Erzählen, am besten wäre es, einfach davon zu erzählen, was Philipp Ther in den Quellen an Lebensfluchtwegen gefunden und in sein Buch eingestreut hat, irrwitzig.

Da wäre die Geschichte des Mädchens Suzanne, das mit fünf jüngeren Geschwistern aus der Champagne 1687 nach England loszog, jahrelang unterwegs war, über zehn Stationen der Flucht, zuerst versteckt im Frachtraum eines Schiffes, darum bemüht, dass die Kleinen kein Geräusch machten, später betrogen von den Schleppern, die sie nicht am vereinbarten Hafen absetzten. Das Mädchen musste schließlich einen 67-Jährigen heiraten und wurde so zur Ahnin des Dichters Friedrich de la Motte Fouqué.

Oder da wäre die Geschichte des Heimatlosen aus der ostrumelischen Kleinstadt Kardschali im heutigen Bulgarien, eines vertriebenen Muslims namens Talât, der zunächst in den Postdienst gelangte, bald darauf zum Gewalttäter wurde, und zwar in seiner Eigenschaft als osmanischer Innenminister, der verantwortlich war für den Befehl, eine Million Armenier zu ermorden, 1915/16.

Oder auch die Geschichte des polnischen Revolutionärs Tadeusz Kósciuszko aus Polesien, heute Belarus, den es im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1775 an die kanadische Grenze verschlug, wo er zum Festungsbau eingesetzt wurde, und der später selbst Jahre der Festungshaft in St. Petersburg überlebte, sein Gut an Thomas Jefferson überschrieb und 1808 lieber ins schweizerische Exil ging, als in Warschau Napoleon zu dienen.

Es ist ein weithin unbekannter Kontinent, den Philipp Ther mit seinem neuen Buch Die Außenseiter entstehen lässt. Man könnte ihn metaphorisch den siebten Kontinent nennen: Auf ihm sind Fliehende unterwegs. Realhistorisch ist Thers Gegenstand aber der Kontinent des modernen Europa, auf dem seit Jahrhunderten – seit 1492 eine halbe Million Juden und Muslime von der Iberischen Halbinsel vertrieben wurden – ständig zahllose Menschen aufbrechen, weil sie aus religiösen, nationalistischen oder politischen Gründen verfolgt werden, sich irgendwie durchschlagen, buchstäblich auf der Strecke bleiben oder eben irgendwo ankommen, meistens auf Generationen hinaus mehr schlecht als recht leben, und dann schaffen sie es endlich doch, meistens zum Nutzen der sogenannten Aufnahmegesellschaft.

All diese Wandernden auf der Flucht hat Philipp Ther in ein europäisches Menschheits-Panorama zusammengeführt, und was ihn interessiert, ist die Frage: Gelingt es ihnen, anzukommen? "Es schaffen", das kann je nach Epoche und Ort heißen: überleben, ansässig werden, die Landessprache sprechen, Arbeit finden, Rechte bekommen, einheiraten in die aufnehmende Gesellschaft, aufsteigen, Kinder einschulen. Nach dem Ankommen zu fragen bedeutet, die Fliehenden als Akteure der europäischen Geschichte ernst zu nehmen. Mit dieser Perspektive schließt Ther an die Forderung Hannah Arendts an, Flüchtende als "Avantgarde ihrer Völker" zu verstehen. Unterwegs, in Europa.

Der 50-jährige Wiener Osteuropa-Historiker Philipp Ther hat schon einmal bewiesen, wie grandios er das kann: anhand der Quellenbestände der Archive einen vermeintlich bekannten Erdteil neu entstehen zu lassen. Zuletzt hat er es 2014 mit seiner Geschichte des neoliberalen Europa vorgemacht, die 2015 den Leipziger Buchpreis gewann: Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. In seinem neuen Buch überbietet Ther die eigene Kunst, denn es nimmt die Lesenden mit auf den Weg all dieser wandernden Menschen, bis man sich fragt, wie es eigentlich sein kann, dass es in Europa auch Menschen gibt, die nie flüchten mussten. Die einfach ein Leben lang bleiben konnten, wo sie waren, unterbrochen nur von ein paar Dienst- und Urlaubsreisen. Wie die meisten der Westeuropäer heute, mit ihrem Dach über dem Kopf und ihrem unerhörten Privileg, über Wasser, Strom und Nahrung zu verfügen, ihre Kinder in die Schule schicken zu können – und Rechte zu haben.

Philipp Ther hat sein Buch klug so angelegt, dass es für unterschiedlichste Leserinteressen geeignet ist: Der Autor sagt immer mal wieder, man könne jetzt als Laie gern einen Abschnitt überblättern, wenn einen der Forschungsstreit um Begriffe wie Flucht, Integration oder Assimilation nicht im Einzelnen interessiere oder eine bestimmte Epoche nicht. Man kann auch von einer der eingestreuten Biografien zur nächsten gehen und den Rest des Buchs gar nicht lesen, denn sie sind durch Illustrationen hervorgehoben und daher beim Durchblättern leicht zu finden. Und doch liest man dieses Buch am besten Seite für Seite, weil man so spürt, wie der eigene Blick sich ändern kann.

Es sind zunächst die puren Zahlen und Fakten, die den Atem stocken lassen, man merkt, wie vergangenheitslos die heutige Flüchtlingsdebatte oft ist und wie jung die zivilisatorische, mithin politische Anstrengung, Menschen nicht einfach sterben zu lassen. Beispiel: Allein in griechischen Flüchtlingslagern kamen in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg etwa 70.000 Menschen um, sie starben an Hunger oder Epidemien, eine Million Menschen waren über die Ägäis dorthin vor dem Griechisch-Türkischen Krieg geflohen; insgesamt irren Anfang der 1920er Jahre sieben Millionen Menschen durch Europa, auf der Flucht vor Revolutionen, Bürgerkriegen oder den Balkankonflikten.