Lesen Sie hier das türkische Original.

Meine Mietwohnung war möbliert, doch der Tisch war klein, er reichte mir nicht. Der Tisch des Schreibenden ist wie die Drehbank des Drechslers, ohne geht es nicht. So ging ich immer mal wieder bei einem Möbelhändler in der Nähe vorbei und schaute nach Tischen. Auf einen hatte ich ein Auge geworfen: Die Platte war aus alten Bootsplanken, indonesische Handarbeit, bunt und massiv. Immer wieder kam ich, beäugte und berührte ihn, konnte mich aber nicht zum Kauf entschließen. Eine innere Stimme hielt mich zurück: "Du gehst ja doch bald zurück, wozu brauchst du den noch?"

Mit der Zeit wurde der Tisch für mich zu einem Symbol dafür, dass es keine Rückkehr gab. Mir war, als müsste ich definitiv im Exil bleiben, wenn ich ihn erwarb.

Früheren Exilanten, mit denen ich in Berlin sprach, war dieses Gefühl wohlbekannt. In der Überzeugung, ja doch bald zurückzukehren, hatten sie anfangs nicht einmal ihre Gärten bestellt. Jetzt, dreißig Jahre später, waren aus den Pflänzchen von damals Bäume geworden.

Mein altes Telefon klingelte kaum noch. Ohnehin kam es mir wie jemand vor, der sich mir gegenüber als Freund ausgab, aber als Denunziant für die Regierung arbeitete: Es unterrichtete die Polizei über die Gespräche, die ich führte, und die Fotos, die ich aufnahm, und gab laufend durch, wo ich mich gerade aufhielt. Manche darin gespeicherte Namen hatten im Laufe eines Jahres diese Welt verlassen, doch ich brachte es nicht über mich, sie aus dem Adressbuch zu tilgen. In meinem neuen Telefon waren die neuen Namen meines neuen Lebens gespeichert.

Beim Blick auf meine Schuhe, die sich mehr und mehr abnutzten, fiel mir Nâzım Hikmets Gedicht "Mein Land" ein:

"Weder meine Schiebermütze hat bei dir noch etwas zu suchen

noch meine Schuhe, die deine Wege trugen,

mein letztes Hemd ist längst am Rücken durchgewetzt,

es war von feinem Şile-Stoff.

Nur im Grau meiner Haare,

im Infarkt meines Herzens,

in den Linien meiner Stirn bist du noch

mein Land

mein Land

mein Land."

Der Abend des 19. Dezember hielt gleich zwei Desaster bereit: Zuerst kam die Meldung von dem Attentat auf den russischen Botschafter in Ankara. Einer seiner Leibwächter hatte "Allah-u akbar" gerufen und den Diplomaten mit einem Kopfschuss niedergestreckt.

Entsetzt klebte ich am Display, da platzte der Lastwagen-Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt herein. Beide Katastrophen verfolgte ich gleichzeitig, die in Deutschland auf dem Fernsehbildschirm, die in der Türkei auf dem Smartphone-Display. Meine alte Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen war, und meine neue Stadt, in die ich umgezogen war, wanden sich auf zwei Monitoren in der Klaue ein und desselben Wahns. Blinder Fanatismus breitete sich wie eine ansteckende Krankheit aus. Wer weiß, wie viel Blut noch vergossen werden würde.