Nein: Stanislaw Tillich will kein Wort über Kurt Biedenkopf verlieren. Kein einziges. Es ist Freitag, der 6. Oktober, und Sachsens CDU-Ministerpräsident absolviert einen seiner raren öffentlichen Termine in diesen Tagen, im Werk eines Halbleiterherstellers im Dresdner Norden. Nur hat Tillich ein Problem. Kaum einer will gerade von ihm hören, was er über Halbleiter denkt. Nicht heute – am Tag nachdem Kurt Biedenkopf, Sachsens erster Nachwende-Ministerpräsident, in der ZEIT erklärt hat: "Ich sorge mich um mein Lebenswerk." Weil die AfD zur Bundestagswahl ausgerechnet in Biedenkopfs schwarzem Sachsen stärkste Kraft geworden ist. Weil die CDU nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern 2016 zum zweiten Mal in einem Bundesland schwächer abgeschnitten hat als die AfD. Dafür macht Biedenkopf seinen Nach-Nachfolger Tillich persönlich verantwortlich. Tillich fehle die "Vorbildung" für sein Amt: Die Sachsen hätten das Gefühl, "nicht gut regiert" zu werden.

Die Kritik, die Biedenkopf an Tillich übt, ist vernichtend. Seit zwei Tagen machen fast alle sächsischen Tageszeitungen damit auf. An jenem Freitag, an dem Tillich eigentlich über Halbleiter reden will, titelt die Leipziger Volkszeitung: "Aufruhr in der Sachsen-CDU nach Tillich-Schelte durch Biedenkopf". Man wüsste gern, wie Tillich darüber denkt. Aber als man ihn am Rande seines Termins fragen will, da erfährt man: nichts. Tillichs Pressesprecher erklärt, der Ministerpräsident spreche nicht. Er sitzt die Sache aus.

Die Frage ist, ob diese Strategie ihm helfen wird. Denn dies sind die schwierigsten Tage in Stanislaw Tillichs nun neunjähriger Amtszeit: Das Ergebnis von nur 26,9 Prozent, einem Zehntelprozentpunkt weniger als die AfD, ist das schlechteste, das die CDU nach 1990 jemals in Sachsen erreicht hat. Was vor Wochen unvorstellbar war, ist plötzlich akut: Tillich muss bangen, ob er Ministerpräsident bleiben kann. Er muss sich etwas einfallen lassen, das ihm hilft, seinen Landesverband hinter sich zu versammeln. Bis zum Dezember, bis zum Parteitag der Sachsen-CDU, muss er beweisen, dass er noch der Richtige ist im Amt als Regierungs- und Parteichef. Er braucht ein Konzept.

Da man den Ministerpräsidenten derzeit nicht sprechen kann, muss man damit vorliebnehmen, seinen Gesichtsausdruck zu deuten. Von Tillich heißt es, dass Ärger ihm äußerlich eigentlich kaum anzumerken sei. Doch haben die Minister über die Jahre gelernt, die Mimik ihres Regierungschefs aufmerksam zu studieren. Man müsse gut hinsehen, sagt einer: Wenn Tillich den linken Mundwinkel leicht nach unten ziehe, sei er verärgert. Dann dauere es mitunter nicht lange – bis er in internen Runden regelrecht explodiere. Wer genau hingesehen hat, konnte Tillichs Mundwinkel in der zurückliegenden Woche tatsächlich einige Male zucken sehen. Es gehe ihm nicht gut, sagen einige seiner Getreuen.

"Das ist die größte Herausforderung in unserer Geschichte", erklärt Christian Piwarz, parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion. "Dieses Wahlergebnis einen Warnschuss zu nennen, das wäre noch verniedlichend." Denn, so sagt es nicht nur Piwarz: Die CDU hätte es sogar besser ertragen können, von der Linkspartei überholt zu werden. Solch ein Szenario hätte in die Logik der Union gepasst: Dann wäre man vom bisherigen Erzfeind zum ersten Mal nach 27 Jahren Dauerregentschaft übertrumpft worden. So was passiert. Aber ausgerechnet von rechts überholt zu werden, von der AfD? Das hat Konsequenzen.

Nun stehen auch alle bisherigen Selbstverständlichkeiten infrage. Im Sommer 2019 wählt Sachsen einen neuen Landtag. Fiele das Ergebnis dann aus wie bei der Bundestagswahl, würden mehr als 20 CDU-Landtagsabgeordnete ihr Mandat verlieren; dann hätte nicht einmal eine Koalition aus CDU und SPD eine Mehrheit. Bisher hatte der Erfolg von Sachsens CDU zwei Garanten, beide stehen zur Disposition. Der erste Garant war, natürlich: die Führungsperson, Stanislaw Tillich. Der zweite vermeintliche Erfolgs-Garant war der spezielle Kurs der sächsischen Union: Sie wäre gern eine Art sächsische CSU, einer der konservativsten Landesverbände der Republik. Dabei ist aus diesem Landesverband eher einer der unentschiedensten der Republik geworden.

Wenn es stimmt, was seine Vertrauten erzählen, dann ist Stanislaw Tillich in den Tagen nach der Bundestagswahl selber ins Zweifeln gekommen. Tillich wisse, dass er keiner sei, der die schwungvollsten Parteitagsreden halten könne oder der Journalisten beeindrucken würde mit seiner analytischen Schärfe. Aber der Ministerpräsident hielt sich offenbar für einen, der gut ankommt bei den Bürgern, der zuhören kann und dem zugehört wird. Deswegen habe er im Wahlkampf ein gutes Gefühl gehabt: Zwar wurden andere Politiker in Sachsen ausgepfiffen und ausgebuht – ihm aber ist das so gut wie nie passiert. Dass seine Union die Mehrheit in Sachsen bekommen würde, stellten weder er noch irgendwer sonst in seinem Umfeld infrage. Nun muss Tillich sich fragen, warum ihn seine Wahrnehmung so getrogen hat. Und was sein politisches Profil ist. Wofür er eigentlich steht.