DIE ZEIT: Frau Nahles, gleich nach Ihrer Wahl zur Fraktionschefin sagten Sie, die SPD müsse den digitalen Kapitalismus bekämpfen. Was meinen Sie damit?

Andrea Nahles: Es geht nicht um bekämpfen, aber wenn der Kapitalismus sich wandelt, ist es eine politische Aufgabe, neue Regeln zu finden. Auch in Deutschland wird gerade – zum Teil auf sehr schicke Art und Weise – ein brutales Wettbewerbsmodell eingeführt. Im digitalen Kapitalismus haben wir es mit einigen De-facto-Monopolisten zu tun, die fast alle aus dem Silicon Valley kommen und die mit einer gewissen Weltverbesserungsrhetorik auftreten. Viele digitale Innovationen finde ich auch selbst großartig, klar. Das ist die eine Seite. Aber wenn man genauer hinschaut, dann verbergen sich dahinter libertäre Konzepte, die darauf aus sind, neue Spielregeln durchzusetzen. Der digitale Kapitalismus steht in Spannung zur sozialen Marktwirtschaft, und die müssen wir auch benennen.

ZEIT: Geht es konkreter?

Nahles: Jeff Bezos, der Chef von Amazon, hat von "people as a service" gesprochen, von Geschäftsmodellen, die Menschen als reine Dienstleistung vermitteln. Auch wenn bei uns dieses sogenannte Crowdworking noch eine Nische ist, so ist das Frühkapitalismus im neuen Kleid. Früher wurden die Arbeiter durch Fließband und Vorgesetzte kontrolliert. Heute machen das digitale Geräte und Algorithmen. Ratings und Kundenbewertungen werden zum Maßstab dafür gemacht, ob jemand weiterarbeiten darf oder nicht. Wollen wir wirklich eine Gesellschaft der Rankings und des permanenten Wettbewerbs werden? Das ist für mich die entscheidende gesellschaftliche Frage: Wie gehen wir damit um, wenn die Sicherheit eines festen Arbeitsvertrags schwindet und zugleich jeder zu jeder Zeit vermessen, eingeordnet und bewertet wird? Darauf müssen wir als demokratischer Staat eine Antwort finden.

ZEIT: Wie könnte man zu einer Antwort kommen?

Nahles: Ich will die Debatte über die Digitalisierung aus der Gesellschaft ins Parlament holen. Ich wünsche mir eine digitale Demokratiedebatte, die Demokratisierung der Digitalisierung, so nenne ich das. Und ich finde, wir sollten im Parlament an einem Leitbild Digitalisierung arbeiten. Das ist eine gute Aufgabe für eine "Enquetekommission Demokratie", die sich auch damit beschäftigt, welche Daten wo, von wem und wie genutzt werden – und wie sich das auf unsere Kultur, unsere Gesellschaft, unser Zusammenleben auswirkt. Welche neuen Geschäftsmodelle brauchen wir in der sozialen Marktwirtschaft? Gibt es einen eigenen europäischen Weg? Oder übernehmen wir nur die Vorgaben der Konzerne aus Kalifornien? Wir als SPD werden diese Debatte führen. Aber ich wünsche mir eine breite Diskussion über Parteigrenzen hinweg.

ZEIT: Ist diese Form der Kapitalismuskritik ein Signal, dass die SPD wieder linker werden muss?

Nahles: Für mich lautet die Botschaft: Raus aus dem kleinen Karo! Die SPD muss wieder grundsätzlicher werden. Wir haben in den vergangenen Jahren eine gute Regierungsarbeit gemacht, wir waren kompromissbereit und ein fairer Koalitionspartner. Aber die SPD ist nicht die taktische Reserve unserer Demokratie. Die SPD muss wieder ein Ort großer gesellschaftlicher Debatten sein. Wir Sozialdemokraten waren immer dann stark, wenn wir das Sprachrohr einer gesellschaftlichen Bewegung waren. Und deshalb müssen wir unsere Verbindung in die Gesellschaft stärken. Wenn wir den digitalen Kapitalismus kritisieren, so wie er sich jetzt darstellt, dann heißt das nicht, dass wir gegen gesellschaftlichen Fortschritt und Digitalisierung sind. Im Gegenteil! Ich bin gegen jede apokalyptische Schwarzmalerei. Eins ist klar: Die SPD muss wieder die Partei des Fortschritts werden und aus der Perspektive der Arbeitnehmer und demokratischer Rechte argumentieren.

ZEIT: Also muss die SPD zugleich linker und mittiger werden?

Nahles: Nein, sie muss ihr Profil schärfen. Die bittere Wahrheit ist doch: Wir haben kein klares Profil! Ganz viele Leute können sich potenziell vorstellen, die SPD zu wählen. In den Ländern haben wir das immer wieder geschafft, nur auf Bundesebene landen wir bei viel zu wenigen auf Platz eins.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Nahles: So etwas entsteht, wenn man jahrelang Themenhopping betreibt und nicht klar genug ist. Das ist ein relativ einfacher Befund.

ZEIT: Was meinen Sie mit Themenhopping?

Nahles: Das ist oft beschrieben worden und bedarf keiner weiteren Erläuterung.

ZEIT: Wie konnte dieses Themenhopping passieren?

Nahles: Es ist passiert.

ZEIT: Aber jetzt gleichzeitig links und mittig sein zu wollen trägt doch wohl kaum zur Profilschärfung bei, oder?

Nahles: Was heißt denn hier links, was heißt denn Mitte? Ein großer Teil der Mittelschichten wählt links und leider ein Teil der Arbeiter rechts. Es geht darum, für welche Werte und Interessen wir stehen. Es geht um soziale Gerechtigkeit, um Modernisierung und darum, unser Land auf der Höhe der Zeit zu halten. Dazu gehört übrigens auch, dass die deutsche Wirtschaft, unsere Industriegesellschaft, den Wettbewerb mit dem Silicon Valley gewinnt. Das ist für mich ein absolut prioritäres Ziel. Das kommt aber nicht von allein. Das heißt durchaus, dass man sich mit den Ausformungen des digitalen Kapitalismus beschäftigen muss. Man kann die Partei der sozialen Gerechtigkeit sein und gleichzeitig die wirtschaftlichen Interessen des Landes im Blick haben, das geht beides.

ZEIT: Sie waren früher die Vorzeigefrau der SPD-Linken, haben sich dann aber als Generalsekretärin und Ministerin als Zentristin präsentiert. Wie links wird die Oppositionsführerin Nahles sein?