Mit jedem Kilometer durchs Alte Land sinkt meine Achtung vor Adam und Eva. Einen lumpigen Apfelbaum hatten sie im Garten – und konnten sich nicht beherrschen. Ich radele hier durch ziemlich viele, Reihe um Reihe um Reihe. Die Früchte sind reif, die Früchte sind rot, und sie sind verboten. Im Fremdenverkehrsamt Jork schauten sie perplex, als ich vorhin danach fragte. "Einen Apfel pflücken? Geht gar nicht." Es fiel auch das Wort Mundraub.

Äpfel sind im Alten Land eine ernste Sache. Verständlich – die Leute hier leben davon, dass sie ihre Früchte verkaufen. Der Streifen Marschland am Südufer der Elbe, wo Niedersachsen an Hamburg grenzt, hat tausendmal so viele Apfelbäume wie Bewohner. Jeder dritte deutsche Apfel stammt von hier.

Während der Blüte leuchtet die Landschaft rosa, jetzt im Herbst dominiert Rot. Wie Christbaumkugeln, nur viel dichter, hängen die Früchte an den kleinen Bäumen. Für einen Besuch im Alten Land ist das Fahrrad das Mittel der Wahl. Zu Fuß würde einen bald die Länge der Straßen ermüden. Mit dem Auto schliche man hinter den Traktoren her, die jeder vier, fünf Wagen voller Obst ziehen. Mein Rad holpert über Kastanien, manchmal auch über angebissene Äpfel. Vielleicht hastig weggeworfen, als der Bauer um die Ecke bog. Ich steige ab und schaue, was mir entgeht. Groß und schwer, sehr kräftige Farbe – wahrscheinlich ist das ein Jonagored, der rote Bruder des Jonagold.

Vor drei Tagen wusste ich so etwas noch nicht, und es war mir auch ziemlich egal. Zu Äpfeln hat man als Deutscher ja ein eher beiläufiges Verhältnis. Man mag sie, das schon. Aber gerade weil sie so vertraut sind, beißt man achtlos hinein. Apfel ist Apfel, oder?

Auf den Geschmack brachte mich ein Besuch im Hamburger Stadtteil Flottbek auf der anderen Seite der Elbe. Für profane Obstbäume hat der Botanische Garten dort zwar eigentlich keinen Platz. Doch einmal im Jahr finden hier die Norddeutschen Apfeltage statt. Man kann sich das wie eine Briefmarkensammlerbörse vorstellen, nur eben mit Äpfeln. Pullunderträger vertiefen sich in alte Nachschlagewerke über die Obstbaumkultur Skandinaviens. Vokabeln wie "Gefäßbündelring" oder "Fleischwulst" machen die Runde. In einem leer geräumten Gewächshaus halten Sammler und Hobbyzüchter große Artenschau. Über Hundert Apfelsorten haben sie zusammengetragen, manche klein und hart wie Golfbälle, andere dick und knubbelig.

Schon die Namen hypnotisieren. Da mischt sich der Hochadel mit dem Kleinbürgertum: Herzogin Olga liegt im Körbchen neben Herberts Renette. Der Wohlschmecker aus Vierlanden nimmt gleich für sich ein, der Schmalzprinz nur bedingt. Manche Sorten klingen dramatisch, wie der Geflammte Kardinal, andere mysteriös, wie Dupple Zoete Aagt. Und dann sind da die Namenlosen; Besucher bringen sie mit. Früchte aus dem eigenen Garten, über die sie mehr wissen möchten.

Am einem Klapptisch sitzt der Apfelkundler Jan Bade, hier sagt man: Pomologe. Er schnappt sich einen Apfel und wendet ihn in der Hand. Wie ein Forensiker im Fernsehkrimi verkündet er seine Befunde: die "schwache Rippigkeit" des Apfels, die "grobschuppige Berostung". Dann holt er ein Messer aus seiner Zimmermannshose und nimmt eine Öffnung der Kernhauswand vor. Er vergleicht die Kerne mit den paar Hundert Proben, die er in einem Aktenordner gesammelt hat. Minuten später ist der Beweis erbracht: Dies ist ein Jakob Lebel, französische Sorte, seit den Zwanzigern heimisch in Deutschland.

Bade war mal Schornsteinfeger. Inzwischen hat er die Bestimmung zu seinem Beruf gemacht. Pomologie ist eine Wissenschaft, die man nirgends studieren kann. Sie lebt in den Köpfen von ein paar Hundert Hobbygärtnern, die auf Treffen wie diesem ihre Erfahrungen austauschen. Aber sie stecken immer mehr Leute damit an.