In diesem Frühjahr erschien bei Suhrkamp ein philosophisches Buch von Tristan Garcia: Das intensive Leben. Eine moderne Obsession. Der Wagenbach-Verlag bringt jetzt einen Roman des 1981 in Toulouse geborenen Franzosen heraus: Faber. Der Zerstörer. In Deutschland ist diese Kombination ungewöhnlich. Entweder ist man Schriftsteller oder Philosoph. Das ist in Frankreich traditionell anders. Beide Bücher des jungen Autors sind von starkem Eigensinn und ausgeprägter Individualität. So ist es reizvoll, beide zu vergleichen: Was drückt der Autor in seinen philosophischen Werken aus, was in seinen literarischen? Sind es zwei Ausdrucksformen eines großen Projekts? Und natürlich unvermeidlich (weil der Mensch immer und überall Rangordnungen aufmacht): Was kann Tristan Garcia besser? Philosophie oder Literatur?

Faber ist ein Roman über die Sinnsuche in der Jugend. Er erzählt von den drei Freunden Madeleine, Basil und Faber. Sie leben in einer kleinen Stadt in der französischen Provinz, besuchen dasselbe Gymnasium und schauen mit pubertärem Überlegenheitsgefühl auf ihre Mitwelt herab. Sie sind intelligent und arrogant genug, um unter der Mittelmäßigkeit und Ereignislosigkeit ihrer Umwelt zu leiden. Dass immer nichts los ist, ist ja fast schon ein metaphysisches Schicksal. Einmal ruft Madeleine aus: "Wie machen die das in den Filmen und in den Büchern, dass etwas passiert?" Wie sie das meine, wollen die Freunde wissen: "Na ja ... Da passiert immer was. Ein Angriff, was weiß ich, ein Mord. Eine Revolution, ein Krieg, solche Sachen eben, wie in anderen Ländern."

Es ist Faber, Vollwaise, hochbegabt und von diabolischem Charisma, der ihnen Erlösung aus dem Ennui verspricht, indem er sich zur politischen Heilsgestalt für seine Freunde entwickelt, zum Rächer der Enterbten, zu jemandem, der ihnen das Gefühl gibt, etwas Besonderes zu sein, und in dessen Gegenwart sich das Leben intensiver anfühlt. Madeleine und Basil hängen an seinen Lippen, wenn er ihnen die Welt erklärt: "Faber berichtete uns von Bewegungen, Aufständen und von einer 'großen Sache'; aber er erklärte uns auch, dass die westliche Welt in unserer Zeit die Ereignisse und Revolutionen vergessen habe und sich in einer Scheindemokratie suhlte. Für die Geschichte seien wir zu spät geboren."

Man könnte sagen: Der Roman handelt vom Katzenjammer der Generation, die in der post histoire aufgewachsen ist. Aber weil der Roman raffiniert und ambivalent ist, beklagt er diese Situation nicht einfach, sondern zeigt im Gegenteil, wie zerstörerisch die Suche nach einem intensiven Lebensgefühl sein kann. Der Roman heißt nicht ohne Grund im Untertitel Der Zerstörer. Narzissmus, Zerstörungswille und politisches Bewusstsein können eine coole Kampfgemeinschaft eingehen.

Diese Ambivalenz teilen sich der Roman und das philosophische Werk: Während man auf den ersten Blick meinen könnte, Das intensive Leben sei eine Verteidigung der Intensität gegen die konsumkapitalistisch sedierte Lauheit der Gegenwart, ist die Gedankenfigur, die Garcia darin entwickelt, doch deutlich denkintensiver: Dieses ausgesprochen originelle Buch erzählt auf philosophische Weise eine historische Entwicklungsgeschichte. Als Wert nämlich trat die Intensität in jenem Moment in Erscheinung, als mit Newton und Descartes die Welt vollständig physikalisch erklärt werden sollte – und zwar durch ein räumlich-quantitatives Denken. Für spezifische Qualitäten (die qualia der antiken Philosophie) gab es in der neuzeitlichen Kosmologie keinen Platz mehr, es gab nur noch Raum und Ausdehnung, alles wurde geometrisiert und zählbar.

Während Newtons Physik alles, was messbar ist, erklären konnte, schloss sie aber das, was nicht zählbar, sondern nur fühlbar ist, aus dem Sein aus. Ihr Prüfstein für Wirklichkeit war das naturwissenschaftliche Experiment, dessen erste Bedingung Wiederholbarkeit lautet. Das Einzigartige, das Unwiederholbare erscheint nicht auf dem Bildschirm. Und hier kommt die Intensität als Gegensehnsucht ins Spiel. Garcia schreibt: "Angesichts der nahezu vollständigen Extensionalisierung der Welt hat das vage Gefühl, dass diese Welt unlebbar geworden war oder dass sie, genauer gesagt, keinen ausreichend stimulierenden Grund bot, um gelebt, bewohnt oder erfahren zu werden, den modernen Rationalismus heimgesucht, der außerstande war, der Einbildungskraft ein mitreißendes und erregendes Bild der Realität zu bieten."

Gegen die rationalistische Berechenbarkeit und Entzauberung der Welt war die Intensität ein Antidot, um 1800 herum besonders gern von der aristokratischen décadence gepflegt – die Intensitätswonnen der Grausamkeit hatte der Marquis de Sade auf den Begriff gebracht. Im 20. Jahrhundert hat sich das Intensitätsideal indes spätestens mit dem Siegeszug des Rock als Lebenshaltung demokratisiert ("Was ist der Rock?", fragt Garcia mit Blick auf den Zusammenhang des Intensitätsdiskurses mit der Entdeckung der Elektrizität im 18. Jahrhundert und der folgerichtigen Erfindung der E-Gitarre im 20.: "elektrifizierte Hormone"). Und heute lautet die allgemeine Moral für jedermann: Es ist egal, wie du lebst, Hauptsache, intensiv. (Selbst putzige Postkarten werben heute mit dem Spruch: "Lebe wild und gefährlich!")

In dieser Moral geht es nicht mehr um den Inhalt des Gefühls, allein seine Intensität rechtfertigt dieses. Der durchschnittliche, der laue Mensch ist der verachtenswerte. So sehen es (wollte man beide Bücher, das philosophische und das literarische, zusammenbinden) Faber, Basil und Madeleine – und leiten daraus die Rechtfertigung ab, die Lauen zu quälen.