Erst kürzlich betonte der Verfassungsschutzpräsident von Hessen, Robert Schäfer, die Gefahr, "dass sich rechtsterroristische Gruppierungen heranbilden könnten, die in der Lage sind, schwerste Straf- und Gewalttaten zu verüben". Wie sehr sich die Bedrohungslage manifestiert, wurde durch das – sehr späte – Erkennen einer Mordserie des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) im November 2011 offenbar. Insgesamt 13 Jahre lang lebte die Gruppe unentdeckt im Untergrund, hatte zugleich einen verzweigten Unterstützer- und Sympathisantenkreis. Der Untersuchungsausschuss des Bundestags monierte, der Rechtsterrorismus in Deutschland werde bisher vornehmlich anhand der bekannten Kriterien des gruppenförmigen Terrorismus geprüft. In den wissenschaftlichen Abhandlungen ist das Phänomen des Rechtsterrorismus viel zu wenig erforscht – auch nach dem Fall NSU. Der internationale Vergleich fehlt.

Das gilt insbesondere für sogenannte einsame Wölfe, also Täter, die individuell operieren und dabei ohne direkten Einfluss eines Anführers oder einer irgendwie gearteten Befehls- und Gehorsamshierarchie handeln. Das Konzept des einsamen Wolfs als Sonderfall innerhalb des Rechtsterrorismus wird hierzulande nicht einmal anerkannt.

Auch der bayerische Innenminister Joachim Herrmann negiert die Einstufung des Amoklaufs im Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) als rechtsextremistische Tat mit dem Argument, David S. sei niemals Mitglied einer rechtsextremistischen Organisation gewesen. Diese Argumentation beruht auf einem stark antiquierten Verständnis. Das klassische Bild des Rechtsterrorismus, wonach die meisten Rechtsterroristen vor ihrer besonderen gewalttätigen Aktivität einschlägigen Gruppen oder Parteien aus diesem politischen Lager angehörten, ist längst überholt. Der niederländische Geheimdienst etwa ist da weiter und erkennt eine neue Gefahrendimension.

Der Begründer einer sogenannten Widerstandsgruppe der "weißen Rasse" im US-amerikanischen Bundesstaat Indiana prägte den Begriff "einsamer Wolf". Tom Metzger publizierte Mitte der neunziger Jahre ein Manifest, in dem es heißt: "Ich bin der Untergrundkämpfer und unabhängig. Ich bin in deiner Nachbarschaft, in den Schulen, Polizeiabteilungen, Bars, Coffeeshops, Einkaufszentren et cetera, und ich bin 'Der Einsame Wolf'." Wie gefährlich diese Art des Terrorismus ist, zeigte der norwegische Rechtsextremist Anders Behring Breivik am 22. Juli 2011. Nach jahrelanger Planung ermordete er 77 vornehmlich junge Menschen.

Genau fünf Jahre danach kehrt ein ähnliches Muster des Rechtsterrorismus in München wieder: die akribische Planung, die Opferauswahl, die gleiche Tatwaffe und der rassistische Bezug. David S., ein 18 Jahre alter in München geborener Deutsch-Iraner, hatte ein festes rechtsextremistisches Weltbild. Er war stolz, aus dem Iran (übersetzt "Land der Arier") zu stammen, und er war getrieben von einem militanten Hass auf Türken, Albaner und Bosnier. Über sie sprach er von Untermenschen; er wollte sie auslöschen. Im virtuellen Raum äußerte er sich ebenso rassistisch wie auch gegenüber Klassenkameraden.

David S. berief sich auf Breivik, den er bewunderte. Er verwendete einmal sogar ein Bild des Norwegers als Profilfoto bei WhatsApp. David S. absolvierte Schießübungen im heimischen Wohnkeller und im Iran während eines Familienurlaubs im Dezember 2015. Er verfasste ein Bekennerschreiben, fantasierte über ein Anschlagsteam und über das Ziel, sein Vaterland "München" zu schützen. Auch seine Opferauswahl war ideologisch: Alle Getöteten waren Migranten. Besonders perfide war, dass er mit einem gefakten Facebook-Account eines türkischen Mädchens bestimmte ethnische Gruppen anlocken wollte.

Wer die Fakten zu einem Täterbild zusammenfügt, sieht alle Kriterien eines Rechtsterroristen im Sinne eines einsamen Wolfes erfüllt. Die persönliche, individualisierte Kränkungsideologie, angereichert mit kruden Bestandteilen, macht gerade den Einsamer-Wolf-Terrorismus aus. Es erstaunt, dass das offizielle Motiv auf ein einstiges Schulmobbing – später war der stets aggressive David S. sogar Klassensprecher – zurückgeführt wird. Zumal sich psychische Störungen und rassistisches Handeln gar nicht ausschließen, wie zahlreiche Beispiele vom österreichischen Briefbomber Franz Fuchs bis zu Breivik belegen.

Das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz konstatiert abschließend, dass der Täter "ein psychisch kranker Rächer" und nicht ein "terroristischer Kämpfer" sei. Die Folgen dieser Einschätzung sind gravierend: keine Erwähnung in den Verfassungsschutzberichten, keine Meldung einer "Politisch Motivierten Kriminalität Rechts".

David S. führte bis zuletzt ein soziales Leben, er absolvierte eine Führerscheinprüfung und trug selbst am Tag der Tat Zeitungen aus. Der Verfassungsschutz, der die Deutungshoheit hatte, begründet die Verneinung einer Terrortat damit, dass die Bezeichnung "Einsamer-Wolf-Terrorismus" eine Glorifizierung des Anschlags auslösen könnte. Aber wie wirkt sich die Einschätzung, dass die Münchner Morde unpolitisch waren, für die traumatisierten Überlebenden und Hinterbliebenen aus und wie für die Erinnerungskultur?

Was bedeutet diese verharmlosende Einschätzung für die Terrorismusbekämpfung? Ein junger Mann, der sich als Arier sah und rassistisch geprägt war, erschießt ausländische Mitbürger, und die Behörden schreiben in ihrem Abschlussbericht: "Es ist nicht davon auszugehen, dass die Tat politisch motiviert war."

Der Verfassungsschutz spielte eine äußerst unglückliche Rolle im Fall des NSU, ebenso beim ersten Verbotsverfahren gegen die NPD. Es scheint, als habe man daraus wenig gelernt.