüber liegt viel Melancholie und Ernsthaftigkeit. Trettmann ist ein Liedermacher am Laptop. Jetzt gilt es, #DIY zu entdecken, bevor findige Pädagogen das Album in die Hände bekommen und die Analyse von Grauer Beton ins Abitur-Curriculum der Deutsch-Leistungskurse aufgenommen wird. Das wäre bedauerlich, weil es den Song für kommende Generationen verderben würde. Es wäre aber auch verdient, denn er gehört zum Besten, was wir dieses Jahr in deutscher Sprache hören werden.

Trettmann: "#DIY" (SoulForce Records)