Mit seinem Buch "Das verborgene Leben des Waldes", das für den Pulitzer-Preis nominiert wurde, ist Haskell vor einigen Jahren bekannt geworden. Das Waldstück, in dem er viele Hundert Stunden verbrachte, liegt nahe dem Gelände seiner Uni, der University of the South Sewanee in Tennessee. Würde Haskell nicht plötzlich stehen bleiben, würde man den Ort nicht erkennen: ein lichter, unscheinbarer Flecken voller Laub, umrahmt von bemoosten Steinen.

David G. Haskell: Haben Sie das gehört?

DIE ZEIT: Was so klang wie ein quietschender Reifen?

Haskell: Ja, das war eine Indianermeise. Sie nisten auf dem Boden. Jetzt ist gerade die Zeit, in der viele Zugvögel hier ankommen. Einige bleiben hier, viele ziehen aber weiter, nach Kanada, in die riesigen Nadelwälder dort. Schauen Sie mal hier.

ZEIT: Eine Schnecke.

Haskell: Die Artenvielfalt von Landschnecken ist in dieser Gegend sehr hoch. Die Tiere grasen den dünnen Teppich aus Algen und Pilzen ab, der viele Oberflächen überzieht.

ZEIT: Was diese Schnecke frisst, ist für uns nicht wahrnehmbar.

Haskell: Ihre Raspelzunge ist ihr Schlüssel zur Welt. Schnecken und Menschen besitzen grundverschiedene Systeme für Wahrnehmung und Ernährung. Man könnte sagen, dass wir in getrennten Welten leben. Hier im Wald wimmelt es von Paralleluniversen, von fantastischen Netzwerken, die Lebensformen miteinander verbinden. Diese anderen Welten sind für uns kaum vorstellbar.

ZEIT: Es ist interessant, dass Sie das als "Paralleluniversum" bezeichnen. Schließlich sind wir doch jetzt gerade ein Teil davon.

Haskell: Jede Kreatur, uns Menschen eingeschlossen, lebt innerhalb ihrer eigenen sensorischen Realität. Hier, dieser Hundertfüßler: Wenn ich ihn jetzt in die Hand nehme, was riechen Sie?

ZEIT: Unangenehm. Ist das Zyanid?

Haskell: Das ist ein Teil seines Chemikaliencocktails, mit dem er sich verteidigt. Der Hundertfüßler ist giftig, und deshalb so auffällig bunt gezeichnet. Er zeigt, dass er schlecht schmeckt.

ZEIT: Der Quadratmeter Wald, den Sie über ein Jahr beobachtet haben, wirkt ziemlich unspektakulär. Längst nicht so dicht und verwuchert, wie ich mir den Ort vorgestellt habe.

Haskell: Das mit dem Verwuchern ist so eine Sache. Vor nicht allzu langer Zeit muss hier ein großer Baum umgestürzt sein. Jetzt sehen Sie, dass all die jüngeren Bäume nach oben schießen, dem Licht entgegen. Licht ist hier unten die zentrale Überlebensfrage. Sehen Sie diese Pflanze dort, die Fußblätter? Was aussieht wie viele verschiedene Pflanzen, ist ein einziges Individuum. Vieles hier ist nicht so wie es scheint. Keiner dieser Bäume ist ein Einzelkämpfer, Vertreter unterschiedlicher Arten stehen über Netzwerke von Pilzen miteinander in Kontakt. Ein Wald sieht vielleicht aus wie eine Ansammlung von Individuen. Aber das führt in die Irre. Wir müssen ihn als Netzwerk begreifen. Genau diese Idee behandle ich in meinem neuen Buch Der Gesang der Bäume.

ZEIT: Die meisten Theorien der Biologie, Chemie, Wirtschaft oder Religion gehen von der Idee eines Individuums aus. Die fundamentale Grundeinheit der Physik ist das Atom, in der Biologie eine Art, eine Spezies. Auch in der Religion geht es um die Entscheidungen eines Einzelnen.

Haskell: Es steckt viel Wahrheit darin, so auf die Welt zu schauen. Aber es gibt den anderen Blick, in dem diese Dinge nur temporäre Manifestationen temporärer Verbindungen eines Netzwerks sind. Und dieses Netzwerk überlebt die Zeiten und entwickelt sich. Wenn Sie diesen Baum von seinem Netzwerk abschneiden, dann stirbt er.

ZEIT: Fließen jetzt in diesem Moment Informationen durch das Wald-Netzwerk?

Haskell: Natürlich. Die Wurzeln dieses Baums hier sind über unterirdische Pilze mit vielen anderen Bäumen verbunden. Wird einer von Insekten befallen, gelangt diese Information ins gesamte Netzwerk. Als wir uns vom Auto auf den Weg gemacht haben, sind auch wir Teil davon geworden. Unsere Ankunft ist von Vogelrufen durch den Wald getragen worden, deshalb werden wir wahrscheinlich keine Füchse oder Hirsche sehen. Sie können an diesem Ort nicht unbemerkt auftauchen.

ZEIT: Wir sind hier umgeben von unzähligen Pflanzen. Warum hat jede Art eine eigene Blätterform?

Haskell: Das ist eine gute Frage. Ich habe viel Zeit damit verbracht, in der Literatur nach einer Antwort zu suchen. Was sind die Kosten und Vorteile dieser Formen? Niemand weiß das.

ZEIT: Dieser Trieb sieht aus wie eine Schnecke.

Haskell: Das ist ein Klapperschlangen-Farn. Als Forscher sein Erbgut untersuchten, haben sie entdeckt, dass die meisten Gene zur Farn-Familie gehören – aber auch einige gefunden, die für Misteln typisch sind. Dieser Parasit hat den Vorgänger des Farns parasitiert, und es kam zu einem Gen-Austausch über Pflanzenfamilien hinweg. Eine unscheinbare Pflanze – und so eine coole Geschichte!