Wer sein Studium abbricht, fühlt sich schnell als Versager. Doch auf dem Ausbildungsmarkt haben Studienabbrecher gute Chancen.

René Vögeli ist in seinem Leben ein paarmal falsch abgebogen – und trotzdem in einem Beruf angekommen, der zu ihm passt. Seit einem Jahr arbeitet der 29-Jährige als Leiter der Abteilung für Softwareentwicklung bei der Rangee GmbH in Aachen.

Der Weg dorthin verlief allerdings alles andere als geradlinig. Nach der Schule hatte Vögeli angefangen, Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren. "Technische Fächer haben mich interessiert, und die Jobaussichten für Ingenieure waren top", sagt er. Im ersten Semester lief alles gut. Dann stiegen die Anforderungen, und er hinkte immer stärker hinterher. "Der Stoff war total trocken. Mir fehlte der Praxisbezug", erzählt Vögeli. Vor allem Elektrotechnik und Mathematik bereiteten ihm Probleme, es fiel ihm schwer, dranzubleiben.

Von Kurs zu Kurs wurde er demotivierter. Ein schleichender Prozess, der fast zwei Jahre dauerte. "Ich habe den Frust lange ausgeblendet. Habe gejobbt und bin feiern gegangen, statt zu überlegen, wie es weitergehen soll", erzählt er. Doch irgendwann war ihm klar, dass er dringend eine Entscheidung fällen musste. "Ich konnte ja nicht den Rest meines Lebens rumgammeln." Vögeli wechselte zu Informatik. Als Jugendlicher war er ein Computerbastler gewesen, hatte Programme geschrieben und den Rechner seines Vaters auseinandergebaut. Doch wieder machte ihm der Stoff zu schaffen, vor allem Mathematik. Dreimal fiel er durch Lineare Algebra durch. Dann kam die mündliche Prüfung. Die musste er bestehen, um weitermachen zu können. "Aber ich hatte einen totalen Blackout. Ich saß da wie ein Reh vorm Scheinwerfer und habe kein Wort rausbekommen", erzählt er. Damit war es aus für ihn. Er wurde exmatrikuliert, durfte nicht weiterstudieren. Es dauerte ein paar Tage, bis er begriff: Studium und ich – das war es jetzt.

Knapp ein Drittel der jährlich 500.000 Studienanfänger brechen das Studium vor dem Bachelor ab, die Gründe dafür sind vielfältig. Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung scheitern die meisten (30 Prozent) an den hohen Anforderungen ihres Fachs. 17 Prozent fehlt es an Motivation und Identifikation, 15 Prozent wollen doch lieber praktisch als theoretisch arbeiten.

Als der erste Schock überwunden war, ging René Vögeli zum Arbeitsamt. Der Sachbearbeiter wies ihn auf das Switch-Programm hin. "Das war mein Glück", sagt er.

Switch ist ein Turbo-Ausbildungsprogramm für Studienabbrecher. In 18 Monaten statt der üblichen 36 können Teilnehmer eine Ausbildung absolvieren. Programme wie Switch gibt es in ganz Deutschland. Sie sind Teil einer bundesweiten Initiative des Bildungsministeriums.

Nach den Misserfolgen der Beste zu sein war ein Kick fürs Selbstbewusstsein

Um bei Switch angenommen zu werden, musste Vögeli 20 Creditpoints aus dem Studium vorweisen und zu einem Vorgespräch und einem Eignungstest in die Handelskammer. Noch eine Kurzbewerbung, dann ging alles ganz schnell. Mehr als hundert regionale Unternehmen sind dem Projekt angeschlossen und konkurrieren um die Studienabbrecher. Die sind so beliebt, weil den Unternehmen der Nachwuchs ausgeht. Fast jeder dritte Betrieb kann nicht alle Lehrstellen besetzen, ergab eine Online-Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Im vergangenen Jahr blieben 40 000 Lehrstellen frei.

"Bei mir hat es eine halbe Stunde gedauert, schon hatte ich die ersten Anfragen in meinem Posteingang", sagt René Vögeli. Nach dem ersten Vorstellungsgespräch bei der Rangee GmbH, einem mittelständischen Unternehmen für Softwareentwicklung, war für ihn klar: Da will ich hin. Zwei Wochen später begann seine Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung. Er schloss sie als Jahrgangsbester ab. "Nach all den Misserfolgen plötzlich der Beste zu sein, Erfolgserlebnisse zu haben und als Kollege ernst genommen zu werden war ein Kick fürs Selbstbewusstsein", sagt René Vögeli.

Auch Lukas Mrziglod schlug zunächst einen Weg ein, der nicht zu ihm passte. Insgesamt vier Jahre lang war er für Mathematik in Münster eingeschrieben – ein Fach, das schon seine Eltern studiert hatten. Was sie erzählten, hatte für ihren Sohn immer spannend geklungen. Doch Mrziglod war das Mathestudium viel zu theoretisch. Der 22-Jährige entschied sich schließlich, abzubrechen. Er habe noch überlegt, etwas anderes zu studieren, dann aber gemerkt: "Nicht das Fach ist das Problem, sondern das Studieren an sich."

Über einen Aktionstag der Industrie- und Handelskammer fand er zu 12seemeilen.de, einem Kölner Start-up, das Bootszubehör und Segelkleidung über einen Online-Shop verkauft. Dort macht er seit einigen Monaten eine Ausbildung. Er programmiert Erweiterungen für den Online-Shop, pflegt Datenbanken und optimiert die Website, damit Suchmaschinen sie finden können. Genau diese praktischen Arbeiten sind es, die ihm in seinem Studium so gefehlt haben.

"Gute Fachinformatiker findet man kaum noch auf dem Markt", sagt Holger Wieland, Ausbildungsleiter bei 12seemeilen.de. Deshalb ist es dem Unternehmen wichtig, dass die Azubis ihre Ausbildung auch wirklich zu Ende bringen. Bedenken, dass jemand, der bereits sein Studium abgebrochen hat, auch die Ausbildung hinwirft, hat Wieland nicht. Das Start-up habe gute Erfahrungen mit Studienabbrechern gemacht. Wer direkt aus der Schule komme, sei es gewohnt, mit Informationen versorgt zu werden. An der Uni müsse man sich dagegen um alles selbst kümmern – das präge, so Wieland. "Wir sind auf Leute angewiesen, die die Dinge selbst in die Hand nehmen", sagt der Ausbildungsleiter.

Studienabbrecher haben häufig eine gute Vorbildung, gelten als motiviert. Und sie werden noch aus einem anderen Grund gerne eingestellt: Die Gefahr, dass sie den Betrieb nach der Ausbildung verlassen, um ein Studium zu beginnen, ist gering.